Der populärste Politiker Kosovos

Selbst von Kosovo-Albanern in der Schweiz wird Albin Kurti gefeiert. Wer ist dieser Mann, der die Befreiung von der Korruption verspricht?

Albin Kurti hat sich vom Enfant terrible der kosovarischen Politik zu einem ernst zu nehmenden Kritiker entwickelt. Foto: Armend Nimani (AFP)

Albin Kurti hat sich vom Enfant terrible der kosovarischen Politik zu einem ernst zu nehmenden Kritiker entwickelt. Foto: Armend Nimani (AFP)

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Wo er auftritt, geraten seine Anhänger fast ausser sich vor Begeisterung. Wo er spricht, drängen sich nicht nur Teenager rücksichtslos nach vorne. Wo er sich bewegt, wird er von einer kreischenden Menge umzingelt. Selfies mit Albin Kurti sind heiss begehrt. Am Sonntag wählt Kosovo ein neues Parlament, und der derzeit populärste Politiker des kleinen Balkanlandes kämpft an vielen Fronten, um eine politische Wende herbeizuführen.

Kürzlich trat er in Aarau auf. Gekommen waren über 500 Kosovo-Albaner aus vielen Schweizer Städten, geplant war eine Debatte zwischen Albin Kurti und Cédric Wermuth über die politische Beteiligung. Der SP-Politiker sprach über teure Krankenkassenprämien, den Klimawandel und Kosovaren, die halt besser Fussball spielten. Das Publikum applaudierte freundlich.

Richtig bierzelttauglich war die Stimmung aber zu Beginn der Wahlveranstaltung, als Albin Kurti eine Brandrede hielt gegen die herrschende politische Klasse, die Kosovo ausplündere. «Helft uns, unser Heimatland zu befreien. Helft uns, denn noch eine kriminelle Regierung wird der Staat Kosovo nicht überleben», schrie der 44-Jährige in den Saal. Fast 40'000 Kosovo-Albaner in der Diaspora haben sich für die Wahl registriert. Die meisten sind Unterstützer von Kurtis Bewegung Vetëvendosje (Selbstbestimmung), die sich als Anti-Establishment-Partei inszeniert.

Die Demokratische Partei Kosovos kassierte jährlich bis zu 200 Millionen Franken ein.

Kurti hat vor allem den ehemaligen Rebellenführern den Kampf angesagt. Seit Kriegsende vor zwanzig Jahren dominieren sie mit ihren Klientelparteien die Politik, und seit Kosovo vor elf Jahren mit dem Segen der USA und der grossen EU-Staaten die Unabhängigkeit von Serbien erklärte, haben sich die sogenannten Kriegshelden auch die letzten Ressourcen unter den Nagel gerissen. Die meisten Staatsunternehmen wurden inzwischen an türkische Konzerne verscherbelt, die dem Autokraten Recep Tayyip Erdogan nahestehen.

Beispielhaft für die institutionalisierte Korruption und die Vetternwirtschaft steht der Umgang mit der staatlichen Telefongesellschaft PTK: Das Unternehmen hatte vor nicht allzu langer Zeit einen Wert von fast einer halben Milliarde Franken – nun steht es vor dem Bankrott. Gemäss Schätzungen von US-Experten kassierte die Demokratische Partei Kosovos (PDK) des derzeitigen Staatschefs Hashim Thaci jährlich umgerechnet bis zu 200 Millionen Franken mit Korruptionsgeschäften, Erpressung und einem Netzwerk der organisierten Kriminalität.

Die schlechtesten Schulen Europas

Fachleute bezeichnen auch die Vergabe von Aufträgen für den Bau der Autobahnen, die Kosovo mit Albanien und Nordmazedonien verbinden, als völlig intransparent. Seit der Unabhängigkeit haben die Regierungen 2,5 Milliarden Euro für Infrastrukturprojekte ausgegeben – etwa so viel beträgt das Jahresbudget Kosovos für das laufende Jahr. Vernachlässigt wurde das Bildungswesen. Laut einer Pisa-Studie hat Kosovo die schlechtesten Schulen in Europa. Entsprechend hoch ist die Zahl der funktionalen Analphabeten, also von Menschen, die den Sinn eines Textes nicht herauslesen können.

Der bisherige Ministerpräsident Ramush Haradinaj träumt bereits von der nächsten Autobahn: Sie soll die Hauptstadt Pristina mit seiner Heimatregion Dukagjin verbinden und etwa eine Milliarde Euro kosten. Im Parlament haben die ehemaligen Kriegsherren ein Gesetz durchgeboxt, das ihren früheren Mitkämpfern ermöglicht, eine Rente zu beziehen. Die kosovarische Rebellenarmee UCK hatte bei Kriegsende 1999 nicht mehr als 15'000 Angehörige – nun erhalten fast 40'000 eine Rente, insgesamt aber haben etwa 70'000 eine solche beantragt. Kommentatoren in Pristina sprechen von einem «Staatsstreich der Lügenkämpfer». Die UCK-Chefs finanzieren also einen Teil der eigenen Wahlklientel mit Steuergeldern.

Albin Kurti war Student der Elektrotechnik und ein Rebell mit Rastalocken.

Albin Kurti sitzt in einem Restaurant in der Altstadt von Aarau und sagt sarkastisch: «Die Kriegskommandanten asphaltieren und betonieren das Land, aber die Menschen gehen weg.» In den vergangenen zehn Jahren haben fast 300'000 vor allem junge Männer Kosovo verlassen. Wie die meisten südosteuropäischen Staaten blutet auch der Balkanstaat aus. Kurti verspricht nichts weniger als die Befreiung von der Korruptionsplage. Er träumt von einer Koalition mit der Demokratischen Liga Kosovos (LDK), der Partei des längst verstorbenen Präsidenten Ibrahim ­Rugova. Die LDK hat die Juristin Vjosa Osmani für das Amt des Premiers nominiert – eine kosovarische Premiere.

