Das grosse Opfer der Jo Cox

Ein Austritt Grossbritanniens aus der EU würde im Westen fast nur Verlierer produzieren.

Fast unablässig legen die Menschen am Tatort in Birstall Blumen nieder.<br />Foto: Matt Cardy (Getty Images)

Fast unablässig legen die Menschen am Tatort in Birstall Blumen nieder.
Foto: Matt Cardy (Getty Images)

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Grossbritannien ist aufgewühlt. Der gewaltsame Tod von Jo Cox, einer jungen Parlamentarierin und Mutter zweier Kinder, bewegt das Land. Erst seit einem Jahr im Parlament, war sie eine Hoffnungsträgerin, die für eine bessere Welt kämpfte. Dazu gehörte auch Europa: Jo Cox engagierte sich für den Verbleib der Briten in der EU. Nun wurde sie auf dem Weg zu einer Wahlveranstaltung ermordet. Die Attacke auf Cox ist deshalb nicht nur kriminell, sondern mutmasslich ein politisch motivierter Mord.

Grossbritannien ist jedoch nicht erst aufgewühlt seit dem Mord im nord­englischen Birstall: Der Abstimmungskampf um die Frage, ob die Briten in der EU bleiben sollen oder nicht, hat das Land polarisiert. Endlich der EU eins auswischen – so denken die Brexiteers, jene Briten, die sich gegen Brüssel erheben. Sie werden ange­feuert von Populisten wie Nigel Farage, dem Vorsitzenden der britischen Unabhängigkeitspartei Ukip, aber auch von Blondschopf Boris Johnson, dem ehemaligen Londoner Bürgermeister. Die Stimmung ist aufgeheizt, die ­Sprache aggressiv, der Fremdenhass wird nicht mehr kaschiert. Das ist das politische Klima, in dem Cox ermordet wurde – eine Grenze ist überschritten.

Historisches Eigentor

Vielleicht hat diese Tragödie aber auch den einen oder anderen Brexiteer aufgewühlt, und vielleicht wird er sogar misstrauisch gegenüber den Farages und Johnsons. Denn die verhasste EU, für die sich Cox so engagiert hat, hat ja immerhin den Friedens­nobelpreis erhalten. Jo Cox hat sich für den Frieden eingesetzt, vor allem in Syrien, wo sie sich für Kriegswaisen engagierte. Hier in Europa herrscht hingegen seit über 70 Jahren Frieden. Das ist auch das Verdienst der EU, was jedoch vielen nicht bewusst ist. Vielleicht ändert sich das jetzt.

Obwohl sie wirtschaftlich profitiert haben von der Integration, waren die Briten nie sonderlich begeistert von Europa. Die EU, der sie seit 1973 angehören, gilt als bürokratischer Moloch, der die Globalisierung anheizt, seine Bürger bevormundet und nationale Identitäten verwischt. Die still­schweigende Zustimmung zum Einigungsprozess, den die politischen Akteure seit der Nachkriegszeit vorangetrieben haben, gibt es nicht mehr. Nur wenige Europäer identifizieren sich mit Europa, der Nationalismus ist stärker, nicht nur während der Fussball-Europameisterschaft. Die Um­fragen prognostizieren denn auch, dass die Briten am Donnerstag für den Austritt aus der EU stimmen werden. Ob der Tod von Cox zur Trendwende führt, wird sich zeigen.

Jedenfalls wäre der Brexit ein historisches Eigentor, das fast nur Verlierer produzieren würde. Zuallererst die Briten selbst: Das Pfund droht einzubrechen und mit ihm die Wirtschaft. Ausserdem könnten die Schotten ihre Drohung wahr machen und sich für unabhängig erklären; sie sehen sich nicht als Briten, sondern als Europäer. Und natürlich sässe der britische Premier nicht mehr am Tisch, wenn die EU Sanktionen gegen den Iran oder Russland beschliesst. Dabei haben der Atomstreit und die Krise in der Ukraine gezeigt, dass die EU aussen- und sicherheitspolitisch zugelegt hat.

Die EU andererseits würde bei einem Brexit einen einflussreichen Partner mit Veto-Recht im UNO-Sicherheitsrat verlieren. Noch gravierender aber wäre, dass die Fliehkräfte in Europa zunähmen. Nachdem bereits Griechenland und die Flüchtlinge die Union erschüttert haben, könnte die EU auseinanderbrechen – der Brexit wäre ein Triumph der Rechtspopulisten von Marine Le Pen über Heinz-Christian Strache bis zu Donald Trump. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass Polen oder Ungarn, wo diese Kräfte an der Macht sind, die Briten nachahmen würden – obwohl sie mit EU-Geldern aufgepäppelt worden sind.

Schlecht für die Schweiz

Ein weiterer Verlierer wären die USA. Zwar schenken amerikanische ­Präsidenten dem britischen Premier traditionell mehr Aufmerksamkeit als anderen Regierungschefs. Doch hinter der sogenannten «Special Relation­ship» steht das Kalkül, dass die USA einen Fuss in der europäischen Tür haben wollen.

Aber auch die Schweiz würde unter einem Brexit leiden. Die Hoffnung, Bern erhielte einen starken Partner im Umgang mit Brüssel, ist wohl trügerisch. Denn die EU hätte bei einem Brexit kaum Zeit für Schweizer An­liegen. Zudem dürfte parallel zum Pfund der Euro absacken und der Franken wieder zur begehrten Fluchtwährung werden: Die Exportwirtschaft und der Tourismus würden leiden, was die Schweizer Wirtschaft schwächt.

Gewinner wären neben den Rechtspopulisten Wladimir Putin und China. Der Brexit würde Europa weiter de­stabilisieren, was Russland wegen der Ukraine-Krise gelegen käme. Und die chinesischen Kommunisten spielen jetzt schon die europäischen Nationalstaaten gegeneinander aus. Je schwächer Brüssel ist, desto besser für Peking. Deshalb wäre der grosse Ver­lierer bei einem Brexit der Westen insgesamt mit seiner Idee von Freiheit und Demokratie.

Bereits verloren hat die Familie Cox. Jos Ehemann Brendan hofft, dass seine Frau nicht vergeblich gestorben ist: «Wenn sie noch könnte, würde sie uns sagen, dass wir uns alle gegen den Hass vereinen sollen, der sie getötet hat.» Bleiben die Briten europäisch, hätte auch Jo Cox gewonnen, posthum als Ikone des Bremains, des Verbleibs in der Europäischen Union.

Erstellt: 18.06.2016, 00:04 Uhr

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