Zum Hauptinhalt springen

Die Wunde des Wolfes

Der Schriftsteller Dogan Akhanli wurde im vergangenen Sommer aufgrund eines türkischen Haftbefehls in Spanien verhaftet. Nun erzählt er über Folter und die düstere Zukunft der Türkei.

Ein unverbesserlicher Optimist, der an die Kraft des Dialogs und der Empathie glaubt: Der türkischstämmige Schriftsteller Dogan Akhanli. Foto: Horst Galuschka (Imago)
Ein unverbesserlicher Optimist, der an die Kraft des Dialogs und der Empathie glaubt: Der türkischstämmige Schriftsteller Dogan Akhanli. Foto: Horst Galuschka (Imago)

Keineswegs hatte Dogan Akhanli eine Begegnung mit der maurischen Kultur im Sinn, als er im vergangenen Sommer für zwei Wochen Ferien nach Granada flog, die Stadt der Alhambra. Vielmehr wollte er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, auch sie eine Türkin mit deutschem Pass, ausspannen. Gleich nach ihrer Ankunft am 16. August beschlossen sie, auf den Spuren des Dichters Federico García Lorca zu wandeln. Er war ihnen vertraut, ein grosser spanischer Linksintellektueller, dem sie sich selbst nahe sehen. Das Datum war ein Zufall: Vermutlich Mitglieder der faschistischen Falange haben den mit der linken Volksfront sympathisierenden Dichter am 16. August 1936 festgenommen und drei Tage später unweit von Granada erschossen. Nach dem Massengrab, in dem die Mörder ihre Opfer verscharrten, wird bis heute gesucht.

Doch der türkischstämmige Schriftsteller kam nur dazu, das Lorca-Museum in Granada zu besuchen. Dann wurde er von der spanischen Polizei festgenommen und in Handschellen abgeführt. Es war der 19. August, der Todestag des grossen Dichters. Nach dem ersten Schock erfuhr Akhanli schnell den Grund: Die türkischen Behörden hatten ihn über Interpol zur Fahndung ausgeschrieben, wegen seiner angeblichen Teilnahme an einem Raubüberfall, den eine linksextreme Terroristengruppe vor 27 Jahren begangen haben soll. Zur weiteren Untersuchung wurde er nach einem Tag im Polizeiwagen, ebenfalls in Handschellen, nach Madrid gebracht, die Fahrt führte an den Dörfern vorbei, in denen sich die Spuren Lorcas verloren.

Unterschlupf beim Instrumentenbauer

Da er deutscher Staatsbürger ist, schaltete sich sofort die deutsche Botschaft ein. So kam er wenige Tage nach seiner Verhaftung frei. Doch musste er zwei Monate in Madrid bleiben, bis ein spanisches Gericht das Auslieferungsbegehren der Türken zurückwies. Er bezog das Gästezimmer des Goethe-Instituts gleich neben der deutschen Botschaft und beschloss, ein Buch über seine Erfahrungen in Gefängnissen und seine Gedanken zu Gewalt in der Politik zu schreiben. «Verhaftung in Granada oder Treibt die Türkei in die Diktatur?» ist kürzlich im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Dogan Akhanli kam das erste Mal 1975 in der Türkei hinter Gitter, er war 18 Jahre alt. Er war aufgefallen, weil er eine linksgerichtete Zeitung gekauft hatte. Fünf Monate blieb er in Untersuchungshaft, wieder in Freiheit schloss er sich der illegalen Revolutionären Kommunistischen Partei an. Nach dem Militärputsch von 1980 ging er in den Untergrund. Mit seiner Frau Ayse fand er Unterschlupf und Arbeit bei einem Instrumentenbauer. Doch 1985 wurden beide verraten, Ayse kam mit dem nicht einmal anderthalb Jahre alten Sohn in Haft. Im Rückblick bittet der Vater den inzwischen erwachsenen Sohn um Verzeihung, dass er sich damals mit Rücksicht auf die junge Familie nicht zumindest vorübergehend vom politischen Untergrund zurückgezogen hat.

