Am Kap der Hoffnungslosigkeit

In den illegalen Camps Nordfrankreichs leben Flüchtlinge lieber monatelang unter menschenunwürdigen Bedingungen, als Asyl zu beantragen. Ein Blick ins Innere.

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Die Schuhe verschwinden im Sumpf. Menschliche Exkremente häufen sich in einer Pfütze, daneben steht ein durchnässtes Trekkingzelt. Plastikteller mit Reisresten liegen herum, Regenwürmer, ein ertränktes Stofftier. Eine Zweijährige mit Schnuller steht im Eingang ihres Zeltes und schaut zu.

So sieht aus im illegalen Flüchtlingscamp von Grande-Synthe, einer Kleinstadt im Norden Frankreichs. Seit September leben auf dem 15 Fussballfelder grossen Gelände zwischen Autobahn und Wohnquartieren überwiegend kurdische Flüchtlinge aus dem Nordirak. Ende Dezember zählten Hilfsorganisationen 2500 Menschen, darunter 200 Kinder. Der Standort liegt günstig: Der Eurotunnel und der Hafen von Calais sind nur 40 Kilometer entfernt. Denn die Flüchtlinge haben alle das gleiche Ziel: den Ärmelkanal zu überqueren, um nach Grossbritannien zu gelangen.

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Hustende Kinder in viel zu grossen Wanderschuhen stossen Schubkarren mit leeren Behältern durch den Dreck, um diese an den paar wenigen Wasserhähnen aufzufüllen. «Ein Grossteil der Bewohner hat klimabedingt Atemwegsprobleme bis hin zur Lungenentzündung» sagt Raphaël Etcheberry, Projektleiter von Médecins sans Frontières (MSF) hier in Grande-Synthe. «Andere haben massive Verbrennungen an den Unterarmen, weil sie sich den ganzen Winter über am Feuer gewärmt haben.» Die Krätze, eine parasitäre Hautkrankheit, hat sich ausgebreitet. Dazu kommt die Angst, dass den Bewohnern die Zwangsräumung, wie sie in Calais gerade passiert, noch bevorsteht. Kaum zehn Meter entfernt blüht, auf der gegenüberliegenden Strassenseite, der korrekte französische Mittelstand: neu gebaute Backstein-Einfamilienhäuser, perfekt getrimmte Gebüsche.

Der französische Staat hat von Anfang an weder eingegriffen noch geholfen. Nur ein paar Polizisten mit Maschinengewehren kontrollieren den Haupteingang des Camps. Sie gehen willkürlich vor, oft dürfen selbst die Helfer, die auf dem Gelände wohnen, trotz Bewilligung nicht hinein. Die Polizisten sollen in erster Linie dafür sorgen, dass keine Baumaterialien ins Camp gelangen. Die Franzosen wollen hier verhindern, dass – wie im verwandten Camp in Calais – permanente Behausungen entstehen. Seit Anfang Jahr durften weder Zelte noch Schlafsäcke hineingebracht werden.

Der «Papa» der Flüchtlinge

Knapp einen Kilometer weiter hat MSF mit 2,5 Millionen Euro ein neues Camp finanziert, das die humanitären Mindestanforderungen erfüllt. Ab dieser Woche stehen beheizte Holzhäuschen, Duschcontainer, feste Toiletten und eine zweistöckige medizinische Klinik für die Flüchtlinge bereit. MSF-Projektleiter Etcheberry sagt: «Es ist für uns eine absolute Premiere in einem Land wie Frankreich, mitten in Europa, wo die Mittel eigentlich gegeben wären, auf solche Weise einzugreifen.»

