Die Jihadisten-Mutter

Véronique Roy hat ihren Sohn verloren. Er konvertierte zum Islam, schloss sich den IS-Terroristen an und starb im Irak. Nun kämpft seine Mutter gegen die Radikalisierung von Kindern.

«Man hat mir meinen Sohn gestohlen», sagt Véronique Roy, hier mit ihrem Mann vor ihrem Haus in Sevran. Foto: Isabella Stahl

«Man hat mir meinen Sohn gestohlen», sagt Véronique Roy, hier mit ihrem Mann vor ihrem Haus in Sevran. Foto: Isabella Stahl

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Am 14. Januar erhält Véronique Roy auf ihrem Handy ein Foto des Testaments ihres Sohnes. Es ist handgeschrieben, mit blauem Kugelschreiber auf der ausgerissenen Seite eines Notizblocks. Quentin Roy hat nichts weiter zu vererben als ein Samsung-Tablet. Darunter die Handynummern seiner Eltern. «Maman» und «Papa» steht dort geschrieben. Man möge sie benachrichtigen.

Véronique Roy kennt das genaue Todesdatum ihres Sohnes nicht. Alles, was man ihr mitgeteilt hat, ist Folgendes: Abu Omar al-Faransi, wie sie ihn nannten, sei als «Märtyrer auf dem Boden des Kalifats» gestorben. Mit 23 Jahren. Sie hat kein Datum, es wird nie einen Körper geben und womöglich nicht mal einen Totenschein. Denn das Kalifat des sogenannten Islamischen Staats (IS) ist kein Staat und wird ihr kein Dokument liefern. Sie kann deshalb sein Konto nicht schliessen, seine Lebensversicherung nicht auflösen. Ihr Sohn gilt in Frankreich schlicht nicht als tot, nur als verschwunden.

Froh, dass er tot ist

Auf ihrem Handy zeigt sie die Fotos von Quentin. Sie zeigt die Entwicklung, wie aus einem gutaussehenden jungen Mann, der den Ball kickt, ein bärtiger Jihadist wird mit «toten Augen». Jemand, dem man «das Gehirn gewaschen hat». Jemand, der gelitten hat; jemand, der vielleicht sogar Schlimmes getan hat. Sie ist in Wahrheit froh, dass er jetzt tot, sein Leid vorbei sei. «Hier hätte ihn das Gefängnis erwartet, dort der Tod.» Sie spricht von ihm, als sei er von einer unheilbaren Krankheit erlöst worden.

Roy, eine kluge Frau mittleren Alters, bezeichnet sich als «Opfer des Terrorismus», aber als ein «Opfer auf der falschen Seite» – eines, das man nicht anerkennt, dem man nicht hilft, das man alleine lässt. Das soll nicht schamlos klingen. Sie weiss sehr wohl, was die Menschen erlitten haben und noch erleiden, die einen Sohn, eine Tochter bei den Attentaten aufs Pariser Bataclan oder die Bistros verloren haben. Nur hat auch sie das Gefühl, einen Sohn verloren zu haben: «Man hat ihn mir gestohlen», sagt Roy. Sie ist wütend auf ihren Bürgermeister, wütend auf die Regierung, wütend auch auf die Imame, die der Radikalisierung zusehen, ohne sie zu denunzieren.

Sie kann auch nicht fassen, dass es immer noch Leute gibt, die glauben, es träfe nur die Muslime; es träfe nur die Jungs aus den Vorstädten; nur die Arbeitslosen, sozial ausgeschlossenen. Alles Unsinn: «Es trifft Akademiker, Katholiken, sogar Juden. Mein Sohn ist der Beweis dafür, dass niemand vor diesen Predigern gefeit ist.» Quentin Roy war ein sportlicher junger Mann, aufgewachsen in Sevran, einem Vorort von Paris. Er war christlich erzogen worden, besuchte eine katholische Privatschule, begeisterte sich für Fussball, spielte Klavier. Nach der Matura hatte er eine Ausbildung als Krankengymnast angefangen. Er war ein sensibler, mitunter schüchterner Junge, der in seinem Kopf die grossen Fragen umwälzte. Auch sein älterer Bruder beschreibt ihn als «furchtbar nett», ein Typ, den alle mochten, der auch den Frauen gefiel.

Die Notrufnummer der Regierung für Jihadkandidaten, die hat der Bürgermeister zwei Jahre lang nicht veröffentlicht.

Als Quentin seinen Eltern 2012 erklärte, dass er zum Islam übergetreten sei, zeigten sie Verständnis. Die Roys sind offene, tolerante Leute. «Quentin hatte ein spirituelles Bedürfnis. Er suchte nach Sinn», sagt Véronique Roy. «Wenn es heute passieren würde, im Jahr 2016, selbstverständlich wäre ich sofort alarmiert und würde mir Sorgen machen.» Damals hat sie etwas Zeit gebraucht, um Hilfe zu suchen. Hilfe bei Ämtern, in Moscheen. Als er bei der Beerdigung seiner Grossmutter die Kirche nicht betreten wollte, bekam sie einen Schreck. Zwei Jahre nach seiner Konversion ging er heimlich nach Syrien. Als ihr Sohn von dort nur noch in Koranversen schrieb, bat sie den Imam, ihr andere Stellen zu nennen, mit denen sie antworten könnte. Umsonst. «Die Leute sind völlig verloren.» Jihadismus mitten in Frankreich? Das Phänomen ist noch neu – verlässliche Rezepte gibt es nicht.

