Eine Chronik der verpassten Gelegenheiten

Ein Jahr nach dem Attentat auf die Satirezeitung «Charlie Hebdo» wird darüber gestritten, ob die Geheimdienste die Morde hätten verhindern können.

Ist bemüht, die Vorwürfe als «Ausdruck des Schmerzes» darzustellen: Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve. Foto: Keystone

Ist bemüht, die Vorwürfe als «Ausdruck des Schmerzes» darzustellen: Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ingrid Brinsolaro, die Witwe des Bodyguards, der den Chefredaktor von «Charlie Hebdo» beschützen sollte und mit ihm im Kugelhagel starb, hat Anzeige wegen «schwerer fahrlässiger Tötung» gegen unbekannt erstattet. Sie wirft den Verantwortlichen des französischen Sicherheitsapparats vor, das Risiko falsch eingeschätzt und Hinweise auf ein bevorstehendes Attentat nicht weiterverfolgt zu haben. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve bemüht sich, die Vorwürfe der Witwe als Ausdruck des «Schmerzes, der berechtigten Verzweiflung» darzustellen, und verweist darauf, dass im Land seit 2013 insgesamt 18 jihadistische Zellen gesprengt und seit letztem Frühling sechs Attentate vereitelt worden seien.

Handelt es sich um eine Verquickung unglücklicher Zufälle oder um ein totales polizeiliches und geheimdienstliches Versagen?

Doch die Entgegnung erscheint nicht ganz stichhaltig. Denn anders als bei den Attentaten im November, die wohl weitgehend in Belgien vorbereitet wurden, ist es bei der Charlie-Hebdo-Attacke nicht so leicht möglich, den Fehler vor allem in der mangelnden Kooperation der europäischen Geheimdienste zu orten.

Die Zeitung «Le Monde» berichtet nach einer exklusiven Einsicht in die Untersuchungsakten, dass diese sich läsen wie eine «Chronik verpasster Gelegenheiten», die Attentäter vor der Tat zu stoppen. Allerdings belegt auch die Zeitung nicht klar, ob es sich um eine Verquickung unglücklicher Zufälle handelte oder um ein totales polizeiliches und geheimdienstliches Versagen.

Einschlägige Dokumente belegen, dass Coulibaly bereits 2010 einer zentralen Figur des französischen Jihadismus einen Besuch abgestattet hatte.

Im Fall von Amedy Coulibaly, der im jüdischen Supermarkt von Vincennes zuschlug, ist die These vom Versagen kaum zu widerlegen. Coulibaly wurde von den Behörden zu keinem Zeitpunkt als radikaler Islamist eingeschätzt, obwohl dafür etliche Hinweise vorlagen. Dass diese nicht erkannt und verfolgt wurden, sieht nach einem groben Fehler aus. Coulibaly war zum Zeitpunkt der Anschläge vor einem Jahr längst in den Extremismus abgedriftet. Einschlägige Dokumente belegen, dass er bereits 2010 einer zentralen Figur des französischen Jihadismus, Djamel Beghal, einen Besuch abgestattet hatte.

Die Behörden tauschten ihre Erkenntnisse auch aus, wurden aber offenkundig nicht schlau daraus.

Auch die Brüder Kouachi, die Mörder auf der Zeitungsredaktion, waren dort. Sie hatten sich alle zusammen im Gefängnis kennen gelernt, und Beghal, der nach zehn Jahren aus der Haft entlassen worden war, stand damals in einer Ortschaft am Fuss der französischen Alpen unter Hausarrest. Dieser Umstand ist schon länger bekannt; die von «Le Monde» eingesehenen Akten belegen nun allerdings, dass Beghal damals sowohl von den Geheimdiensten als auch von der Polizei abgehört wurde. Die Behörden tauschten ihre Erkenntnisse auch aus, wurden aber offenkundig nicht schlau daraus.

Coulibaly blieb in den Augen der Ermittler ein gewöhnlicher Krimineller und Dealer, obwohl sie wussten, dass er ­regelmässig den radikalsten Jihadismusprediger Frankreichs besuchte. Daran änderte sich auch nicht viel, als Coulibaly im gleichen Jahr 2010 wegen Beihilfe verurteilt wurde; er hatte beim Versuch, den Terroristen Smaïn Aït Ali Belkacem zu befreien, mitgewirkt.

Im Juni 2013 nahmen die Brüder Kouachi und Coulibaly trotz einer Kontaktsperre die Kommunikation auf. Auch das blieb ohne Konsequenzen.

Belkacem war wegen eines Bombenattentats 1995 in Paris selbst zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Wegen guter Führung wurde Coulibaly im Sommer 2014 mit elektronischer Fussfessel vorzeitig entlassen. Jahre zuvor, 2008, hatte der spätere Attentäter heimlich eine Dokumentation über die Zustände in französischen Gefängnissen gedreht und von einer «verdammten Schule der Kriminalität» gesprochen. «Le Monde» gab er sogar ein Interview. Darin sagte er: «Als ich das erste Mal ankam, weil ich Mist gebaut hatte, dachte ich: nie wieder. Nach einer Weile sagte ich mir, die machen mich verrückt, ich jage alles in die Luft.»

Im Juni 2013 nahmen die Brüder Kouachi und Coulibaly trotz einer Kontaktsperre die Kommunikation auf. Auch das blieb ohne Konsequenzen. Die Brüder Chérif und Saïd Kouachi wurden zwar zu diesem Zeitpunkt schon als so gefährlich eingestuft, dass sie im Visier beider französischer Geheimdienste waren – dem für innere wie auch dem für äussere Sicherheit. Chérif wurde zwei Jahre lang, bis Dezember 2013, komplett überwacht. Saïd wurde mit Unterbrechungen, aber zuletzt von Februar bis Juni 2014, observiert. Und doch kamen die Berichterstatter zum Schluss, dass es bei beiden keinerlei Hinweise auf die Vorbereitung einer Gewalttat gebe. Auch ihren Bekannten Coulibaly stuften sie nicht als gefährlich ein.

Ein tragischer Trugschluss, wie seit dem Attentat auf «Charlie Hebdo» und einen jüdischen Supermarkt vor einem Jahr jeder weiss.

Erstellt: 05.01.2016, 21:21 Uhr

Artikel zum Thema

«Wir sind uns und unseren Toten treu geblieben»

Interview Die Zeichnerin Coco hat die Anschläge auf die «Charlie Hebdo»-Redaktion überlebt, weil sie den Terroristen die Tür öffnete. Ein Jahr danach spricht sie über das Trauma. Mehr...

Der Schrecken danach

Vor einem Jahr stürmten zwei Islamisten die Redaktion von «Charlie Hebdo» und töteten elf Personen. Überlebende berichten nun im Film «Je suis Charlie» vom Attentat. Mehr...

«Charlie Hebdo» bringt Sonderausgabe zum Jahrestag des Anschlags

Kurz vor dem Jahrestag des Attentats auf «Charlie Hebdo» will das Satire-Magazin eine Spezialausgabe veröffentlichen. Eine Million Exemplare sollen in die Läden kommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Geldblog Bei GAM fliessen weiterhin Vermögen ab

Von Kopf bis Fuss Warum Hafer (fast) so wirksam ist wie Medizin

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...