Die Flüchtlinge, die hier seit Monaten zwischen Abfallbergen im Schlamm ausharren, erhielten immerhin Kleider und warmes Essen gespendet, ausserdem gab es Unterricht für die Kinder. Alles von freiwilligen Helfern organisiert. Im Herzen des Camps steht ein Zelt mit Küche und etwa 60 Sitzplätzen. Aufgebaut wurde es von einer Gruppe junger Schweizer, die sich Rastplatz nennt. Seit Dezember kochen sie hier gemeinsam mit den Flüchtlingen. Im hinteren Teil des Zeltes sitzt ein älterer Kurde geknickt auf einem Stuhl. Sirwan ist seit fünf Monaten im Camp und zum «Papa» der Flüchtlinge von Grande-Synthe geworden. Fünfmal hat er versucht, in einem Lastwagen nach England zu gelangen.

Die Anzahlung

«Worüber machst du dir Sorgen?», fragt ihn Jael, eine der Helferinnen von Rastplatz. Sie hält seine Hand. «Ich weiss nicht, was ich meinen Leuten raten soll, ob sie ins neue Camp gehen sollen oder nicht.» Jael zeigt ihm Fotos des MSF-Lagers. «Ob ich duschen kann, ist mir egal. Aber ich muss dort mein Mobiltelefon aufladen können.» Es ist seine einzige Verbindung in die Heimat. Er hat seine Mutter im Irak zurückgelassen, sie ist im Krankenhaus. «Werden sie kontrollieren, ob wir ein und aus gehen?», fragt Sirwan. Die Flüchtlinge kennen die Bilder der Zwangsräumung in Calais. «Dieses Lager ist gut für uns, hier sind wir wenigstens frei», erklärt er. Seine grösste Angst: Sollte es im neuen Lager analog zu Calais Zutrittskontrollen durch die Polizei geben, haben sie nie mehr eine Chance, nach Grossbritannien zu gelangen. Denn dafür sind sie auf Schlepper angewiesen und darauf, dass sie gruppenweise das Lager unkontrolliert verlassen können.

Beshwar, ein junger Kurde, ist wie Sirwan zum Vertrauten der Bewohner von Grande-Synthe geworden. Er befürchtet, dass die Flüchtlinge im neuen Camp registriert werden. «Wir wollen nicht in Frankreich bleiben. In England haben wir bessere Chancen, schon der Sprache wegen.» Ausserdem hätten die meisten Verwandte oder Freunde, die es schon dorthin geschafft haben. «Man gibt den Schleppern eine Anzahlung von circa 3000 Franken, steigt in einen Lastwagen und hofft, dass die Polizei die Fahrt nicht stoppt.» Wenn man es dann nach England geschafft hat, bezahlt man den Rest der Fahrt, bis zu 12'000 Franken. Viele der in Grande-Synthe lebenden Flüchtlinge haben die Anzahlung bereits geleistet.

«Immer dem Gestank nach»

In Calais hat der Abriss des Dschungels bereits begonnen. Am Hafen stehen bewaffnete Polizisten. Wer sie nach dem Weg fragt, erhält die Antwort: «Immer dem Gestank nach.» Es ist ein beissender Geruch, nach verbranntem Plastik, Müll und Essig.

Beim Eingang der Zeltstadt ziert ein Graffito mit der Aufschrift «London Calling» die Autobahnbrücke. Die Autobahn ist geschützt von einem fünf Meter hohen Maschendrahtzaun. Grossbritannien hat diesen mitfinanziert, um die Flüchtlinge daran zu hindern, in den Eurotunnel zu gelangen.

Der Dschungel, der bis vor kurzem mehr als 5000 Menschen beherbergte, gleicht einer Geisterstadt. Einige Lebensmittelshops, eine Kirche, und ein Teil der Behausungen stehen noch, alle aus Holz, Blech und Plastik. Wo früher Zelte standen, erkennt man in der Erde die Spuren der Bagger. Die wenigen Flüchtlinge, die noch da sind, leisten kaum Widerstand. Apathisch schauen sie dem Abriss zu.

