Der grosse Deal

Das Weisse Haus hat alle Mühe, eine der grössten Kehrtwendungen in der US-Geschichte als logische Konsequenz von Donald Trumps bisheriger Politik zu verkaufen.

Nordkoreas Führer Kim Jong-un (links) und US-Präsident Donald Trump. Fotos: Michael Reynolds (EPA, Keystone), KCNA (Reuters)

Nordkoreas Führer Kim Jong-un (links) und US-Präsident Donald Trump. Fotos: Michael Reynolds (EPA, Keystone), KCNA (Reuters)

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Der vielleicht denkwürdigste Tag des Donald Trump im Weissen Haus endete mit einem Umweg. Der Präsident war schon auf dem Weg vom Oval Office in seine Residenz, Statements wollte er an diesem Abend keine mehr abgeben – eigentlich. Doch dann bog er im West­flügel ab und ging zum Presseraum. Die Journalisten, die dort herumstanden, blickten erstaunt, als Trump den Kopf um die Ecke streckte und sagte, es käme da später noch eine grosse Ankündigung. Worum es dabei denn gehe, fragte einer der Journalisten. Der Präsident, so hat es einer der Anwesenden beschrieben, habe gegrinst, als er sagte: «Na, das grosse Thema!»

Das grosse Thema also. Was Trump ankündigte wie die Neubesetzung einer «Apprentice»-Stelle zu seinen Zeiten als Reality-TV-Star, erschloss sich am Ende eines langen Tages nicht sofort. «Nordkorea», schob Trump also auf eine Nachfrage eines Journalisten nach, und verschwand wieder. Nordkorea? Einige Stunden zuvor hatte seine Regierung die von vielen befürchteten Importzölle auf Stahl verhängt. Das war doch das grosse Thema gewesen. Einige Stunden zuvor war auch klar geworden, dass die Geschichte um eine angebliche Schweigegeldzahlung Trumps an eine Pornodarstellerin nicht so schnell wieder ­verschwinden würde. Gross war diese Sache auch – und lästig so oder so.

Kurswechsel über Twitter

Klarheit brachte erst ein weiterer Auftritt, und auch der war bemerkenswert. Aus dem Weissen Hauses trat um 19 Uhr Chung Eui-yong, der nationale Sicherheitsberater Südkoreas, in die kalte ­Washingtoner Nacht. Er lobte zunächst Trumps bisherige Politik gegenüber Nordkorea, die zu einer neuen Situation geführt habe, und verkündete dann das Angebot des nordkoreanischen Diktators, den Präsidenten der USA treffen zu wollen. Die Sprecherin des Weissen Hauses bestätigte kurz darauf, dass Trump das Angebot annehmen wolle, und es passte, dass der Präsident einen der tiefgreifendsten Kurswechsel der US-Aussenpolitik auch noch selber vermeldete, natürlich über Twitter: «Treffen wird geplant.»


Bildstrecke: Kommt es zum historischen Treffen?


Hinter den Kulissen gab man sich im Weissen Haus anschliessend Mühe, die sich überstürzenden Ereignisse als logische Konsequenz von Trumps früheren Handlungen darzustellen. Schon am ­ersten Tag im Amt, sagte ein ranghoher Regierungsvertreter in einer Telefonkonferenz mit Journalisten, habe der Präsident klargestellt, dass er nach 27 Jahren voller Misserfolge eine neue Politik im Umgang mit Nordkorea einschlagen werde. Eine, die maximalen Druck auf das dortige Regime ausübe, wirtschaftlich wie diplomatisch. «Der Präsident hat aber immer die Türe offen gelassen für einen Dialog zum richtigen Zeitpunkt.»