Roy sitzt in einem Café in der Nähe der Pariser Oper. Bis spätabends hat sie gearbeitet. Das Gesundheitsmagazin, für das sie die Anzeigenakquisition macht, hat gerade Redaktionsschluss. Bevor sie später nach Hause, nach Sevran, fahren wird, gut 20 Kilometer nördlich von Paris, im berüchtigten Departement 93 gelegen, Seine-Saint-Denis, eine knappe Stunde mit der Regionalbahn, wenn kein Streik ist. Sie gibt dieses Interview, weil sie Zeugnis ablegen will, die Leute wachrütteln. Sie war viel im Fernsehen, im Radio. Mit anderen Müttern war sie gerade auf der Titelseite eines Nachrichtenmagazins: «Monsieur le Président, retten Sie unsere Kinder!» Es ist ein Appell an François Hollande, endlich etwas gegen die Radikalisierung zu tun und gegen die Prediger des Hasses vorzugehen.

Seither gibt es den Begriff der «Jihadistenmütter». Weil Roy, diese blonde Französin mit den blauen Augen, so gar nicht dem Klischee entspricht, das man sich von ihnen macht, ist sie eine wichtige Figur in Frankreich geworden. Anfangs hat sie mit einem Fernsehspot Werbung für eine Notrufnummer gemacht. Dann bat man sie, vor Präfekten zu sprechen. Danach stürzten sich die Medien auf sie. Seit sie neulich Hollande in einer Fernsehsendung gegenübersass, kennt sie wirklich jeder: eine Frau, die sich nicht in ihrer persönlichen Trauer vermauert, sondern wenigstens andere vom Jihad abhalten will. Sie hat einen öffentlichen Kampf aus dem Verlust ihres Sohnes gemacht.

Das französische Molenbeek

Roy will nicht hinnehmen, dass man die Eltern für schuldig erklärt und das Problem damit unter den Teppich kehrt. «Wir haben ihn nicht zum Jihadisten erzogen!» Sogar gegenüber dem Präsidenten hat sie diese Chuzpe gezeigt, hat ihn mit Fragen bombardiert, hat zum Handeln aufgefordert. «Er schien mich ernst zu nehmen», sagt Roy, «aber er fühlte sich unwohl bei diesem Thema.»

Unwohl und vielleicht machtlos. Allein aus Sevran, einer 50'000 Einwohnerstadt, sind 15 Jugendliche zu den Terroreinheiten des IS gestossen. Einige sind tot. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Als ein «französisches Molenbeek» hat der Islamspezialist Gilles Kepel den Vorort von Paris bezeichnet. Sevran war bis dahin nur für Drogen und Kriminalität berüchtigt. Der Ort gehört zu den 100 ärmsten Gemeinden Frankreichs, 73 Nationalitäten, die Arbeitslosigkeit liegt bei 17 Prozent, in den Problemvierteln und bei den jungen Leute bei 40 Prozent. Was Roy nicht verstehen kann, ist, wie man die Radikalisierung der Muslime zulassen konnte.

Allmählich verschwanden die «normalen Läden» aus Sevran. Es gibt heute überwiegend Halal-Imbisse, und wer an Markttagen die Stadt besucht, sieht fast ausschliesslich verschleierte Frauen. An den Ecken stehen junge Männer mit Chachia, Gebetsmütze, sie tragen lange Gewänder, Quamis, eine Verkehrsweste darüber, und sammeln für den Neubau einer Moschee. Sie soll in der Nähe des Einfamilienhausviertels gebaut werden, wo die Roys wohnen. Quentin Roy ging in die «Daesh-Moschee». Sie war als Salafistennest unter Muslimen bekannt. Publik wurde das erst nach den Attentaten des 13. November. Es dauerte noch mal ein halbes Jahr, bis sie geschlossen wurde.

Von Glück kann Véronique Roy nur noch in der Vergangenheit sprechen.

Roy macht dem Bürgermeister Vorwürfe. Stéphane Gatignon, 46 Jahre, seit 2001 im Amt, ist ein Grüner, zuvor war er Kommunist. Er hat mal Blauhelmeinsätze für seine Drogenviertel gefordert. Auch in den Hungerstreik ist er schon getreten, um mehr Geld für seine Kommune zu fordern. Aber die Notrufnummer der Regierung für Jihadkandidaten, die hat er zwei Jahre lang nicht veröffentlicht. Klientelismus, vermutet Roy. Er habe Angst, seine muslimischen Wähler zu verlieren, die die Mehrheit stellen. «Er vermeidet den Kontakt mit uns. Wir sind wie Aussätzige, Paria», sagt Roy.

Eine ehemalige Sozialarbeiterin aus Sevran, Nadia Remadna, hat derweil die «Mütterbrigade» gegründet. Auf internationaler Ebene gibt es inzwischen die «Mothers for Life»: Frauen, die ihre Kräfte vereinen und zeigen wollen, dass es keine Einzelschicksale sind, die sie erleiden. Die Mutter wird im Koran verehrt, sagen sie. Warum also al-Baghdadi, dem selbsternannten Kalifen, gehorchen und nicht auf die Mütter hören?

Die Roys sind vor 30 Jahren nach Sevran gezogen, in ein Einfamilienhaus mit Garten: «Wir haben die Stadt nie verurteilt. Wir haben aber zugesehen, wie sie verarmte. Wir fühlten uns wohl, wir waren glücklich. Es gab gute Schulen, Musik- und Sporteinrichtungen und einen wunderbaren Wald gleich hinter dem Haus. Es waren privilegierte Lebensverhältnisse.» Sie bereut diese Entscheidung nicht. Aber vom Glück kann sie nur noch in der Vergangenheit sprechen.

Erstellt: 11.06.2016, 00:21 Uhr

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