Die Brandbeschleuniger

Falschinformationen verbreiten sich am schnellsten über Twitter, zeigt eine neue Studie. Das ist ein Weckruf für die Betreiber von sozialen Netzwerken.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kriminelle in England machen die Kronzeugen der Anklage ausfindig und versuchen, sie mit Tweets einzuschüchtern. Eine Fast-Food-Kette in den USA wird auf Twitter beschuldigt, Afroamerikaner nicht mehr bedienen zu wollen. Hacker in Putins Diensten graben sich auf Twitter in Wahlkämpfe ein und hoffen, die demokratische Basis westlicher Länder zu schwächen. «Die Lüge fliegt, und die Wahrheit hinkt hinterher», notierte der Satiriker Jonathan Swift vor über 300 Jahren. Was er nicht ahnen konnte: Twitter und die anderen sozialen Medien haben die Verbreitung des Falschen in einem Ausmass beschleunigt, das mit technischen Sperren allein nicht mehr gebremst werden kann.

Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) haben zum ersten Mal das Archiv von Twitter gezielt nach Fake-News durchsucht. 126'000 Tweets von rund drei Millionen Twitter-Konten wurden mit der Hilfe von sechs unabhängigen Faktencheck-Gruppen auf den Wahrheitsgehalt geprüft. Die Forscher wollten wissen, welche Art von Nachrichten am anfälligsten auf böswillige Attacken sind und wie schnell sie sich weiterverbreiteten.

«Die sozialen Medien sind die neuen Meinungsträger.»

Das Resultat ist ernüchternd: Falschmeldungen und Lügen haben eine um 70 Prozent grössere Chance, aufgegriffen und weiterverbreitet zu werden, als reale Nachrichten. Auch erreichen News mit realem Hintergrund bis zu hundertmal weniger Nutzer und benötigen bis zu zwanzigmal mehr Zeit, bis sie ankommen. Das konnte Satiriker Jonathan Swift nicht wissen. Was er aber beschrieb, gilt bis heute: «Bis die Menschen die Lüge erkennen, ists zu spät. Die Geschichte hat ihre Wirkung bereits getan.»

Die Forscher stellten fest, dass nicht Roboter die grossen Fake-News-Schleudern sind, wie meist angenommen. Die Bots streuen echte und falsche Informationen auf vergleichbare Art. Angetrieben und beschleunigt werden Desinformationen durch Menschen. Der Neuigkeitswert von übertriebenen, erlogenen und verleumderischen Nachrichten kitzelt die Neugier stärker als echte News. Das gilt besonders für die Politik. Je mehr sich die Bürger von der Politik abwenden, weil sie von den immer gleichen Akteuren und Machenschaften abgestossen werden, desto grösser die Macht der Desinformationen. US-Präsident Trump hat diese Einsicht in die menschliche Psyche nahtlos in seine politische Kampagne eingebaut. Er ist der beste Beleg dafür, dass soziale Netzwerke den Missbräuchen nur bedingt mit technischen Mitteln entgegenwirken können. Es sei denn, sie geben ihr Geschäftsmodell auf. Doch das wollen weder Facebook-Chef Mark Zuckerberg noch Twitter-Mitbegründer Jack Dorsey, auch wenn sie versprechen, die Inhalte qualitativ aufbessern zu wollen. «Die Polarisierung hat sich als zu gutes Geschäfts­modell erwiesen», stellt Deb Roy fest, einst von Twitter beschäftigt, heute Leiter des MIT-Medienlabors.

Vertrauen in die gedruckten Medien

Die MIT-Studie lässt die Frage unbeantwortet, wie weit sich Desinformationen über den Kreis jener hinaus verbreiten, die Fake-News brauchen, um ihre Weltsicht bestätigt zu sehen. Das aber wäre gerade für die USA wichtig, da hier die Polarisierung weit fortgeschritten ist. Anders als in der EU, wo gemäss Eurobarometer 63 Prozent der Bürger den Printmedien vertrauen, nutzen in den USA weniger als ein Drittel die Zeitungen als Informationskanal. Verdrängt wurden sie von Facebook, Twitter und Youtube. An ihnen ist es, ihre Verantwortung als die neuen Meinungsträger der digitalen Medienwelt zu übernehmen. Sie müssen sich mutiger in den politischen Diskurs einschalten. Es ist an ihnen und vor allem an ihnen, den Beschleuniger der politischen Lüge im Weissen Haus in die Schranken zu weisen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2018, 22:48 Uhr

Artikel zum Thema

Fake News waren erst der Anfang

Der amerikanische IT-Spezialist Aviv Ovadya malt ein düsteres Bild der digitalen Zukunft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Rechtzeitig wenden: Sorgfältig dreht ein Schwan eines der Eier in seinem Nest am Aareufer um. (23.April 2018)
(Bild: Leserbild: Otto Lüscher) Mehr...