Über diesen Zeitpunkt war man sich jedoch selbst innerhalb von Trumps Regierung nicht einig. Wenige Stunden vor dem Auftritt der Südkoreaner im Weissen Haus hatte US-Aussenminister Rex Tillerson während einer Äthiopien-Reise noch gesagt, man sei von Verhandlungen «weit entfernt»: Der Chefdiplomat wusste da offenbar noch nichts davon, was sich später in Washington ereignen würde.

Trump gegen Kim: Noch vor kurzem drohten sich die beiden Staatspräsidenten heftig. (Video: Tamedia)

Viele Beobachter haben die Aussicht auf ein historisches Treffen begrüsst. Dies sei ein grosser Fortschritt gegenüber der bisherigen Diplomatie, die aus gegenseitigen Beleidigungen bestanden habe, sagte William Perry, Verteidigungsminister unter Bill Clinton. Doch es gibt in Washington auch Stimmen, die Zweifel anmelden. Diplomatie müsse gut vorbereitet sein, sagte die frühere Spitzendiplomatin Wendy Sherman der «New York Times». Sherman war Teil der US-Delegation, die in der Amtszeit Clintons nach Nordkorea reiste. Die fehlende Vorbereitung sei der Grund gewesen, warum Clinton damals nicht einfach alles fallen liess und selber mitreiste. Die Situation mit Nordkorea sei eine sehr ernsthafte Sache: «Das ist keine Realityshow.»

Trump funktioniere halt anders als alle Präsidenten vor ihm, sagen dagegen seine Verteidiger, und reihen seinen ­unkonventionellen diplomatischen Versuch in die grossen Mythen der US-Aussenpolitik ein. Vom «Nixon in China»-Moment ist die Rede. Gemeint ist damit der US-Präsident, der 1972 zu Mao Zedong reiste und die Welt mit einer dramatischen Annäherung an das kommunistische Regime überraschte. «Wir müssen von der Idee wegkommen, dass sich Trump automatisch dumm anstellen wird», sagte James Jay Carafano vom konservativen Thinktank Heritage. Im direkten Umgang mit anderen Staatschefs habe der US-Präsident bisher eine gute Figur gemacht: «Das sind die Momente, in denen er brilliert.»

Diplomaten fehlen

Diese Hoffnung stützt sich darauf, dass Trump gelingen wird, was er für seine Kernkompetenz hält: der grosse, ultimative Deal. Bis jetzt hat es diesen allerdings nicht gegeben, weder in der Innen- noch in der Aussenpolitik. Selbst wenn Trump aus dem Treffen mit Kim mehr machen kann als bloss einen Fototermin, bleibt die Frage, wer die diplomatische Knochenarbeit übernimmt. Seit einiger Zeit warnen aussenpolitische Beobachter, dass der Abgang wichtiger Fachkräfte den diplomatischen Apparat geschwächt hat. Joseph Yun, der Sondergesandte für Nordkorea, ist vergangenen Monat überraschend zurückgetreten. In Südkorea haben die USA auch nach 13 Monaten noch immer keinen eigenen Botschafter. Auch auf den mittleren Kaderstufen soll es an erfahrenen Unterhändlern fehlen.

US-Präsident Donald Trump hat sich zu einem Treffen mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un zur Lösung des Atomkonflikts bereiterklärt. (Video: Reuters)

Drastisch formuliert hat das die ­Korea-Expertin Suzanne DiMaggio vom Thinktank New America Foundation. Es sei nicht sicher, ob die USA derzeit überhaupt das Personal hätten, eine ernsthafte diplomatische Offensive in Nordkorea zu starten, sagte sie dem Magazin «Atlantic». Es gebe derzeit kaum einen US-Diplomaten, der überhaupt schon einmal einen nordkoreanischen Offiziellen getroffen habe. «Das Aussenministerium ist ausgehöhlt.»

All dies sind Dinge, die Trump offenkundig wenig interessieren. Schon bei früherer Gelegenheit sagte der Präsident: Der Einzige, der in der Aussenpolitik eine Rolle spiele, sei er selbst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2018, 23:02 Uhr

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