«Das amerikanische Volk ist konstant belogen worden»

Ein Insiderreport liefert den Beweis: Mit veränderten Daten gaukelten drei US-Regierungen Erfolge in Afghanistan vor.

Seit Beginn des Krieges 2001 gibt es den Unterlagen zufolge kaum Fortschritte in Afghanistan: Im August 2009 ruht sich ein US-Soldat während einer Nachtaktion im Pech-Tal aus. Foto: Carlos Barria (Reuters)

Seit Beginn des Krieges 2001 gibt es den Unterlagen zufolge kaum Fortschritte in Afghanistan: Im August 2009 ruht sich ein US-Soldat während einer Nachtaktion im Pech-Tal aus. Foto: Carlos Barria (Reuters)

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Verzerrungen, Täuschungen und Lügen: Drei US-Regierungen und ihre Mitarbeiter haben seit 2002 den Konflikt in Afghanistan systematisch beschönigt und die wahren Zustände in dem kriegsgeschüttelten Land verschleiert. Zu diesem Ergebnis kommen bislang unter Verschluss gehaltene Unterlagen des US-Sonderinspektors für den Wiederaufbau Afghanistans.

Nach mehreren Gerichtsprozessen erzwang die «Washington Post» die Herausgabe der Dokumente, die unter anderem Interviews mit über 600 am Krieg beteiligten Kommandanten, Diplomaten und Helfern beinhalten. «Das amerikanische Volk ist konstant belogen worden», sagte Sonderinspektor John Sopko der Zeitung.

Trotz mehr als 2300 Toten und über 20'000 verwundeten US-Soldaten und Gesamtausgaben von rund einer Billion Dollar seit Beginn des Krieges 2001 gibt es den Unterlagen zufolge kaum Fortschritte in Afghanistan. Im gleichen Zeitraum starben mindestens 60'000 afghanische Soldaten und Polizisten sowie über 40'000 Zivilisten.

Bush, Obama und Trump beschönigten

Laut dem Bericht des Generalinspektors beschönigten sowohl die Regierung George W. Bushs als auch die nachfolgenden Administrationen Barack Obamas und Donald Trumps die Zustände in Afghanistan. Über den gesamten Zeitraum hinweg behaupteten US-Kommandanten und Diplomaten trotz gegenteiliger Fakten, die Taliban seien auf dem Rückzug und die Kriegslage verbessere sich.

«Wir machen stetige Fortschritte», sagte etwa 2008 General Jeffrey Schloesser, der Kommandant der 101. Luftlandedivision. In vertraulichen Interviews mit dem Büro des Afghanistan-Generalinspektors äusserten Militärs und Diplomaten hingegen Zweifel. So seien «alle Daten verändert worden, um immer das beste Bild zu zeichnen», bekannte ein Oberst.

«Wir marschieren in brutale Länder ein, um Frieden zu stiften, und dabei haben wir in Afghanistan klar versagt.»James Dobbins, Afghanistan-Sonderbotschafter

James Dobbins, der Afghanistan-Sonderbotschafter für die Präsidenten Bush und Obama, zeichnete ein besonders düsteres Bild: «Wir marschieren nicht in ein armes Land ein, um es reich zu machen, und wir marschieren nicht in autoritäre Länder ein, um daraus Demokratien zu machen – wir marschieren in brutale Länder ein, um Frieden zu stiften, und dabei haben wir in Afghanistan klar versagt.»

Vergleich mit Pentagon Papers

Schon 2002, nur Monate nach dem Beginn des Konflikts, sorgte sich der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld über die Zukunft des Kriegs. Wenn die Sicherheitssituation nicht verbessert werde, «können wir das Militär niemals abziehen», so Rumsfeld. Die Amerikaner verstünden Afghanistan nicht und hätten deshalb «keine Ahnung, was sie dort tun», sagte General Douglas Lute, Afghanistan-Koordinator unter George Bush und Barack Obama, dem Büro des Sonderinspektors.

Ryan Crocker, der zweimalige US-Botschafter in Kabul, beklagte überdies die horrende Korruption afghanischer Regierungen: «Unser grösstes Projekt war wahrscheinlich die Entwicklung massiver Korruption».

Die am Montag veröffentlichten Dokumente wurden in Washington in ersten Stellungnahmen mit den Pentagon Papers verglichen, die 1971 die Wahrheit über die Ursprünge und den Verlauf des Vietnamkriegs ans Licht brachten. Der Bericht der «Washington Post» dürfte die Regierung Trump bestärken, den Konflikt in Afghanistan nach 19 Jahren zu beenden. Der Report könnte zudem auch am Krieg beteiligte Nato-Partner bewegen, ihr Engagement in Afghanistan zu überdenken.


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Erstellt: 09.12.2019, 19:37 Uhr

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