Der Terror holt seine Gönner ein

Zur Machtbasis der Saudis gehört eine totalitäre Auslegung des Islam, die wiederum die Basis für Extremisten wie al-Qaida gebildet hat.

Der saudische König Salman (M.) hängt von der Unterstützung der Wahhabiten ab. Foto: Keystone

Der saudische König Salman (M.) hängt von der Unterstützung der Wahhabiten ab. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Saudiarabien stellt sich an die Spitze einer sunnitischen Allianz gegen den Terrorismus – gegen jeglichen Terrorismus, wie Königssohn Muhammad bin Salman sagt. Das grösste Problem der Welt, der islamischen wie der westlichen, und gerade Saudiarabiens selbst aber sind die sunnitischen Extremisten des Islamischen Staates und al-Qaidas. Der selbst ernannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi ruft zum Sturz des Hauses Saud auf. Und um die Bedrohung durch al-Qaida weiss niemand besser als der saudische Kronprinz und Innenminister Muhammad bin Nayef. Er wurde 2009 in seinem eigenen Haus von einem Selbstmordattentäter der Organisation verletzt.

Zugleich hat die saudische Monarchie eine anachronistische und fundamentalistische, extrem intolerante, ja totalitäre Auslegung des Islam zur Staatsreligion erhoben. Die Wahhabiten nehmen in Anspruch, als Einzige den Islam authentisch zu interpretieren. Andere Sichtweisen werden als abweichlerisch diffamiert, Schiiten gar als Ungläubige. Mit seinen Öldollars fördert Riad die Missionierung sunnitischer Muslime zu diesem Glauben. Auf diesen extremen Islam jedoch berufen sich der IS und al-Qaida bei ihrem mörderischen Treiben.

Das unauflösbare Paradox

Saudiarabien ist so Opfer des islamistischen Terrorismus und geht – im eigenen Land – hart gegen ihn vor, liefert ihm aber zugleich die ideologische Basis. Auflösbar ist dieses Paradox nicht: Das Bündnis mit dem Prediger Muhammad ibn Abd al-Wahhab ermöglichte es einst den Sauds erst, Arabiens Stämme unter ihrer Hoheit zu einigen. Gefestigt wurde die Herrschaft mit der Gründung des modernen saudischen Staates im 20. Jahrhundert und mit der Eroberung von Mekka und Medina.

Die Allianz bildet bis heute den Kern der nationalen Identität, symbolisiert durch die Flagge: Sie kombiniert die Schahada, das von den Wahhabiten als Banner geführte Glaubensbekenntnis, mit dem Schwert des Hauses Saud. Den Wahhabiten garantiert die Verbindung Einfluss, Geld und die Kontrolle über die heiligen Stätten des Islam. Den Sauds, die sich als Hüter jener Stätten bezeichnen, verschafft es Legitimität.

Darauf ist die Monarchie mit ihrer komplexen Thronfolge angewiesen, denn historisch haben sich die Sunniten in der Frage nach der Nachfolge des Propheten und Herrschers – Mohammed war Theokrat – für die Wahl des Effektivsten entschieden und gegen die Blutsverwandtschaft, das von den Schiiten geforderte Prinzip. So reagiert das Königshaus mit brutaler Unterdrückung auf alles, was es als Herausforderung seiner Herrschaft oder der zugrunde liegenden religiösen Anschauungen versteht. Der gerade vom EU-Parlament geehrte Blogger Raif Badawi und andere Dissidenten bekommen das zu spüren.

Saudis in die Pflicht nehmen

Darin ist auch die Rivalität mit dem schiitischen Gottesstaat Iran begründet, der gleichermassen missionarisch darauf bedacht ist, seine Islamische Revolution zu exportieren, und ebenfalls ein sehr gespaltenes Verhältnis zum Terror pflegt. Ausgefochten wird diese Konkurrenz im Jemen, auch wenn der Krieg zusätzlich motiviert sein mag durch den Versuch des neuen Königs Salman, sich und seinen Spross an der Macht zu etablieren. Seinen Führungsanspruch sucht Riad nun auch mit der Anti-Terror-Allianz zu demonstrieren.

Dem Westen bleibt wenig anderes übrig, als die Saudis in die Pflicht zu nehmen – und ebenso die Iraner. Ohne sie wird sich der Terrorismus nicht bekämpfen lassen, ohne sie wird es keine Lösung in Syrien geben. Zwischen Maghreb und Golf gibt es, von Tunesien abgesehen, keine angenehmen Partner. Man muss sie immer wieder auf die Menschenrechte stossen. Und man muss über adäquate Druckmittel nachdenken, Stichwort Entwicklungshilfe, Stichwort Waffenexporte. Aber nicht mit diesen Ländern zu reden, hilft weder Raif Badawi noch den Menschen im Jemen – noch schützt es Europa vor weiteren Anschlägen.

Erstellt: 17.12.2015, 23:44 Uhr

Artikel zum Thema

Jetzt kommt die Anti-Terror-Koalition muslimischer Länder

34 Staaten, Operationsbasis in Riad, saudiarabische Führung: Kronprinz Muhammad bin Salman stellte an einer Pressekonferenz die Militärallianz vor. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Robo-Adviser gehen offline

Das Wohnzimmer staubsaugen zu lassen, ist etwas andere, als das Vermögen anzuvertrauen: Robo-Adviser in der Schweiz sind auf dem Rückzug. Die Gründe.

Blogs

Sweet Home Helle Freude!

Mamablog Vom Dammriss meiner Schwiegermutter

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...