«Das sind fehlgeleitete Wahnsinnige»

Der Grossmufti von Ägypten ist einer der wichtigsten Würdenträger des Islam. Was seine Strategie im Kampf gegen den IS ist.

«Keine Beziehung zum Islam»: Ein Mitglied der Terrormiliz präsentiert Waffe und IS-Flagge in der syrischen Hochburg Rakka.

«Keine Beziehung zum Islam»: Ein Mitglied der Terrormiliz präsentiert Waffe und IS-Flagge in der syrischen Hochburg Rakka. Bild: Reuters

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Sind Attentäter, die sich auf Terrororganisationen wie den IS berufen, Teil des Islam? Wie sehen Sie das als islamischer Theologe und Rechtsgelehrter?
Diese Angreifer, egal wo sie ihre abscheulichen Verbrechen verüben, haben keine Beziehung zum Islam. Solche Verbrechen sind nicht Teil des Islam.

Aber die Täter berufen sich auf den Islam. Können Sie diesen Zusammenhang einfach leugnen?
Es ist ein bekannter Fakt, dass solche ­Attacken nichts mit dem Islam zu tun ­haben. Wir müssen uns die richtigen Fragen stellen: Wie gehen wir mit solchen Angriffen um? Wie können wir der Radikalisierung von Menschen und dem Terrorismus entgegentreten? Ich habe auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos eine Reihe von korrigierenden und präventiven Massnahmen vorgeschlagen. Und ich habe diese abscheulichen Verbrechen mit Krebszellen verglichen, die wir herausoperieren müssen, damit sie sich nicht weiter ausbreiten.

Merkel sagt islamistischem Terror den Kampf an

Der IS positioniert sich als religiöse Autorität. Er gibt Fatwas heraus, um seine Taten zu rechtfertigen.
Sie stellen sich als religiöse Institution dar, und wir haben all ihre fehlgeleiteten Fatwas gesammelt und widerlegt. Sie haben keinerlei religiöse Glaubwürdigkeit oder anerkannte theologische Ausbildung. Alle diese selbst erklärten Aussagen halten keiner wissenschaftlichen Prüfung durch anerkannte Instanzen des Islam stand. Wenn wir religiöse Texte verstehen wollen, müssen wir uns an die Experten halten, die sich die Grundlagen angeeignet haben, um Aussagen über die Bedeutung dieser Texte treffen zu können.

Sind IS-Anhänger fehlgeleitete Muslime?
Diese Leute sind fehlgeleitete Wahnsinnige, die mit allen Mitteln bekämpft werden müssen, militärisch und ideologisch. Muslime sind dabei mehr als alle anderen Opfer.

Wie muss dieser Kampf aussehen?
Das ist ein vielfältiger, komplizierter Prozess, der nicht nur religiöse Führer angeht. Aber wir stehen zuvorderst bei der Bekämpfung der Ideologie dieses angeblichen Islamischen Staates. Wir haben eine eigene Beobachtungsstelle, haben die Aussagen dieses angeblichen Islamischen Staates und andere radikale Fatwas analysiert und widerlegt.

Wirken die Gegenmassnahmen?
Wir haben den Zerfall des IS vorausgesagt. Wir können aber nicht auf isolierten Inseln leben. Wir müssen zusammenarbeiten, um die Welt von dieser Bedrohung zu befreien.

«Im Koran heisst es sinngemäss: Was der gesamten Menschheit dient, wird von Dauer sein.»

Sie sprechen vom Zerfall des IS. Er ist militärisch unter Druck. Reicht das, um seine Ideologie zu besiegen?
Wir können relativ einfach einen militärischen Sieg gegen den IS erzielen, aber es ist wichtiger, auf dem ideologischen Schlachtfeld zu gewinnen. Wir müssen uns die historische Erfahrung in Erinnerung rufen, die uns lehrt, dass radikale und korrupte Ideen nur von kurzer Lebensdauer sind. Im Koran heisst es sinngemäss: Was der gesamten Menschheit dient, wird von Dauer sein. Aber die Verantwortung liegt auf unseren Schultern, diese ideologische Auseinandersetzung zu suchen und die Jugend gegen radikale Ideen zu immunisieren.

Wie machen Sie das?
Wir müssen nicht nur den Irrglauben der radikalen Gruppen widerlegen, sondern auch Alternativen bieten, ein richtiges Verständnis unserer Glaubenstraditionen für junge Menschen. Aus diesem Grund haben wir eine Reihe von ­Initiativen aufgelegt, die sich an Jugendliche richten. Wir wollen ihnen eine Wegweisung an die Hand geben für ein korrektes, moderates Verständnis des Glaubens und unserer Traditionen.