Dialog mit türkischen Folterknechten

Akhanli verbrachte zweieinhalb harte Jahre im Militärgefängnis, ausführlich beschreibt er die damals erlittene Folter und die Folterknechte, er gibt auch die Gespräche mit ihnen in lebendigen Dialogen wieder. Er versucht sogar, wie Günter Wallraff in seinem Vorwort darlegt, seine Folterer zu verstehen. Ein drittes Mal lernte er ein türkisches Gefängnis fast ein Vierteljahrhundert später kennen: 2010 kam er in Untersuchungshaft wegen der angeblichen Beteiligung an einem Raubüberfall – es ging um dieselbe Anschuldigung wie in dem in Spanien vollstreckten internationalen Haftbefehl. Doch nach vier Monaten kam er frei.

Er lebte damals bereits seit fast zwei Jahrzehnten in Deutschland, wo er politisches Asyl erhalten hatte. Nachdem die Türkei ihm die Staatsbürgerschaft aberkannt hatte, weil er sich nicht aus dem Ausland zum Wehrdienst meldete, erhielt er einen deutschen Pass. Er liess sich in Köln nieder, das er heute «mein Dorf» nennt. Doch lebendig ist noch die Erinnerung an das Dorf unweit der türkischen Schwarzmeerküste, in dem er aufwuchs, in dem sein Vater Lehrer war. Eine Episode aus der Kinderzeit hat ihn geprägt: Dörfler hatten einen ausgehungerten und am Bein verletzten Wolf, der in eine Falle gegangen war, an einem Pfosten angebunden und schickten sich an, ihn totzuschlagen oder zu steinigen. Die Mutter Akhanlis hinderte sie daran, und der Hund der Familie leckte die Wunde des Wolfs, der seine Freiheit zurückbekam.

Diese Episode steht durchaus für den verwinkelten Lebensweg des Schriftstellers, eine Entwicklung vom radikalen Kämpfer für einen gewaltsamen Umsturz zum Verfechter des empathischen Dialogs. Er begreift, dass eine Gesellschaft nur demokratisch werden kann, wenn sie ihre Gewaltgeschichte aufarbeitet. Er versucht, mit seinen auf Türkisch geschriebenen Romanen dazu beizutragen. Mehrere kreisen um den Völkermord an den Armeniern, in der Folge wird er stark angefeindet. Doch weitet sich sein Blick, er befasst sich mit der Nazizeit in Köln, er fährt mit Jugendgruppen nach Auschwitz, studiert die tragische Geschichte der Völker Osteuropas, die erst von den Deutschen im Krieg terrorisiert wurden und anschliessend dem sowjetischen Joch ausgesetzt waren. Er sucht darin auch Modelle für eine Auseinandersetzung der Türken mit ihrer Gewaltgeschichte.

Keine bittere Abrechnung

Aus seiner linksradikalen Studentenzeit kannte er die Geschichte der internationalen Brigaden, die im Bürgerkrieg gegen Franco gekämpft haben. Die damalige türkische Führung verbot ihren Bürgern, daran teilzunehmen. Nun fuhr er aus Madrid zum Tal der Gefallenen mit der von Zwangsarbeitern in den Fels gehauenen Kathedrale, in der sich hinter dem Hauptaltar das Grab Francos befindet. Ihn interessiert, wie die Spanier und auch die benachbarten Portugiesen ihre Diktaturen auf friedlichem Wege überwunden haben – nach dem Tod der Diktatoren.

Von hier schlägt Akhanli immer wieder den Bogen zur Türkei. Seine Analyse der Gegenwart ist allerdings düster, er verhehlt nicht seine Enttäuschung und Wut. Doch ist sein temperamentvolles Madrider Buch keineswegs eine bittere Abrechnung geworden, im Gegenteil: Er scheint ein unverbesserlicher Optimist zu sein, er glaubt an die Kraft des Dialogs und der Empathie. Gleichzeitig führt er dem Leser auch vor Augen, dass Demokratie und Freiheit nicht selbstverständlich sind, sondern dass man sich für sie engagieren muss. Vor allem ist er ein grossartiger Erzähler, geschickt verbindet er Betrachtungen zu Kultur und Geschichte mit eigenen Erlebnissen. Und an vielen Stellen scheint sein Schalk durch.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch