Der Protest der Neunjährigen

Eine australische Schülerin bleibt sitzen, während die Nationalhymne läuft. Politiker toben.

Lässt sich nicht von Erwachsenen sagen, was sie zu tun hat: Harper Nielsen. Foto: Annette Dew

Lässt sich nicht von Erwachsenen sagen, was sie zu tun hat: Harper Nielsen. Foto: Annette Dew

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Eine Neunjährige erzürnt australische Politiker: Pauline Hanson, Senatorin und Mitbegründerin der Rechtsaussen-Partei One Nation, nennt Harper Nielsen «gehirngewaschen» und will ihr einen «Kick in den Hintern» geben – oder sie gleich aus der Schule werfen.

Und auch Jarrod Bleijie, liberalkonservativer Parlamentsabgeordneter und Schattenminister im Bundesstaat Queensland, sagt, Nielsen verhalte sich respektlos gegenüber den australischen Soldaten und Veteranen. In den Augen der beiden Politiker ist das Schulmädchen ein ungezogenes Kind, das zur Vernunft gebracht werden muss.

Und was ist mit den Aborigines?

Was ist geschehen? Harper Nielsen hatte sich in der Schule geweigert, für die australische Nationalhymne aufzustehen. Im Interview mit dem Sender Nine News sagt sie, der Text von «Advance Australia Fair» beziehe sich nur auf die weisse Bevölkerung – und missachte so die indigenen Aborigines. Die Zeile «we are young» ignoriere, dass diese schon 50'000 Jahre vor den weissen Siedlern auf dem Kontinent lebten. Heute sind die Aborigines Australiens in vielen Lebensbereichen benachteiligt.

Harper Nielsen musste nach ihrem Protest nachsitzen. Und laut ihren Eltern drohte die Kenmore South State School mit dem Rauswurf, was die Schule aber bestreitet. Sie betont, Schüler hätten die Möglichkeit, während der Nationalhymne nicht mitzusingen oder den Raum zu verlassen. Doch das reicht Nielsen nicht. Sie lasse sich nicht von Erwachsenen sagen, was sie zu tun habe, nur weil diese älter seien.

Die Kritik an Harper Nielsen und ihrem Verhalten traf auch die Eltern und deren Erziehung. Sie hätten ihre Tochter politisch instrumentalisiert, sagt etwa Jarrod Bleijie. Nielsens Vater dagegen betont, dass seine Tochter den Text der Nationalhymne von sich aus infrage gestellt habe. Darauf sei in der Familie eine Diskussion entstanden. Er sei sehr stolz auf Harper, die Mut bewiesen habe und ihren Überzeugungen folge.

Bei manchen bildet sich beim Thema Nationalstolz sehr schnell verbaler Schaum vor dem Mund.

Nielsens Protest brachte ihr und ihrer Familie die Aufmerksamkeit der Medien weltweit ein. Ihr Standpunkt hat nicht nur Kritik, sondern auch viel Lob und Zuspruch erhalten. Der Fall erinnert an die Kontroverse um Footballspieler in den USA, die während der Nationalhymne knien. Als erster wollte der Quarterback Colin Kaepernick damit auf Rassismus und Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten aufmerksam machen – und wurde von der Liga geächtet.

Ob Harper Nielsens Schritt eine ebenso unabhängige Entscheidung wie diejenige Kaepernicks war und wie gross der Einfluss der Eltern bei einer Neunjährigen ist – diese Fragen sind nicht unberechtigt. Auch bleibt offen, wer denn genau die Öffentlichkeit gesucht hat.

Eines aber hat der passive Widerstand einmal mehr gezeigt: Bei manchen bildet sich beim Thema Nationalstolz sehr schnell verbaler Schaum vor dem Mund – und dieser richtet sich, wenn es denn sein muss, auch gegen ein Kind. Wenn eine Abgeordnete einen gewaltfreien Protest einer Neunjährigen mit einem Kick in den Hintern beantworten will, dann ist sie ein schlechtes Vorbild. Argumentieren und auf die Sache statt auf die Person zielen – das lernen Kinder bei Hanson nicht. Da halten sie sich besser an Harper Nielsen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2018, 17:41 Uhr

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