Berlusconi ist zurück – rauflustig wie eh und je

Silvio Berlusconi, inzwischen 80 Jahre alt, will sich nach dem Sieg der rechten Parteien in Genua in den Wahlkampf stürzen.

Ungläubiges Staunen in Italien: Der «Kaiman» wirbelt wieder durch die Fernsehkanäle.<br />Foto: Remo Casilli (Reuters)

Ungläubiges Staunen in Italien: Der «Kaiman» wirbelt wieder durch die Fernsehkanäle.
Foto: Remo Casilli (Reuters)

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«Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten . . .» Die ersten Zeilen aus Goethes «Faust» drängen herauf, wenn man den jüngsten italienischen Wahlkampf betrachtet. Erstaunlich ist zum Beispiel die Wiederkehr eines Protagonisten aus alten Zeiten, den sie einst den «Cavaliere» und den «Kaiman» nannten. Der Schöpfer und immerwährende Präsident der Partei Forza Italia wird vom «Corriere della Sera» mit den Worten zitiert: «Ich bin wieder da – und das merkt man.»

Der 80 Jahre alte Berlusconi sagte nach dem Sieg der rechten Parteien bei den Kommunalwahlen am Sonntag, er schreibe bereits am Programm der Rechten für die spätestens im Mai anstehende Parlamentswahl. Er werde sich in den Wahlkampf stürzen und traue sich zu, Forza Italia – die in nationalen Umfragen bei 12 Prozent dümpelt – auf 30 Prozent der Stimmen zu bringen, wie früher. «Ich will eine Regierung unter der Führung Berlusconis.»

Unzählige Strafprozesse

Jetzt reibt sich halb Italien verwundert die Augen. Denn eigentlich glaubten selbst viele seiner Anhänger nicht mehr daran, dass der Mailänder Medienunternehmer und Multimilliardär noch einmal zurückkehren würde. Dabei hat Berlusconi oft bewiesen, dass er nach jeder Niederlage wiederkommt: Mal wurde er als Premier vom Koalitionspartner gestürzt, mal von den Wählern abberufen. Seine Partei spaltete sich, Regierungschefs anderer EU-Staaten spotteten über ihn. Die Justiz machte ihm unzählige Strafprozesse, sein Unternehmen geriet in Schieflage, und seine frühere Frau Veronica Lario verglich ihn mit einem Drachen, dem sich Jungfrauen darböten, um berühmt zu werden. Doch Berlusconi machte einfach weiter und räumte vermeintliche Kronprinzen konsequent aus dem Feld.

2013 wähnten ihn Freund und Feind definitiv am Ende. Nachdem er bereits 2011 wegen der prekären Finanzlage seines Landes als Regierungschef hatte zurücktreten müssen, verurteilte ihn ein Gericht in letzter Instanz wegen Steuerhinterziehung zu vier Jahren Gefängnis. Davon musste Berlusconi zwar nur ein Jahr im Sozialdienst als Altenpfleger verbüssen, die Justiz verbot ihm aber zugleich, wieder bei Wahlen anzutreten. Der Senat in Rom nahm ihm sein Mandat ab, seine Partei versank in Machtkämpfen, der Gründer selbst hatte mit schweren Gesundheitsproblemen zu kämpfen. Der Mann, auf den sich die italienische Politik fast zwei Jahrzehnte lang fokussiert hatte, verschwand mehr und mehr aus der Öffentlichkeit.

Je klarer sich ein Sieg der Rechten abzeichnete, desto häufiger war Berlusconi in seinem Lieblingsmedium zu sehen, dem Fernsehen.

Vor einigen Wochen zeigte dann plötzlich das Politmagazin «Espresso» auf seiner Titelseite Silvio Berlusconi. Mit vollen Backen und dunklem Haar sah er jünger aus als bei seinem Politikeintritt vor 23 Jahren. «Rieccolo» prangte in grossen Lettern darunter: «Da ist er wieder.»

In den letzten Tagen des Kommunalwahlkampfs war Berlusconi wieder omnipräsent. Je klarer sich ein Sieg der Rechten abzeichnete, desto häufiger war er in seinem Lieblingsmedium zu sehen, dem Fernsehen. Er selbst rühmte sich, er habe allein den Lokalsendern 46 Interviews gegeben. Dazu kamen Auftritte im nationalen TV, etwa vergangene Woche in der politischen Kultsendung «Porta a Porta». Dort herzte ein aufgekratzter Berlusconi einen sichtlich verstörten plüschweissen Pudel. Die linke Zeitung «Il Fatto Quotidiano» meinte dazu, so wie das fassungslose Tier hätten sich früher Millionen Italiener unter der Herrschaft Silvio Berlusconis gefühlt. Auch sonst weckte der wiedergeborene Anführer der italienischen Rechten Erinnerungen an früher. Auf den neuen US-Präsidenten angesprochen, sagte er: «An Trump gefällt mir (dessen Ehefrau) Melania sehr.» Der Cavaliere, ganz der Alte.

Um bei der kommenden Parlamentswahl antreten zu können, müsste der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg rechtzeitig den Bann der italienischen Justiz verwerfen. Doch selbst wenn das nicht geschehen sollte, will Silvio Berlusconi wieder mitspielen in der Politik.

Erstellt: 26.06.2017, 23:22 Uhr

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