Er war einmal ein Held

Enthüller Julian Assange könnte bald wieder ganz frei sein.

Julian Assange auf dem Balkon der Botschaft von Ecuador in London (Mai 2017). Foto: EPA

Julian Assange auf dem Balkon der Botschaft von Ecuador in London (Mai 2017). Foto: EPA

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Nimmt man Medienberichte der vergangenen Tage zum Mass, tut sich etwas im Fall von Julian Assange, Wikileaks-Gründer und Starenthüller. Er kann möglicherweise bald die Botschaft Ecuadors in London verlassen. Dort haust er seit fünf Jahren in einem Kämmerchen, und sein Gesicht wird immer teigiger.

Das eine, grössere Problem von Assange ist bereits weg. Im Mai hat Schweden die Untersuchung gegen den 45-jährigen Australier wegen Vergewaltigung eingestellt. Ihretwegen war er 2012 in die ecuadorianische Botschaft geflohen.

Das verbliebene Problem ist eine juristische Formsache. Aufgrund der Ermittlungen in Schweden kam es auch zu einem britischen Haftbefehl. Grossbritannien könnte ihn festsetzen und an Amerika ausliefern, fürchtet Assange nach wie vor. «Wir sehen eine Lösung», sagte eben die ecuadorianische Aussenministerin, die Gespräche mit der britischen Justiz sind im Gang.

Mittlerweile ist Assange, Markenzeichen weisse Haare,
eine zwielichtige Gestalt.

Bloss: Falls Assange die volle Freiheit wiedererlangt – wer wird ihn draussen feiern? Sein Image hat sich verdüstert. Das belegt auch die Geschichte von «Risk», dem Dokfilm der US-Filmerin Laura Poitras. Letztes Jahr stellte sie ihn in Cannes vor – um ihn danach umzuschneiden. Kürzlich zeigte Poitras die Neufassung. Assange, den sie sechs Jahre mit der Kamera begleitete, kommt nun wesentlich schlechter weg. Die Filmerin hat ihre Zweifel an Assange eingearbeitet, nachdem sie sie lange verdrängt hatte.

Als sie ihr Projekt startete, war Assange der Held der Linken. Die Plattform Wikileaks hatte immer wieder Geheimdokumente ans Licht gebracht; oft ging es um Amerikas Missetaten, etwa im Irak-Krieg, in Afghanistan, im Terroristengefängnis Guantánamo. Bürgerrechtler frohlockten.

Kontakte zu unangenehmen Figuren

Mittlerweile aber ist Assange, Markenzeichen weisse Haare, eine zwielichtige Gestalt. Während der heissen Phase des US-Präsidentschafts-Wahlkampfes setzten seine Enthüllungen der Demokratin Hillary Clinton zu; sie wirkten kampagnenhaft und irritierten. Hatte sich Assange mit russischen Polit- und Geheimdienstkreisen abgestimmt?

Herumgesprochen haben sich zudem Assanges Kontakte zu unangenehmen Figuren wie dem britischen Ultrarechten Nigel Farage und zum schwedischen Verschwörungstheoretiker Israel Shamir. Aus Sicht der Filmerin ebenso schlimm: die Geringschätzung Assanges für seine Informanten. In einigen Fällen gab Wikileaks Dokumente frei, aus denen sich auf die Hinterleute schliessen liess. «Wenn sie getötet werden, sind sie selber schuld», soll Assange gesagt haben.

Poitras sagt in der Neuversion von «Risk»: «Ich dachte, ich könnte die Widersprüche ignorieren. Ich dachte, sie seien nicht Teil der Geschichte. Ich habe mich total geirrt. Sie werden jetzt zur Geschichte.» So wie sie haben viele Leute punkto Julian Assange umdenken müssen.

Erstellt: 26.06.2017, 19:23 Uhr

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