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Als er Arbeitskollegen von Jesus erzählte, begann für ihn die Hölle

Mehr Diskriminierung, Gewalt und Ermordungen: Die Verfolgung von Christen nimmt zu. In diesen Ländern leben sie am gefährlichsten.

Wurde zwei Tage lang verhört und misshandelt: Mohamedreza, iranischer Christ. Bild: Open Doors
Wurde zwei Tage lang verhört und misshandelt: Mohamedreza, iranischer Christ. Bild: Open Doors

Der Iraner Mohamedreza war Teil einer Untergrundkirche und erzählte seinen Arbeitskollegen immer wieder von Jesus. Das sollte sich als Fehler herausstellen. Eines Tages holten Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes den Mann ab, fesselten ihn mit Handschellen, zogen ihm eine schwarze Stofftüte über den Kopf und verhörten ihn so zwei Tage lang. Mohamedreza wurde beleidigt, geschlagen und mit dem Kopf gegen die Wand gestossen, bevor ein Bekannter, der selbst für den Sicherheitsdienst arbeitete, seine Freilassung erwirken konnte.

So erzählt es das Hilfswerk Open Doors in seinem neusten Bericht zum Weltverfolgungsindex, den es jährlich herausgibt. Mohamedreza ist ein Gesicht der Verfolgung, die Christen wegen ihres Glaubens weltweit erleben. Seit 2006 stellt Open Doors eine starke Zunahme von Feindseligkeiten, Diskriminierung und Gewalt gegen Christen fest.

Mohamedreza hatte mehr Glück als andere. Im vergangenen Jahr wurden 4136 Christen wegen ihres Glaubens ermordet. Das sind 1354 oder 48 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Und die Dunkelziffer ist hoch: Open Doors nimmt nur sehr genau dokumentierte und religiös motivierte Morde in seinem Bericht auf.

«Jeder neunte Christ weltweit erleidet Diskriminierung und Verfolgung.»

Patrick Schäfer, Open Doors

In immer mehr Ländern erfahren Christen auch Ausgrenzung seitens der Gesellschaft sowie Unterdrückung durch den Staat, weil sie nicht der vorgegebenen Ideologie oder Religion folgen wollen. Schikane und Überwachung drängen sie vermehrt in den Untergrund, wie die Geschichte von Mohamedreza zeigt.

«Leider verschlechtert sich die Situation von Jahr zu Jahr», sagt Patrick Schäfer, Leiter des Deutschschweizer Büros von Open Doors. «Derzeit erleidet jeder neunte Christ in der Welt aufgrund seines Glaubens Diskriminierung und Verfolgung.»

Wird von der Polizei verprügelt, weil er gegen Gewalt demonstrierte: Ein pakistanischer Christ in Lahore. Bild: Reuters
Wird von der Polizei verprügelt, weil er gegen Gewalt demonstrierte: Ein pakistanischer Christ in Lahore. Bild: Reuters

Am schlimmsten ist die Lage in Nordkorea – zum 18. Mal in Folge. Laut Open Doors müssen im totalitären Staat 50'000 bis 70'000 Christen aufgrund ihres Glaubens in Straflagern Zwangsarbeit verrichten und werden gefoltert. Der Grund für die Verfolgung in Nordkorea ist der Personenkult um Diktator Kim Jong-un. Der Machthaber duldet keine Religionen in seinem Land.

In zahlreichen Ländern im Nahen Osten, in Afrika und Asien leiden Christen ebenfalls unter Repressalien. Erstmals in den Top 10 rangiert Indien, wo im Berichtsjahr Angriffe auf etwa 100 Kirchen und mindestens 12'500 Christen dokumentiert sind. Mehr als 200 von ihnen wurden demnach verhaftet und mindestens 10 getötet.

Neu gehören auch Marokko und Russland zu den 50 Ländern, in denen Christen am gefährlichsten leben. Laut Open Doors kommt es hauptsächlich in Regionen Russlands mit muslimischer Mehrheit zu Vorfällen, aber auch die Regierung begünstige die russisch-orthodoxe Kirche zulasten anderer christlicher Gruppen.

In den 50 Ländern, über die der Weltverfolgungsindex berichtet, leben rund 700 Millionen Menschen, die sich zum christlichen Glauben bekennen. In etlichen dieser Länder sei mittlerweile eine Entwicklung hin zu totalitären Herrschaftssystemen erkennbar, schreibt das Hilfswerk. Die wachsende Verbreitung persönlicher digitaler Geräte mache es Regierungen dabei leicht, ihre Bürger zu überwachen.

Am deutlichsten zeigt sich dieser Trend in China, wo vor einem Jahr neue Vorschriften für religiöse Angelegenheiten in Kraft traten. Seitdem mussten zahlreiche Kirchen und christliche Einrichtungen schliessen oder wurden zerstört. Gottesdienste werden videoüberwacht, Pastoren in Umerziehungslager gesteckt. Im Berichtszeitraum wurden 1131 Christen inhaftiert – mehr als in jedem anderen Land der Welt.

Werden vom Staat unterdrückt: Chinesische Christen wie diese Frau. (Bild: Reuters)
Werden vom Staat unterdrückt: Chinesische Christen wie diese Frau. (Bild: Reuters)

China sei ein Paradebeispiel für die wachsende Unterdrückung der Glaubensfreiheit durch ein immer repressiveres Regime, sagt Open Doors. Staatschef Xi Jinping versuche, die stetig wachsenden christlichen Gemeinschaften zur absoluten Loyalität gegenüber Staat und kommunistischer Partei zu zwingen. Von Chinas geschätzten 12 Millionen Katholiken gehört die Hälfte zu den staatlich nicht genehmigten Untergrundkirchen.

«Die Religionsfreiheit war noch nie so gefährdet wie heute», bilanziert Patrick Schäfer von Open Doors. «Ich fordere unsere Regierung und die internationale Gemeinschaft auf, ihre Aufmerksamkeit auf diese besorgniserregenden Entwicklungen zu richten.» In den Beziehungen zu den betroffenen Ländern werde die Situation der religiösen Minderheiten allzu oft ignoriert oder nicht angesprochen. Wirtschaftliche Interessen hätten Vorrang.

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