«Dann wird das Trumps Untergang»

Nicht Hillary Clinton, sondern er war 2016 Opfer ausländischer Machenschaften: Donald Trumps schrille Verschwörungstheorien werden ihm nun zum Verhängnis.

Düstere Theorien: Donald Trumps Gegner fordern ein Amtsenthebungsverfahren.

Düstere Theorien: Donald Trumps Gegner fordern ein Amtsenthebungsverfahren. Bild: Keystone

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Da war sie wieder, die so vertraute wie unsinnige Verschwörungstheorie um einen Server des Demokratischen Nationalkomitees (DNC): Natürlich habe der Präsident «in der Vergangenheit mir gegenüber die Korruption um den DNC-Server erwähnt, absolut, keine Frage – und deswegen haben wir das Geld zurückbehalten», erklärte Donald Trumps amtierender Stabschef Mick Mulvaney am vergangenen Donnerstag.

Der Satz schockierte Washington, gestand Mulvaney damit doch ein, dass vom Kongress bewilligte Militärhilfe an die Ukraine in Höhe von 391 Millionen Dollar vom Weissen Haus als Druckmittel missbraucht wurde: Die Regierung in Kiew sollte damit gezwungen werden, Donald Trumps Lieblingsverschwörungstheorie nachzugehen. Dass Kiew Schmutz gegen Ex-Vizepräsident Biden und seinen Sohn Hunter sammeln sollte, war bereits aus der Abschrift des Telefonats von Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyi ersichtlich gewesen.

Nun aber hatte Mulvaney die Existenz eines Quid pro quos zugegeben, das Trump und seine republikanischen Apologeten bislang vehement abgestritten hatten. Zwar ruderte der Stabschef nur Stunden später hastig zurück, doch es half nichts: Mulvaney hatte live im Fernsehen ein Geständnis abgelegt.

Trump bestreitet

Dieses Geständnis galt freilich nur für jenen Teil der Ukraineaffäre, der sich um eine wilde Verschwörungstheorie rankt. Ihr zu Folge griffen nicht Russen zu Gunsten Donald Trumps 2016 in den US-Wahlkampf ein, sondern ukrainische Offizielle, die dem DNC und Hillary Clinton zu Diensten waren. Anderslautende Erkenntnisse von US-Geheimdiensten sowie der Abschlussbericht von Russland-Sonderermittler Robert Mueller waren demnach Täuschungsmanöver, die an der Wahrheit vorbeizielten.

«Ich möchte herausfinden, was mit dieser ganzen Situation mit Ukraine los ist, man sagt CrowdStrike….man sagt, der Server, Ukraine habe ihn», erklärte Trump in seinem folgenschweren Telefonat mit Selenskyi Ende Juli. CrowdStrike ist eine amerikanische Cybersicherheitsfirma, die im Auftrag des DNC herausfinden sollte, wer im Sommer 2016 in die demokratischen Server eingedrungen war. CrowdStrike machte Russland dafür verantwortlich. Das FBI, mehrere US-Geheimdienste und Mueller ebenso. Der Sonderermittler klagte zwölf Angehörige des russischen Militärgeheimdienstes GRU deshalb an.

Donald Trump und eine Reihe konservativer Kommentatoren allerdings bestreiten diesen Sachverhalt. Schon vor dem Amtsantritt des neuen Präsidenten im Januar 2017 publizierte das Webportal Breitbart News Verdachtsmomente, wonach sich das DNC mit ukrainischen Politikern verschworen habe, um Schmutz gegen Trumps Wahlkampfleiter Paul Manafort auszugraben.

Ein Fall für Verschwörungstheoretiker

Im April 2017 sagte der Präsident in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP, das DNC habe zur Aufklärung des Hackings eine «Firma beauftragt, die wie ich höre aus der Ukraine ist». Trump meinte damit CrowdStrike, dessen Mitbegründer ein Einwanderer aus Russland ist. Verbindungen zur Ukraine hat CrowdStrike nicht.

Allerlei Verschwörungstheorien, die bereits im Frühjahr 2017 voll erblühten, behaupten trotzdem, CrowdStrike habe den gehackten DNC-Server umgehend ausser Landes in die Ukraine geschafft. Und die Regierung Selenskyi soll jetzt herausrücken, was es nicht gibt. Denn die DNC-Server – es handelt sich um mehrere – befinden sich weiterhin in den USA. Statt sie im Sommer 2016 jedoch den Behörden auszuhändigen, übergab CrowdStrike dem FBI digitale Kopien.

Dies führte zur Behauptung, der Server sei dem FBI vorenthalten und klandestin nach Kiew gebracht worden. Und nicht GRU-Spezialisten hätten die E-Mails gehackt, sondern ein DNC-Mitarbeiter namens Seth Rich. Der junge Mann war in den frühen Morgenstunden des 10. Juli 2016 auf offener Strasse in Washington erschossen worden – womit gemäss diversen Verschwörungstheoretikern verhindert werden sollte, dass die Wahrheit herauskäme.

Das Problem in Kiew

Fox News verbreitete diese Story ebenso wie konservative Webportale, nichts daran aber stimmte. Zwar ist der Mord bis heute nicht aufgeklärt, doch kam die Washingtoner Polizei zum Schluss, dass es sich um einen versuchten Raubüberfall gehandelt habe. Richs Familie reichte Klagen gegen die Verbreiter der Verschwörungstheorie ein, hartnäckig aber hält sich das Märchen vom politischen Mord am vermeintlichen Hacker der DNC-Server.

So sehr sein damaliger Stabschef John Kelly versuchte, derartige Storys von Trump fernzuhalten, desto mehr schien der Präsident von ihrem Wahrheitsgehalt überzeugt: Die liberalen Medien, die Demokraten, das FBI und Mueller hätten ihm Unrecht zugefügt, er und nicht Hillary Clinton sei Opfer dunkler Umtriebe. Und deren Ursprung läge in Kiew, wo der DNC-Server versteckt worden sei.

«Das Problem, das dieser Präsident hat, ist die ungeheuere Verbreitung von schlechten Informationen», sagte ein ungenannter Insider aus Trumps Nähe dem Webportal BuzzFeed vor einiger Zeit. Nun könnte ihm sein ungebrochener Glaube an eine der verrücktesten Verschwörungstheorien ein Amtsenthebungsverfahren eintragen. «Diese Verschwörungstheorie muss weg, und wenn er sich weiter damit befasst, wird es sein Untergang werden», prophezeite Anfang Oktober Trumps früherer Heimatschutzberater Thomas Bossert.

Das Quid pro quo jedenfalls ist unbestreitbar: Die Ukraine sollte US-Militärhilfe nur erhalten, wenn Wolodymyr Selenskyi sich aufmachte, einen Server zu suchen, den es nicht in Kiew, wohl aber in Washington gibt, wo ihn das DNC vor einiger Zeit zeigte - zusammen mit einem Aktenschrank, den Richard Nixons Einbrecher 1972 im damaligen Hauptquartier des DNC im Watergate-Gebäude aufbrachen.

Erstellt: 20.10.2019, 22:36 Uhr

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