Eine Galionsfigur verliert das Gesicht

Starhacker Jacob Appelbaum wird Missbrauch vorgeworfen.

Jacob Appelbaum warnte vor der NSA. Bild: Keystone

Jacob Appelbaum warnte vor der NSA. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er war so etwas wie der Sprecher der Anti-NSA-Szene – der Hacker und Aktivist Jacob Appelbaum, der sehr vertraut mit Julian Assange von Wiki­leaks war, wie auch mit Laura Poitras, die 2013 von Edward Snowden ausgewählt wurde, um über seine Enthüllungen zu berichten. «Summer of Snowden» heisst ein Foto, das Appelbaum in dieser Zeit knipste. Es zeigt die spätere Oscar-­Gewinnerin auf einem Sofamöbel liegend – im Erker eines Berliner Zimmers, das von warmem Licht durchflutet wird. Poitras blickt zur Kamera. Auf ihrem Gesicht ein seliges Lächeln.

Drei Jahre nach dem Snowden-Sommer sieht sich Appelbaum mit schweren Vorwürfen konfrontiert: Auf einer Website geben mehrere Personen an, sie seien von ihm «sexuell, emotional und körperlich missbraucht worden». Appelbaum geniesse es, «mit seiner Macht Menschen zu manipulieren». Es folgen detaillierte Berichte.

Die Vorwürfe gegen den 33-jährigen Amerikaner sind massiv.

Die Vorwürfe gegen den 33-jährigen Amerikaner sind massiv. Und sie scheinen nicht neu zu sein, wie Shari Steele, Direktorin des Anonymisierungsnetzwerks Tor erklärt, für das Appelbaum zuletzt als Entwickler tätig war. «Die Anschuldigungen stimmen mit Gerüchten überein, die einige von uns gehört hatten.» Kurz darauf wurde publik, dass Appelbaum bereits 2015 wegen ähnlicher Vorwürfe für zehn Tage von seiner Arbeit bei Tor entbunden worden war.

Appelbaum selbst spricht von einer «bös­artigen Kampagne»: «Die Anschuldigungen von kriminellem Fehlverhalten sind komplett falsch.» Er räumt aber ein, dass es «Momente in meinem privaten oder beruflichen Leben gegeben haben könnte, in denen ich aus Versehen die Gefühle anderer verletzt oder beleidigt haben könnte». Dafür möchte er sich entschuldigen.

Begnadeter Storyteller

Die Vorwürfe gegen Appelbaum sind ein Schlag ins Gesicht für eine Bewegung, deren Anliegen es ist, Machtmissbrauch zu verhindern. Und die mit Assange bereits eine andere Schlüsselfigur kennt, der ähnliche Vorwürfe gemacht werden.

Appelbaum war nicht zuletzt deshalb so geeignet, die Galionsfigur der Anti-NSA-Szene zu sein, weil er ein begnadeter Storyteller ist und weiss, wie man Aufmerksamkeit erzeugt: Wiederholt erzählte er, wie er nach dem Tod seines heroinsüchtigen Vaters zum Aktivisten wurde. Im März dieses Jahres hielt Appelbaum in Berlin vor Investigativjournalisten einen Vortrag, in dem er gegen den «Guardian» schoss, der für ihn die «beschissenste Zeitung» sei: Man habe ihn und Poitras nicht darüber informiert, dass der britische Geheimdienst angerückt war, um im Keller der Redaktion die Festplatten mit dem Snowden-­Material zu zerstören. Seinen Vortrag bezeichnete Appelbaum als «journalistischen Selbstmord». Nun hat Appelbaum seine Arbeit für Tor niedergelegt. Auch die Stiftung Freedom of the Press Foundation, die Snowden und Wikileaks unterstützt, hat sich von Jacob Appelbaum als Technischem Berater getrennt.

Erstellt: 10.06.2016, 20:46 Uhr

Artikel zum Thema

«Widersetzt euch diesem Überwachungsstaat!»

Mit einem Aufruf zum Widerstand gegen staatliche Kontrollmechanismen hat in Hamburg der grösste europäische Hacker-Kongress begonnen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home So geht Gastfreundschaft

Geldblog Vifor bleibt eine Wachstumsgeschichte

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...