Es droht die nächste grosse Wirtschaftskrise – und alle schauen zu

Die grossen Wirtschaftsnationen sind nicht zur Kooperation bereit, obwohl eine Rezession droht.

Statt die Kräfte zu bündeln, zerfallen die grössten Wirtschaftsnationen in Grüppchen. Foto: Philippe Wojazer (Keystone)

Statt die Kräfte zu bündeln, zerfallen die grössten Wirtschaftsnationen in Grüppchen. Foto: Philippe Wojazer (Keystone)

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Als 2008 die grösste Finanzkrise seit acht Jahrzehnten über die westliche Welt hereinbrach, wurden Politiker und Notenbanker von der Wucht der Turbulenzen völlig überrascht. Hektisch wurden Notfallpakete geschnürt, Firmen verstaatlicht, Banken zwangsfusioniert. Obwohl es gelang, die einzelnen Konjunkturprogramme grob aufeinander abzustimmen und die Ausarbeitung neuer Bankenregeln in Auftrag zu geben, brach die Wirtschaft vor allem in den USA und in Deutschland dramatisch ein.

2020 könnte das Jahr der nächsten grossen Wirtschaftskrise werden – und anders als vor elf Jahren wissen diesmal alle seit Monaten Bescheid. Sollte es tatsächlich zum Einbruch kommen, wäre es die Krise mit der wohl längsten Vorwarnzeit, die es je gab, eine Rezession mit Ansage gewissermassen, ein langsamer, freiwilliger Abstieg in die Schlangengrube.

Trumps aggressive Handelspolitik schadet

Man könnte meinen, dass die grossen Wirtschaftsnationen deshalb viel besser vorbereitet sein müssten als 2008, doch das Gegenteil ist der Fall. Die Warnleuchten blinken grell, aber statt um gemeinsame Gegenrezepte drehte sich der G-7-Gipfel in Biarritz vor allem um das Selbstwertgefühl des US-Präsidenten: Alle Amtskollegen hätten ihn um die Wirtschaftskraft seines Landes beneidet, twitterte Donald Trump noch während des Treffens. Dass er diese Kraft gerade dafür einsetzt, den globalen Konjunkturaufschwung zu demolieren, ­erwähnte er hingegen nicht.

Das grösste ­Problem ist ein irrlichternder Präsident, der glaubt, über den ökonomischen Naturgesetzen zu stehen.

Dabei ist völlig klar, dass es Trumps aggressive Handelspolitik ist, die die Turbulenzen in der Welt ausgelöst und befeuert hat. Natürlich gibt es weitere Gründe für die Flaute – ­Missmanagement in der deutschen Autoindustrie etwa, politisches Chaos in Grossbritannien und Italien, die schiere Länge des laufenden Aufschwungs, der irgendwann einmal zu Ende gehen muss. Das grösste ­Problem aber ist ein irrlichternder Präsident, der sich «der Auserwählte» nennt und glaubt, über den ökonomischen Naturgesetzen zu stehen.

Dabei ist es aus Trumps Blickwinkel sogar nachvollziehbar, dass er die Augen vor der Realität verschliesst: Die bisher noch sehr ordentliche Wirtschaftslage in den USA ist sein wichtigstes Argument, warum ihn die Amerikaner bei der Wahl in gut einem Jahr mit einer zweiten Amtszeit belohnen sollen. Ihm wird daher keine Lüge zu peinlich, keine Verschwörungstheorie zu abwegig sein, um die Gefahren entweder zu leugnen oder, so der Plan B, andere verantwortlich zu machen: die US-Notenbank Fed, die Medien, die Deutschen.

Europa ist zerfallen

Damit fallen im Kampf gegen die Flaute die USA als wichtigste Wirtschaftsmacht der Welt aus. Das bedeutet, dass Europa sich auf sich selbst besinnen und zügig einen eigenen Krisenplan ausarbeiten muss. Die Voraussetzungen dafür sind eigentlich sehr gut. «Ich kann mir heute keinen Ort auf der Welt vorstellen, wo es mehr Argumente für einen staatlich finanzierten Konjunkturimpuls gibt als in Deutschland», hat Jason ­Furman, einst Chef-Wirtschaftsberater von Barack Obama, dieser Tage ­gesagt. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Es steht infrage, ob die grossen Wirtschaftsnationen im Zweifel zur Kooperation bereit sind.

Das gilt umso mehr, als die Fed und die Europäische Zentralbank diesmal längst nicht jene Rolle werden spielen können wie beim letzten Mal. Die EZB ist noch von der Eurokrise ausgelaugt, beide sind zudem politisch ange­schlagen, sturmreif geschossen von vermeintlichen Staatsmännern, die selbst nichts zustande bringen und nach Sündenböcken suchen. Es ist geradezu niederträchtig, dass der scheidende EZB-Präsident Mario Draghi für seine Nullzinspolitik ausgerechnet in jenem Land am meisten angefeindet wird, das auf dem grössten Geldkoffer sitzt, aber zu geizig ist, diesen zu öffnen: Deutschland wird dafür von Ökonomen in aller Welt zu Recht kritisiert, ja gar verachtet.

Statt die Kräfte zu bündeln, zerfallen die Europäer in Grüppchen: Deutschland und Frankreich sind in zentralen Fragen uneins, Grossbritannien und Italien mit ihrer Selbstzerstörung beschäftigt. Die Lage ist womöglich kritischer als 2008, als zumindest nicht infrage stand, dass die grossen Wirtschaftsnationen im Zweifel zur Kooperation bereit sind. Das sollten sich gerade in Deutschland all jene vor Augen führen, die immer noch Jubeltänze über den Titel des «Exportweltmeisters» aufführen. Niemand wird der Bundesrepublik zu Hilfe eilen, wenn das Land in die Krise schlittert – schon gar nicht «der Auserwählte».

Erstellt: 26.08.2019, 21:08 Uhr

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