«Finish Jungle», sagt ein Mann und schüttelt den Kopf. Sein Haus wurde am selben Morgen abgerissen. Und jetzt, wie weiter? «Ich schlafe im Zelt eines Freundes, bis dieses auch abgerissen wird.» ­Raman ist ein 64-jähriger Kurde aus dem Irak. Seit Dezember habe er immer wieder versucht, in den Tunnel zu gelangen. «Die Polizei zieht dich aus dem Zug raus und schreit, du sollest zurück in den Dschungel gehen.» Seine Zähne sind braun. «Ich wollte nicht weg. Aber der Islamische Staat hat unser Dorf eingenommen und uns gezwungen, es zu verlassen.» Er will nach England, seine Freunde seien bereits da. «Als es um das Öl in unserem Land ging, hat sich England eingemischt. Jetzt wollen sie uns nicht reinlassen.»

Unbeliebte Zentren

Nachdem die französische Justiz die Räumung des Dschungels gebilligt hat, bleiben den Flüchtlingen nicht viele Möglichkeiten. Der Staat liess auf einem Gelände nahe dem Dschungel beheizte Container für 1500 Menschen aufstellen. Die Flüchtlinge, die dort einziehen, müssen allerdings ihre Handflächen beim Ein-und-aus-Gehen scannen. Viele meiden diese Lösung aus Angst, nicht weiterreisen zu dürfen. Zudem hat die französische Regierung im Oktober im ganzen Land knapp 100 provisorische Aufnahmezentren geöffnet, alle weit entfernt von der britischen Grenze. Dort werden die Flüchtlinge ermutigt, Asyl in Frankreich zu beantragen.

Obwohl während der Räumung Busse die Bewohner des Dschungels direkt in solche Zentren chauffieren, sind nur wenige Flüchtlinge eingestiegen. So nahe am Ziel Grossbritannien möchte niemand aufgeben. Die Hoffnung auf ein besseres Leben in England gründet auch in der Tatsache, dass dort keine Meldepflicht gilt. Ist man erst mal im Land, so kann man auch im Falle eines abgelehnten Asylantrags untertauchen und einer illegalen Arbeit in einem Restaurant oder einem Lagerhaus nachgehen. Die Flüchtlinge realisieren nicht, dass sie in England nicht willkommen sind.

Aufklären statt abschrecken

In Grande-Synthe solle alles anders ablaufen, sagt die Sprecherin des Bürgermeisters Damien Carême. Er setzt auf Aufklärung und Konsens: «Er wollte die Flüchtlinge nicht mit Baggern verjagen, wie es die Behörden in Calais gemacht haben.» Die Flüchtlinge sollten vorher überzeugt werden, das alte Camp freiwillig zu verlassen. Es war auch Carême, der die Initiative ergriff, das Land für eine halbe Million Euro aus der Gemeindekasse zu kaufen, um es MSF zum Bau des neuen Lagers zur Verfügung zu stellen. Carême ist im Zwiespalt: Die Regierung sprach sich gegen den Bau solcher Camps aus, um nicht noch mehr Flüchtlinge anzulocken, er aber wollte die Flüchtlinge nicht weiterhin sich selbst überlassen.

«Das neue Camp wird weder umzäunt sein, noch werden die Flüchtlinge beim Ein-und-aus-Gehen kontrolliert. Sie werden frei sein, aber unter menschenwürdigen Bedingungen.» Der Bürgermeister liess zur Aufklärung Briefe und Fotos des neuen Camps drucken und im Lager von Grande-Synthe verteilen. Gemeinsam mit MSF will er das Vertrauen der Flüchtlinge gewinnen. Auch Beshwar, der junge Kurde, auf den die Flüchtlinge hören, durfte das neue Camp im Voraus besichtigen und liess sich kurz vor der Räumung überzeugen: «Ich werde mit meiner Familie dort einziehen und hoffe, dass mir der Rest freiwillig folgt. Das ist die beste Option für uns alle.»

Für die Umsiedlung der Flüchtlinge ins neue Camp plant die Gemeinde drei Tage ein. Eine längerfristige Lösung? «Das neue Lager wird bis zu dem Tag in Betrieb sein, an dem es hier keine Flüchtlinge mehr geben wird», sagt die Sprecherin des Bürgermeisters. Und hofft.

Erstellt: 07.03.2016, 23:58 Uhr

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