Die neuen Talibanversteher

Bei den Versuchen, die afghanische Regierung und die Taliban an den Verhandlungstisch zu bringen, ist China zu einem aktiven Mitspieler geworden.

Suche nach einem engeren Kontakt: Die Aussenminister Salahuddin Rabbani (links) und Wang Yi. Foto: Mark Schiefelbein (Keystone)

Suche nach einem engeren Kontakt: Die Aussenminister Salahuddin Rabbani (links) und Wang Yi. Foto: Mark Schiefelbein (Keystone)

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Eine lange Liste ist herausgekommen, 18 Punkte stehen darauf: Das Ziel, international nicht wieder isoliert zu werden, taucht auf, die Rechte der Frauen zu stärken, die Gesundheitsversorgung zu verbessern, weitere Schulen und Strassen zu bauen – mithilfe ausländischer Investoren. Das Dokument schliesst mit dem «starken Wunsch», die Treffen so bald wie möglich fortzusetzen. Es waren zwar keine offiziellen Friedensverhandlungen, die nun in Doha stattgefunden haben. Doch immerhin hat es dieses Treffen mit einigen gemeinsamen Bekenntnissen überhaupt gegeben: Hochrangige Taliban sassen zusammen mit «Persönlichkeiten» aus Kabul, wie es Paolo Cotta-Ramusino, der General­sekretär der Pugwash Conferences, die das Treffen organisiert haben, bewusst vorsichtig formuliert.

Gemeint ist: Es waren keine offiziellen Vertreter der Kabuler Regierung mit am Tisch, aber wohl zumindest Regierungsberater und Dutzende andere Teilnehmer aus der Region. In Doha haben die Taliban im Jahr 2013 ein Büro eröffnet, um für Friedensgespräche eine Repräsentanz zu haben. Doch der Prozess kollabierte, bevor er richtig begonnen hatte. Die nun wieder angestossenen Konsultationen der Konfliktparteien zeigen zumindest, dass die Taliban entgegen ihrer öffentlichen Stellungnahmen bereit für einen Friedensschluss sind. Die Frage ist nur: Zu welchem Preis?

Land in chaotischem Zustand

Bemerkenswert ist, dass der Doha-Prozess im Moment nur «eine Nebenattraktion» ist, wenn auch keine unwichtige, wie es der Taliban-Experte Ahmed Rashid formuliert. Was tatsächlich grosses Gewicht habe: Chinas neue Rolle. Bei den lange stagnierenden Versuchen, die afghanische Regierung und die Taliban an den Verhandlungstisch zu bringen, ist Peking zu einem überraschend aktiven Mitspieler herangewachsen. Afghanistans Aussenminister Salahuddin Rabbani ist seit Sonntag für vier Tage in Peking, um über Chinas Rolle bei den Verhandlungen zu sprechen. Rabbani traf am Montag Chinas Aussenminister Wang Yi. In der vergangenen Woche hatte Peking schon seinen Afghanistan-Sondergesandten Deng Xijun nach Kabul geschickt, um an Gesprächen der Viererkoordinationsgruppe teilzunehmen, in der neben China noch Afghanistan, Pakistan und die USA Mitglied sind. «Wenn die Treffen der vier Nationen zu nichts führen, könnte die Doha-Initiative eine Alternative sein», sagt Experte Rashid. Aber erst dann.

China hat über den schmalen Wach­ankorridor eine knapp 90 Kilometer lange gemeinsame Grenze mit Afghanistan, doch dass China sich aktiv einbringt bei Konflikten in seiner Nachbarschaft, ist etwas Neues. In der Vergangenheit hatte sich Peking stets auf eine Politik der Nichteinmischung zurück­gezogen und sich mit passiver Beobachtung begnügt. Das neue Engagement kommt zu einer Zeit, da China sich generell mehr einbringt auf der internatio­nalen Bühne. Es entspringt aber im afghanischen Szenario vor allem der Erkenntnis, dass der allmähliche Rückzug der Amerikaner das Land am Hindukusch in einem chaotischen Zustand zurücklässt, mit Problemen, die sich auch leicht auf China auswirken können.

Die Neue Seidenstrasse

An vorderster Stelle hat Peking Angst vor einem Übergreifen terroristischer und islamistischer Umtriebe in seine Westprovinz Xinjiang. Xinjiang ist die Heimat des muslimischen Turkvolkes der Uiguren. Die Provinz wurde in den vergangenen Jahren verstärkt Schauplatz von gewalttätigen Unruhen und Terrorakten. Beobachter machen dafür die repressive Politik Pekings gegenüber der Religion und Kultur der Uiguren ebenso verantwortlich wie zuletzt die Inspiration durch den Jihad jenseits der chinesischen Grenze. «Wenn Afghanistan weiter zum chaotischen Schlachtfeld verkommt, könnte es zur Brutstätte des Terrorismus werden, zur Quelle illegaler Drogen und des Waffenhandels. All das bedroht China», sagte Du Youkang, ein Afghanistan-Experte der Shanghaier Fudan-Universität, der «South China Morning Post».

Ebenso spielen wirtschaftliche Überlegungen der Volksrepublik eine Rolle. Das grösste aussenpolitische und wirtschaftliche Prestigeobjekt von Staats- und Parteichef Xi Jinping ist dessen Neue Seidenstrasse – das Projekt sieht gewaltige Infrastrukturmassnahmen und Investitionen in einem transkontinentalen Korridor von China bis nach Europa vor. Afghanistan ist im Moment zwar nicht Teil des Projekts, überhaupt ist Chinas wirtschaftliches Engagement in dem Land noch minimal, doch könnte die Instabilität dort andere Teile des Projekts gefährden.

Pekings Diplomaten versuchen sich seit 2014 an engeren Kontakten zur Regierung in Kabul, aber auch zu den Taliban. Der vielleicht grösste Pluspunkt des chinesischen Engagements aus Sicht der USA und Afghanistans aber sind seine traditionell engen Bande zu Pakistan. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Pakis­tans Sicherheitsapparat die Taliban einst als ernst zu nehmende politische Macht erst geschaffen hat und bis heute unterstützt. Kabul und Washington hoffen, dass China seinen Einfluss auf Pakistan nutzt, um die pakistanische Führung und die Taliban zu einem Friedensschluss zu bewegen.

Der IS wird stärker

Trotz der neuen Aktivitäten: Grosse ­Euphorie ist noch nicht ausgebrochen, dafür hat der afghanische Friedens­prozess immer wieder zu herbe Rückschläge erlitten. «Es ist gut, dass es viele Bemühungen gibt, um die Kämpfe in ­Afghanistan zu beenden», sagt der pensionierte pakistanische 3-Stern-General Talat Masood, einer der profiliertesten Analysten seines Landes. Doch die Taliban seien inzwischen so fragmentiert, dass es schwerfalle, auf einen umfassenden Friedensschluss zu hoffen. Zudem nehme der Einfluss des sogenannten ­Islamische Staats (IS) auch am Hindukusch zu.

Für die afghanische Zivilbevölkerung bedeuten die Initiativen aber zumindest einen Funken Hoffnung. Sie leidet ganz besonders unter dem Kampf, den sich die Streitkräfte mit den Taliban liefern. Allein in der ersten Hälfte des Jahres 2015 gab es laut Vereinten Nationen fast 5000 zivile Opfer – die höchste Zahl seit Beginn der Zählung. Die afghanischen Streitkräfte und die Taliban sind seit langem in einem Patt: Keine Seite gewinnt, ein Ende des Krieges ist nur am Verhandlungstisch möglich.

Erstellt: 26.01.2016, 19:27 Uhr

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