Imame verurteilen liberale Moschee

In einer neuen Moschee in Berlin beten Männer und Frauen gemeinsam. Islamische Autoritäten geisseln dies als «Angriff auf die Religion».

Seyran Ates legt zur Eröffnung der liberalen Moschee in Berlin ihren Gebetsteppich bereit.<br />Foto: Keystone

Seyran Ates legt zur Eröffnung der liberalen Moschee in Berlin ihren Gebetsteppich bereit.
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Sie hat weder den Propheten noch Allah beleidigt, nicht den Koran verächtlich gemacht und keinen zentralen Glaubenssatz geleugnet. Und doch verurteilen islamische Autoritäten die türkischstämmige Seyran Ates und die von ihr in Berlin eingeweihte liberale Moschee aufs Schärfste. Stein des Anstosses für die Glaubenswächter: In der Moschee in Moabit sprechen ein Imam und eine Imamin das Freitagsgebet gemeinsam, Männer und Frauen beten im gleichen Raum, Letztere ohne Kopftuch.

Genau diese Praxis geisselt nun das ägyptische Fatwa-Amt Dar al-Iftaa als «Angriff auf die Religion». Unter dem Titel «Nein zur Verletzung der religiösen Grundlagen – nein zur liberalen Moschee» spricht es eine Fatwa aus, legt also eine grundsätzliche theologische Stellungnahme vor, ohne dabei zu Aktionen gegen die Moschee aufzurufen. Das Fatwa-Amt moniert, die Missachtung der Grundregeln einer Religion sei Extremismus. Es verstosse gegen die von Gott auferlegten Glaubenspflichten, wenn Frauen in der Moschee das Kopftuch nicht trügen. Dar al-Iftaa ist Teil der tonangebenden Al-Azhar-Universität, deren Grosscheich Ahmed al-Tayyeb sich nach aussen dialogbereit gibt.

Auch für die türkische Religionsbehörde Diyanet missachtet, untergräbt und zerstört die Reform-Moschee «die Grundsätze unserer erhabenen Religion».

Auch für die türkische Religionsbehörde Diyanet missachtet, untergräbt und zerstört die Reform-Moschee «die Grundsätze unserer erhabenen Religion». Vor allem das gemeinsame Gebet von Männern und Frauen verletzte islamisches Recht. «Der Islam verbietet Körperkontakt zwischen Männern und Frauen während des Gebets.» Und wie könnte es anders sein: Für die von Erdogan kontrollierte Behörde ist die Moschee «das Projekt des Religionsumbaus unter Federführung der Gülen-Bewegung», die er für den Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich macht. Dabei hat sich die Gülen-Bewegung in Deutschland von der Moschee distanziert.

Rechtsanwältin Seyran Ates, schon vor Jahren Opfer eines Anschlags, erhält neuerdings Hassmails und Morddrohungen. Sie braucht Polizeischutz. Das ist schlimm für die mutige Frauenrechtlerin und schlimm für den Reform­islam insgesamt. Dass Verfechter eines zeitgemässen Islam in den Herkunftsländern nicht wirken und lehren können, ist bekannt. Dass sie aber auch in der Diaspora diszipliniert werden, machen nun die Angriffe auf das Reformprojekt unangenehm deutlich. Ates will mit der Moschee gezielt ihre Reformideen in die Praxis umsetzen und sie für alle Glaubensrichtungen, aber auch für Lesben und Schwule öffnen. Das veranlasst den stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Mehmet Alparslan Celebi, Ates eine «Islamhasserin» zu schimpfen.

Auch in der katholischen Kirche

Die hiesigen Muslimverbände behaupten zwar mantraartig, voll zum Rechtsstaat und den Menschenrechten zu stehen. In der Praxis aber wollen sie keine Gleichberechtigung der Geschlechter in ihren Gemeinden. Sie wachen über einen patriarchalen Islam, der sogar Sunniten und Schiiten zusammenhält und keinen Pluralismus zulässt. Der Islam ist eine eminent virile Religion. Er schreibt die Geschlechterhierarchie essenzialistisch vor.

Da ist er freilich nicht allein: Auch die katholische Amtskirche schliesst Frauen von Leitungsämtern und der Definitionsgewalt in Glaubensfragen kategorisch aus. Als sich 2002 auf der Donau Theologinnen zu Priesterinnen weihen liessen, wurden sie umgehend exkommuniziert.

Die grössten Religionsgemeinschaften der Welt verharren in patriarchaler Verkrustung. Nichts Heiligeres als die Geschlechterrollen; sie sind natur- und gottgegeben, vom Schöpfer in Stein und ins Genom gemeisselt. Geschlechter- und Genderfrage sorgen denn für die stärksten Konflikte und Spaltungen in den Religionen. Der Berliner Moschee-Konflikt zeigt exemplarisch: Die Reformunfähigkeit des Islam beruht nicht etwa auf einem unbeweglichen Gottesbild oder einer allein gültigen Exegese der Heiligen Schriften. Sie beruht in erster Linie auf dem behaupteten Vorrecht der Männer, das zu einer Frage des Glaubens und der Metaphysik stilisiert wird.

Erstellt: 26.06.2017, 00:04 Uhr

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