Die Politbühne betrat Kurti schon 1997. Damals war er Student der Elektrotechnik und ein Rebell mit Rastalocken, der den friedlichen, aber erfolglosen Widerstand Rugovas ablehnte und mit dem bewaffneten Kampf gegen die serbischen Machthaber sympathisierte. Als die Nato 1999 mit Luftangriffen gegen Serbiens Mordmaschinerie begann, blieb Kurti in Pristina. Er wurde von der serbischen Polizei verhaftet, gefoltert, nach Serbien verschleppt und in einem Schauprozess zu 15 Jahren Haft verurteilt. Auf internationalen Druck hin kam er frei und durfte nach Kosovo zurückkehren.

Politisches Schreckgespenst

Seit zwei Jahrzehnten kämpft er gegen die politische Elite, zuerst mit einer kleinen NGO, dann mit seiner Bewegung Vetëvendosje. Seine Methoden und Forderungen sind durchaus umstritten. Er lehnte den Unabhängigkeitsplan des UNO-Sondergesandten Martti Ahtisaari ab, weil er der serbischen Minderheit und vor allem Belgrad zu viele Kompetenzen in Kosovo einräumte. Er forderte die Vereinigung mit Albanien und einen Boykott serbischer Produkte. Das machte ihn zum Schreckgespenst der kosovarischen Politik, es gab Diplomaten aus den USA, die sich weigerten, ihm die Hand zu schütteln.

Nach dem Einzug ins Parlament 2010 warf der linksradikale Polterer den westlichen Protektoren nicht zu Unrecht vor, mit den lokalen Herrschern stillschweigend einen Pakt geschlossen zu haben: Sie dürften das Land ausplündern, solange sie eine oberflächliche Stabilität garantierten.

Er ist belesen, hat Humor und ist nicht korrupt – eine seltene Eigenschaft unter den Politikern der Region.

Im Parlament setzte Kurti seine Provokationen fort. Die Staatssymbole Kosovos lehnte er ab, bei zeremoniellen Anlässen wartete er vor dem Parlament, bis die Hymne gespielt wurde. Weltweit Schlagzeilen machten die Parlamentarier von Vetëvendosje, als sie mit Tränengasattacken im Parlament ein Grenzabkommen mit Montenegro zu verhindern versuchten.

Trotz seiner fragwürdigen Aktionen sind manche westliche Diplomaten von Kurti fasziniert. Er ist belesen wie kaum ein Politiker auf dem Balkan, hat Humor und ist nicht korrupt – eine seltene Eigenschaft unter den Politikern der Region. Um seine Partei zu unterstützen, verkaufte er seine Wohnung. Kurti lebt in einer Mietwohnung in Pristina mit seiner norwegischen Ehefrau und der gemeinsamen Tochter.

Je grösser die Aussicht auf eine Machtbeteiligung, desto realistischer und sachbezogener wird der Mann, der alles auf den Kopf stellen wollte. Eine Vereinigung mit Albanien? Zuerst müsse Kosovo ein funktionsfähiger Staat werden. «Niemand muss Angst haben, dass wir Konflikte oder gar Kriege vom Zaun brechen, wenn wir an die Macht kommen», sagt Kurti jetzt. Die Staatssymbole Kosovos werde er als Ministerpräsident respektieren.

Keine neuen Grenzen

Kurti lehnt Grenzänderungen zwischen Kosovo und Serbien ab, die vom kosovarischen Präsidenten Hashim Thaci und seinem serbischen Amtskollegen Aleksandar Vucic ins Gespräch gebracht wurden. Die Idee wird von EU-Staaten wie Österreich und Frankreich, von Haudegen der Trump-Administration, vom albanischen Ministerpräsidenten Edi Rama und gut bezahlten Lobbyisten unterstützt. Dagegen sind vor allem Deutschland und Grossbritannien, aus Sorge vor einer Kettenreaktion auf dem ganzen Balkan.

Kosovos Verhältnis zu Serbien bleibt angespannt. Die neue Regierung wird sofort unter Druck stehen, die seit einem Jahr geltenden Strafzölle auf serbische Produkte ausser Kraft zu setzen und den Dialog mit Belgrad aufzunehmen. Auch die Vorschläge für Grenzänderungen bleiben bestehen. Die USA haben bereits einen Sondergesandten für den Balkan ernannt, die EU dagegen hat es bisher nicht einmal geschafft, die Visumspflicht für die Kosovaren aufzuheben.

Fernsehduell abgelehnt

In Umfragen liegt Kurtis Partei knapp hinter der Demokratischen Liga Kosovos. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Kurti keinen Koalitionspartner findet. Er gilt den etablierten und meist korrupten Parteien immer noch als unbequemer Partner, der mit vielen Übeln aufräumen will. Mit seinen scharfen, rhetorisch oft brillanten Reden treibt er seine Gegner vor sich her. Die anderen Bewerber für das Amt des Premiers haben bisher ein Fernsehduell mit ihm abgelehnt.

«Nur ein Wahlsieg von Vetëvendosje ist ein Garant dafür, dass die Räuber im Gefängnis landen werden. Wir werden niemanden amnestieren», meint Kurti. Als Beispiel für die hemmungslose Selbstbedienungsmentalität erwähnt er die Tatsache, dass die bisherige Regierung über 20 Minister und fast 90 stellvertretende Minister hatte. «Selbst in China oder Indien wäre das zu viel.»

Erstellt: 01.10.2019, 08:42 Uhr

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