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Die mysteriösen «Krieger Gottes»

Nach einem Angriff auf das oberste Gericht rätselt Venezuela: War das ein Putschversuch – oder eine Schmierenkomödie?

Boris Herrmann Rio de Janeiro
Er soll an den jüngsten Angriffen beteiligt gewesen sein: Polizei-Pilot Oscar Pérez auf einem Bild vom März 2015. Foto: Reuters
Er soll an den jüngsten Angriffen beteiligt gewesen sein: Polizei-Pilot Oscar Pérez auf einem Bild vom März 2015. Foto: Reuters

Wenn Venezuelas Präsident Nicolás Maduro von einem Putschversuch gegen seine Regierung spricht, dann muss man das nicht allzu ernst nehmen. Er hat das schon unzählige Male getan. Fast immer hat er dabei wild konstruierte Märchen erzählt und absurd anmutende Beweismittel präsentiert, die angeblich eine in Washington orchestrierte Attacke gegen seinen spätsozialistischen Krisenstaat belegen sollten. Stets rechtfertigte er damit neue Repressionen gegen Regimekritiker. Nie gab es konkrete Hinweise für einen Staatsstreich. Diesmal ist die Sachlage nicht ganz so eindeutig.

Am Dienstagabend (Ortszeit) trat Maduro wieder einmal im Staatsfernsehen auf, um das Volk über einen «terroristischen Anschlag» auf Venezuela zu informieren. Ein Polizeihelikopter habe Granaten auf den obersten Gerichtshof gefeuert, auch das Innenministerium sei beschossen worden. Falls es sich um eine grosse Inszenierung handeln sollte, dann war sie jedenfalls so akribisch geplant wie nie zuvor und meisterhaft ausgeführt. Denn die Attacke gab es wohl tatsächlich. Nach übereinstimmenden Augenzeugenberichten wurden in der Tat Granaten über dem Gebäude abgeworfen, in dem sich das oberste Gericht befindet. Verletzt wurde dabei offenbar niemand. Der Helikopter soll am frühen Dienstagabend auch den Präsidenten­palast Miraflores und das Innenministerium überflogen haben.

Das Video des Polizisten

Seit Anfang April kommt es in Caracas fast täglich zu Massenkundgebungen gegen die Regierung. Armee und Polizei gehen mit aller Härte gegen die Demonstranten vor. Mindestens 77 Menschen sind dabei bislang ums Leben gekommen. Das oberste Gericht ist bei Regime­gegnern besonders verhasst, weil es sich oft genug als verlängerter juristischer Arm der diktatorischen Staatsmacht einspannen liess. Die Strassenproteste haben bislang nichts Konkretes bewirkt. Waren die Granaten also die nächste Eskalationsstufe dieses erbitterten Machtkampfes?

Gegen die «kriminelle Regierung»: Oscar Pérez' Videobotschaft (auf Spanisch). Quelle: Youtube

Sachdienliche Hinweise könnte eine Videobotschaft jenes Mannes liefern, der den Helikopter angeblich gekapert und über das Zentrum von Caracas gesteuert hat. Er wurde als Oscar Pérez identifiziert, 36 Jahre alt und Pilot einer Polizei-Spezialeinheit. In dem Video teilt er mit, er stehe für ein Bündnis aus Armeeangehörigen, Polizisten und Staatsbediensteten, das sich gegen die «kriminelle Regierung» zur Wehr setzen wolle. Pérez ist uniformiert, aber unmaskiert, neben ihm stehen vier vermummte Männer mit Sturmgewehren. Im Hintergrund ist Vogelgezwitscher zu hören.

Pérez sagt, er repräsentiere keine politische Bewegung, seine Mitstreiter seien Patrioten und «Krieger Gottes». Ihre Aktion richte sich gegen die Straf­losigkeit, den Hunger und die Tyrannei. «Wir kämpfen für das Leben und die Hoffnung.» Veröffentlicht wurden auch wackelige Bilder eines Helikopters. An der Seite hängt ein Spruchband mit der Aufschrift «Freiheit 350». Die Zahl bezieht sich auf das in der Verfassung verankerte Recht, sich gegen undemokratische Regierungen zu wehren.

Raum für Spekulationen

Das alles wirkt erstaunlich echt. Aber ist es das wirklich? Das scheint sich auch die sonst sehr mitteilungsfreudige Opposition zu fragen. Bis zum Mittwochvormittag gab es von ihr noch keine Reaktion zu dem Vorfall. Einer Stellungnahme am nächsten kam ein Tweet von Freddy Guevara, Vizepräsident des machtlosen Parlaments: «Achtung: Es gibt noch nicht genügend Informationen über diesen Helikopter.» Damit liess Guevara zumindest Raum für Spekulationen, wonach es sich auch um eine perfide Show handeln könnte. Demonstrativ rief Guevara die Venezolaner zu friedlichen Protestmärschen auf. «Wenn wir den Weg der Gewalt einschlagen, haben wir schon verloren», sagte er.

Aus Maduros Sicht ist die Sache eindeutig: Er habe die Armee mobilisiert, um den Terror zu bekämpfen, teilte er mit. Dem Piloten Pérez unterstellte er Verbindungen zum US-Geheimdienst CIA. Bereits wenige Stunden vor dem Flug hatte der Präsident eine Art Kriegserklärung gegen alle Gegner der Bolivarianischen Revolution verlesen: «Was wir nicht mit Wählerstimmen schaffen, machen wir mit Waffen.»

Für zusätzliche Verwirrung sorgt die Tatsache, dass Oscar Pérez nicht nur langjähriger Polizeipilot ist, sondern auch Schauspieler. 2015 war er Produzent und Hauptdarsteller des Spielfilmes «Muerte suspendida». Damals sagte er, der Film wolle ein «positives und realistisches Bild von der schwierigen Arbeit der venezolanischen Sicherheitskräfte zeigen». Wie die Worte eines angehenden Putschisten klang das jedenfalls nicht wirklich.

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