Die Jugend, von der Sie reden, kommuniziert aber über ihre Handys und über das Internet.
Wir haben eine Facebook-Seite auf Englisch und Arabisch gestartet, auf der wir die Argumentationen des IS widerlegen. Dieser setzt stark auf die sozialen Medien, kommuniziert in vielen Sprachen. Also müssen auch wir dort präsent sein. Der IS gibt auf Englisch sein Magazin ­«Dabiq» heraus. Wir haben ein Onlinemagazin namens «Insight» gegründet, das sich mit den Inhalten von «Dabiq» auseinandersetzt und sie widerlegt. Und das findet gerade bei jungen Leuten grosse Beachtung. Wir haben als Kleriker zwei Aufgaben: präventiv, indem wir verhindern, dass die Jugend auf radikale Ideen hereinfällt; und korrigierend, indem wir die Aussagen radikaler Kräfte wider­legen, die vorgeben, sich auf den Islam zu berufen.

Worauf basiert der moderate Islam, den Sie propagieren? Offenheit gegenüber anderen Religionen, ob in Ägypten oder dem Westen?
Offenheit ist ein wichtiges Kennzeichen des moderaten Islam, Offenheit gegenüber Partnern, mit denen wir zusammenarbeiten müssen. Die brüderlichen Beziehungen, die wir zu den Menschen christlichen Glaubens in Ägypten pflegen, die wir als gleichwertige Bürger unseres einen Landes betrachten und nicht als Minderheit. Das reine und ursprüngliche Verständnis des Glaubens, das allumfassend ist und alle Bedürfnisse von Muslimen unabhängig von Zeit und Ort erfüllen kann. Glauben, in diesem Sinn verstanden, beinhaltet eine moderate Sichtweise aller wichtigen Fragen, mit denen wir in unserer internationalen Gemeinschaft zu tun haben.

Erstellt: 28.07.2016, 22:47 Uhr

Shauki Allam

Shauki Allam (54) ist Grossmufti von Ägypten. Der Rechts- und Islamgelehrte leitet das ägyptische Fatwa-Amt. Es ist eine der anerkanntesten Institutionen des sunnitischen Islam.

Merkels Plan gegen den Terror

Die Gewaltserie der vergangenen Tage hat Deutschland erschüttert – und die Bevölkerung zutiefst verunsichert. Besonders der Terror, ausgelöst durch islamistische Fanatiker, schürt Angst und zermürbt. Die Bereitschaft, Flüchtlinge zu unterstützen, geht zurück.
Tanja Tricarico

In dieser Situation sah sich Kanzlerin Angela Merkel am Donnerstag veranlasst, ihren Urlaub zu unterbrechen. An einer Pressekonferenz wählte sie Worte, die Ruhe in die Debatte um ihre Flüchtlingspolitik bringen und den Menschen ein wenig die Unsicherheit nehmen sollten. Die Täter «verhöhnen das Land, das sie aufgenommen hat», sagte Merkel. Die Anschläge sind für sie «erschütternd, ­bedrückend und auch deprimierend».

Die Attentäter von Ansbach und Würzburg waren Flüchtlinge. Nach dem ersten Schock über ihre Gewalttaten sind in Deutschland rasch Forderungen nach einer Verschärfung des Asylrechts laut geworden, gar nach einem Aufnahmestopp von Schutzsuchenden. Merkel hingegen wiederholte gestern ihren berühmten Satz aus dem vergangenen Jahr: «Wir schaffen das.» Ihr geht es um Grundwerte, um das Recht auf Asyl und die Einhaltung der Menschenrechte.

An der Trauerfeier in München

Ihre Sätze allein nehmen nicht Angst und Unsicherheit. Das weiss auch Merkel. Mit einem Neunpunkteplan will sie sich dem Terror entgegenstellen. Viel Neues ist allerdings nicht dabei. Es geht um mehr Geld für Sicherheitskräfte, um mehr Kooperation mit den Geheimdiensten im Ausland, um eine stärkere Vernetzung mit den Behörden, aber auch um eine verbesserte Registrierung der Flüchtlinge, um schnellere Ab­schiebungen und ein Frühwarnsystem, wenn Menschen sich radikalisieren.

Hat sie die Folgen ihrer Flüchtlingspolitik oder gar die Terrorgefahr unterschätzt? «Die Ereignisse rufen grosse Verunsicherung hervor», sagt Merkel. «Aber Angst darf kein Ratgeber für politisches Handeln sein.» Viel Kritik musste die Kanzlerin für ihr Abwarten ein­stecken. Während der französische Präsident umgehend an die Schauplätze von Terror und blutigen Attacken eilt, wartet die Kanzlerin erst mal ab. Am Sonntag will sie an der Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs von München teilnehmen. Dies sei eine Gelegenheit, an alle Anschläge zu erinnern.
Tanja Tricarico

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