Alliierte in eigener Sache

Die vielen Gegner des IS formieren sich. Sie verfolgen aber alle eigene Interessen.

Frankreichs Präsident zog aus, um Allianzen zu schmieden: François Hollande (links) bei Wladimir Putin.

Frankreichs Präsident zog aus, um Allianzen zu schmieden: François Hollande (links) bei Wladimir Putin.

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Frankreichs Präsident François Hollande zog aus, um eine globale Allianz gegen die Terrormiliz Islamischer Staat zu schmieden. Er reiste nach Washington und heute schliesslich nach Moskau. Er wollte die beiden nominell mächtigsten Akteure im Syrienkonflikt verpflichten, dem Kampf gegen diesen Feind Vorrang vor allem anderen zu geben. Allein: Er müsste nun Besuche in Teheran, Damaskus, Bagdad, Riad, Ankara und Arbil anschliessen. Der IS hat viele Gegner, irgendwie, aber alle diese Gegner haben eigene Interessen.

US-Präsident Barack Obama führt ein Land, das im Wahlkampfmodus steckt; er will nicht tiefer in den Konflikt hineingezogen werden und den Einsatz von Bodentruppen vermeiden. Am Tag vor den Attentaten von Paris rechtfertigte er seine Zurückhaltung mit dem Satz, die Bedrohung durch den IS sei «eingegrenzt» – ein grandioses Fehlurteil, selbst wenn der Vormarsch des IS im Irak und in Syrien gestoppt ist. Unstrittig ist, dass Luft­angriffe nicht reichen, um den IS zu zerschlagen. Die Infanterie sollten eigentlich von den USA ausgebildete irakische Einheiten stellen. Doch die 5000 neu trainierten Soldaten sind dem IS nicht gewachsen.

Schlagkräftige Kurden

So erfreuen sich die Kurden des Rufs, am effektivsten gegen die Soldaten des selbst ernannten Kalifats zu kämpfen; dafür bekommen sie auch Waffen. Sie haben Sindshar freigekämpft, im ureigenen Interesse: Die Stadt liegt in einem Gebiet, das sie als Teil eines künftigen kurdischen Staates sehen. Mosul werden die Kurden indes nicht befreien. Das würde der Regierung in Bagdad in die Hände spielen, mit der Arbil im Clinch liegt über Ölverkäufe und den Status von Kirkuk. Die Stadt war an die Kurden gefallen, als die Armee davonlief vor dem IS.

Die Türkei fürchtet nichts mehr als einen Kurdenstaat entlang ihrer Grenze. Als die syrischen Volksverteidigungseinheiten, ein Ableger der als terroristisch eingestuften PKK, jüngst von Kobane den Euphrat nach Westen überschritten, wo sich der IS breitmacht, flog Ankara Angriffe – auf die Kurden, nicht etwa auf den IS. Und die Türkei versteht sich als Schutzmacht der syrischen Turkmenen, die von den Russen bombardiert werden.

Rachemorde und ethnische Vertreibungen

Kaum besser sieht es im Irak aus. Dort haben zumeist vom Iran gesteuerte Schiitenmilizen zwar Tikrit befreit. Die Operation diente aber zuallererst dazu, Premier Haidar al-Abadi zu demonstrieren, wer in Bagdad das Sagen hat. Die mächtigen Schiiten-­blöcke verhindern im Verbund mit dem Iran bis heute, dass die Sunniten mehr als ein paar lumpige Sturmgewehre bekommen, um in ihren eigenen Siedlungsgebieten gegen den IS zu kämpfen. So fiel Ramadi an den IS.

Mehr noch: Die Rachemorde der Milizen (in ihrer Grausamkeit dem IS nicht unähnlich) und die jahrelange Marginalisierung durch die von ­Teheran abhängige Regierung Nuri al-Malikis haben die Sunniten in die Arme des IS getrieben. Auch das hat den IS stark gemacht, genauso wie die mit Lügen gerechtfertigte US-Invasion im Irak. Nach Tikrit etwa können viele Sunniten nicht zurückkehren. Die Schiiten nutzen den Kampf gegen den IS als Vorwand für ethnische Vertreibungen in einst gemischt besiedelten Gebieten. Ziel der Schiiten – im Irak und im Iran – ist es, die Sunniten von der Macht fernzuhalten.

In Syrien hat sich Machthaber Bashar al-Assad mit dem IS arrangiert. Er konzentriert sich darauf, die gegen ihn kämpfenden Rebellen niederzuhalten. So hofft er, die Welt vor die Wahl zu stellen zwischen seinem Regime, das mindestens 180'000 der 250'000 Toten des Bürgerkriegs zu verantworten hat, und dem Islamischen Staat. Sein Ziel ist der Macht­erhalt. Russland und noch mehr der Iran haben sich dieser Logik angeschlossen.

Die Türkei disziplinieren

Es wird eines gewaltigen Kraftaktes bedürfen, all diese Akteure in einer Front gegen den IS zu einen: Assad müsste sich mit den Rebellen verbünden und damit an seinem eigenen Ende mitwirken. Man darf gespannt sein, ob Wladimir Putin gewillt und in der Lage ist, ihn dazu zu zwingen. Die Amerikaner, viel mehr noch die Saudis müssten die syrischen Rebellen in diese Allianz drängen, was nur gelingen wird, wenn man ihnen Assads Abgang glaubhaft in Aussicht stellen kann.

Dann müsste der Iran in Bagdad auf die Einbindung der Sunniten hinwirken, und die Amerikaner und die Russen müssten gemeinsam Ankara disziplinieren, was nach dem Abschuss des russischen Jagdbombers von dieser Woche durch die Türken unwahrscheinlicher denn je geworden ist.

Erstellt: 27.11.2015, 00:02 Uhr

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