Der neue Präsident übernimmt ein Land am Abgrund

Der Start für Alberto Fernández in Argentinien könnte nicht schwieriger sein. Die Erwartungen aber sind riesig.

Auf den Wahlplakaten verströmten Alberto Fernández und Cristina Kirchner Zuversicht. Ab heute regieren sie. Foto: Spencer Platt (Getty Images)

Auf den Wahlplakaten verströmten Alberto Fernández und Cristina Kirchner Zuversicht. Ab heute regieren sie. Foto: Spencer Platt (Getty Images)

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Manchmal sind es kleine Symbole, die den Wandel ankündigen. Da wären zum Beispiel die Autos, die argentinische Präsidenten zu ihren Amtseinführungen benutzen: Bei Juan Domingo Perón war es ein Cadillac, beim scheidenden Regierungschef Mauricio Macri ein gesponsertes SUV-Hybridfahrzeug mit Chauffeur. Wenn der neue Präsident des südamerikanischen Landes, Alberto Fernández, heute in Richtung Kongress aufbricht, um dort offiziell die Regierung zu übernehmen, wird er das in seinem eigenen Auto tun: einem gebrauchten Toyota Corolla. Er wolle keinerlei Pomp, erklärte Fernández vor ein paar Tagen: «Lasst uns anfangen, so wie es die Umstände gebieten.»

Tatsächlich sind die Umstände alles andere als günstig. Argentinien steckt tief in der Krise, mal wieder: Die Wirtschaft schrumpft, die Arbeitslosigkeit steigt. Mehr als drei Millionen Menschen sind allein im letzten Jahr unter die Armutsgrenze gerutscht, der Peso hat in derselben Zeit die Hälfte seines Wertes verloren.

Um überhaupt regieren zu können, musste Fernández’ Vorgänger sich immer mehr Geld leihen, 57 Milliarden Dollar kamen allein vom Internationalen Währungsfonds. Mit mehr als 100 Milliarden steht das Land in der Kreide, ein schweres Erbe für die neue Regierung, aber ein Szenario, das dem neuen Präsidenten nicht fremd ist.

Seit fast vier Jahrzehnten ist Alberto Fernández in der Politik seines Landes aktiv. Schon in der Schulzeit war er Mitglied politischer Gruppen, nach dem Jurastudium begann er, für die verschiedensten Regierungen in Ausschüssen und Gremien mitzuarbeiten. Fernández hat das den Ruf des Strippenziehers eingebracht, er ist bestens vernetzt und hat Beziehungen in alle erdenklichen Kreise. 2003 berief ihn der frisch gewählte Präsident Néstor Kirchner darum zu seinem Kabinettsleiter.

Seit fast vier Jahrzehnten ist Alberto Fernández in der Politik seines Landes aktiv: Wahlplakat in Cordoba. Foto: Ricardo Ceppi (Getty)

Auch damals steckte das Land in einer schweren Krise, die Wirtschaft war kollabiert, die Schulden waren kaum mehr bezahlbar. In den nächsten Jahren aber schaffte die linksperonistische Regierung einen Umschwung, dank eines Rohstoffbooms wuchs die Wirtschaft wieder, und Argentinien konnte einen Grossteil seiner Kredite zurückzahlen. Als Kirchner 2007 sein Amt an seine Frau Cristina übergab, blieb Alberto Fernández zunächst Kabinettsleiter. Nach ein paar Monaten überwarf er sich jedoch mit der Präsidentin, trat zurück und wurde zu einem erklärten Kritiker der Regierung.

Umso grösser war darum die Überraschung, als im Mai dieses Jahres bekannt wurde, dass Fer­nán­dez bei den Wahlen antreten würde – mit niemand Geringerem als seiner alten Weggefährtin und Widersacherin Cristina Kirchner als Vize.

Ziel: Weniger Armut

Schon in den obligatorischen Vorwahlen Anfang August stimmten mehr als 47 Prozent der Wähler für das Duo, ein Erdrutschsieg, der sich dann bei den offiziellen Wahlen Ende Oktober wiederholte. Lange hielten Fernández und Kirchner ihr Kabinett geheim, erst letzte Woche gaben sie die genaue Zusammensetzung bekannt. Wirtschaftsminister wird ein 37-jähriger Wissenschaftler ohne Erfahrung in der Politik, dafür aber mit umso mehr Fachwissen über die Umstrukturierung von Schulden. Seine Hauptaufgabe wird es sein, die Rückzahlung der Kredite neu zu verhandeln. Gleichzeitig wird der neue Minister für Produktion versuchen, den Export zu stärken.

Ob der Plan aufgeht, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Fernández weiss, dass seine Regierung vor allem daran gemessen werden wird, ob sie die Wirtschaft wieder in Schwung bringen und die Not der Menschen lindern kann. «Wir werden nur besser sein, wenn wir weniger Armut haben», sagte Fernández kurz vor seinem Amtsantritt.

Die Erwartungen zumindest sind riesig. Nach der Amtsübergabe am Dienstag ist ein Volksfest im Zentrum von Buenos Aires geplant. Auf einer Bühne werden Künstler auftreten, darunter grosse Stars, aber auch alte Freunde von Alberto Fernández. Er selbst hat einmal in einer Band gespielt, und sein Hund, ein Collie, trägt den Namen «Dylan», zu Ehren des gleichnamigen Folksängers.

Erstellt: 09.12.2019, 22:20 Uhr

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