Das Öl macht Venezuela arm

Das Karibikland hat die höchste Inflationsrate der Welt, in den Supermärkten fehlen Grundnahrungsmittel. 2016 wird das schwierigste Jahr für Venezuela, wie will das Land es überstehen?

Verheerende Bilanz: Zum dritten Mal in Folge hatte der Ölstaat die höchste Inflationsrate der Welt.

Verheerende Bilanz: Zum dritten Mal in Folge hatte der Ölstaat die höchste Inflationsrate der Welt. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für Venezuelas Wirtschaft hat das wohl schwerste Jahr begonnen. Schon 2015 schloss das Karibikland mit einer Bilanz, die dermassen verheerend ausfiel, dass die Regierung von Nicolás Maduro sie ihren Bürgern lieber nicht mitteilen wollte. Doch vorigen Dienstag erfuhr die Zeitung «El Nacional» aus der Zentralbank, dass die Inflation im Vorjahr 270 Prozent betragen habe. Allein im Monat Dezember seien die Preise um 16 Prozent gestiegen.

Zum dritten Mal in Folge hatte der Ölstaat die höchste Inflationsrate der Welt, obwohl der Konsum seiner Bürger um 7 Prozent abnahm, wie die Beratungsfirma Ecoanalitica mitteilte. Nach deren Berechnungen schrumpfte die Volkswirtschaft im Vorjahr um 9 Prozent. Der Dollar, dessen offizieller Wert 2015 bei 6.30 Bolivar eingefroren war, kostet auf dem Schwarzmarkt inzwischen über 900 Bolivar. Dieses Missverhältnis ist seit Jahren eine gigantische Bereicherungsquelle für wenige Privilegierte mit Machtzugang, die US-Valuten zu offiziellem Kurs kaufen und zum Parallelwert losschlagen können.

Inflation und Versorgungsmangel

Laut Spaniens früherem Ministerpräsidenten Felipe González sind in Venezuela im letzten Jahrzehnt 800 Milliarden Dollar versickert. Auf Kosten jener Bürger, die täglich Stunden vor Supermärkten warten, um doch nur einen kleinen Teil der benötigten Lebensmittel und Hygieneprodukte zu bekommen. Es fehlen Milch, Mehl, Öl, sogar die einstigen Exportprodukte Zucker und Kaffee. Ebenso Zahnpasta, Klopapier, Autoersatzteile. Laut dem Marktforscher Datanálisis waren durchschnittlich 63 Prozent der Güter knapp. Kürzlich gab der Chef des Apothekerverbandes bekannt, dass es nur noch ein Zehntel der benötigten Verhütungspillen gebe. Viele Frauen nähmen, was sie bekämen, und nicht, was ihnen bekomme.

Inflation und Versorgungsmangel sind ebenso Folge staatlich verordneter Preis- und Währungskontrollen wie eines systematischen Kampfes der Regierung gegen die Privatwirtschaft. Absurde Steuern, ausbleibende Devisenzuteilungen und irrwitzige arbeitsrechtliche Vorschriften veranlassten viele venezolanische Unternehmer zur Aufgabe. Im Dienste der Machtkonzentration bevorzugte es der Staat, lieber alle Konsumgüter einzuführen, als nationale Unternehmer operieren zu lassen. Doch dieses Modell stiess bereits an seine Grenzen, noch ehe die Ölpreise an den Weltmärkten verfielen.

Rohölpreise im Keller

Schon 2012, im Jahr der letzten Wahl des damals schon schwer kranken Hugo Chávez, lag das Budgetdefizit bei 15 Prozent. Bereits der Comandante lieh sich über 50 Milliarden Dollar in China, die sein Land nun mit Rohöllieferungen abstottern muss. Weil Venezuela bis heute das Benzin für seine Bürger fast verschenkt, weil es immer noch Kuba und anderen karibischen Amigos Öl zu Sonderkonditionen liefert und weil die Förderung aufgrund fehlender Investitionen ständig nachgelassen hat, bleibt dem Land heute immer weniger Petroleum, das es frei verkaufen kann. Und nun sind auch noch die Preise im Keller. 45,55 Dollar brachte ein Barrel venezolanisches Rohöl im Jahresschnitt 2015, knapp 43 Dollar weniger als 2014.

Für 2016 rechnen die meisten Marktbeobachter mit einem weiteren Rückgang auf Preise von unter 40 Dollar. Asdrubal Oliveros, Chef von Ecoanalitica, schätzt, dass das Land in diesem Jahr etwa 38 Milliarden Dollar aus Rohölverkäufen einnehmen könne. Allein für den Schuldendienst werde es 10,5 Milliarden Dollar brauchen, also mehr als ein Viertel der Einnahmen. «Das ist eine ziemlich komplizierte Lage», sagt Oliveros. «Sollte das Land seine Schulden nicht bedienen, bekämen wir aber ein noch grösseres Problem.»

Venezuela müsste mit der Beschlagnahme von Tankschiffen und seiner US-Tankstellenkette Citgo rechnen, die es Ende 2014 vergeblich zu verkaufen versuchte. Ausserdem könnten sich sämtliche Märkte verschliessen, was katastrophale Folgen haben könne. Die Analysten von Barclays Capital sehen, trotz einer möglichen Importreduktion um weitere 7 Milliarden Dollar, eine Finanzierungslücke von 27 Milliarden Dollar. Wie diese schliessen?

Gefahr der Hyperinflation

Die Notenpresse kann nicht noch schneller laufen, wenn das Land nicht in eine Hyperinflation abgleiten soll. Die Währungsreserven sind inzwischen mit 14,5 Milliarden Dollar auf dem tiefsten Stand seit 15 Jahren und entsprechen, so mehrere Analysten, nur noch dem Wert von 5 Monaten Importen. Womöglich muss Regierungschef Maduro tatsächlich die irrwitzige Benzinpreissubvention streichen. Damit die Bürger den Tank für weniger als einen Dollar füllen können, muss der Staat Milliarden zuschiessen. Vielleicht startet Caracas einen neuen Versuch, sein Tankstellennetz in den USA loszuschlagen. Oder Maduro versucht wieder in Peking Kredit zu bekommen. Allerdings waren die Chinesen mit Maduro weniger generös als mit dessen Mentor Hugo Chávez.

Asdrubal Oliveros von Econalitica rechnet mit einer baldigen Abwertung des Bolivar, allerdings nicht mit einem Ende der seit 2003 geltenden Währungskontrollen. Das Oppositionsbündnis MUD, das nun eine deutliche Mehrheit der Sitze in der Nationalversammlung besetzt, hat bei der konstituierenden Sitzung am Dienstag angekündigt, ein Abwahlreferendum über den Präsidenten Nicolás Maduro auf den Weg zu bringen. Obwohl dieser am Wahlabend des 6. Dezember das Wahlergebnis anerkannte, begann er alsbald, das neue Parlament zu beschimpfen. «Es ist nicht der Zeitpunkt für einen Ausgleich mit der Bourgeoisie.»

Ehe die neue Nationalversammlung zusammentrat, kassierte Maduro per Dekret alle Reste an Unabhängigkeit, die der Zentralbank noch geblieben waren. Ab sofort wird der Bankdirektor vom Präsidenten bestimmt und ist an dessen Weisungen gebunden. Die wohl wichtigste Neuigkeit ist, dass die Zentralbank «angesichts einer internen oder externen Bedrohung» die Möglichkeit hat, dem Staat Kredite zu gewähren oder zu finanzieren, ohne die Zustimmung des Parlamentes einzufordern. Ausserdem ist der Zentralbank künftig erlaubt, was sie schon seit Jahresanfang widerrechtlich praktiziert: alle Kerndaten der Wirtschaft zu verschweigen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.01.2016, 17:32 Uhr

Artikel zum Thema

Bananenrepublik Venezuela

Analyse Die Verurteilung von Leopoldo López zeigt die Schwäche des Regimes. Mehr...

Maduros Sozialisten warnen siegreiche Opposition

Die konservative Opposition erreichte bei den Parlamentswahlen in Venezuela fast eine Zweidrittelmehrheit. Das bringt erste Spannungen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Mamablog Best of: Was Eltern nicht oft genug sagen können

Outdoor In der Sportwelt gibts keine Periode?

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Er braucht ein gutes Gleichgewicht: Ein Gaucho reitet in Uruguay ein Rodeo-Pferd. (17. April 2019)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...