Gemartert

Die berühmte Whistleblowerin Chelsea Manning beschreibt die Folter der Isolationshaft.

«Es ist eine Folter ohne Berührung» schreibt Chelsea Manning über ihre Erfahrungen. Foto: Keystone

«Es ist eine Folter ohne Berührung» schreibt Chelsea Manning über ihre Erfahrungen. Foto: Keystone

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Eine zwei auf zweieinhalb Meter grosse Zelle mit Pritsche, Spüle, Toilette und Einwegspiegel, hinter dem zwei Wächter sitzen. Tag und Nacht beobachten sie Chelsea Manning, damit sie die Regeln einhält: 17 Stunden am Tag musste sie wach sein, durfte sich nicht an die Wand lehnen, hinlegen oder trainieren, musste für die Wachen sichtbar sein, auch nachts. Neun Monate dauerte die Tortur, die Manning in einem aktuellen Beitrag für die Zeitung «The Guardian» beschreibt.

 Im Januar 2010 kopierte er Hunderttausende Geheimdokumente und übergab sie Wikileaks. Wenig später wurde er verraten und dann verhaftet.

Chelsea Manning hiess früher Bradley und war ein unverstandener und unglücklicher Junge aus Oklahoma. Er träumte davon, endlich beachtet zu werden. Sein Wunsch ging in Erfüllung. Aber als Albtraum. 2007 ging Manning zur US-Army und wurde im Oktober 2009 als Nachrichtenspezialist der zweiten Infanteriebrigade in den Irak versetzt. Er fühlte sich alleine, die Arbeit und der Einsatz erschienen ihm sinnlos und ungerecht, vor allem, weil er über geheime Dokumente auch sah, was nicht besonders gut lief. Und von der Armee vertuscht wurde. Im Januar 2010 kopierte er Hunderttausende Geheimdokumente und übergab sie Wikileaks. Wenig später wurde er verraten und dann verhaftet.

Erst 2013 wurde Manning, damals 26 Jahre alt, der Prozess gemacht; sie wurde zu 35 Jahren Haft verurteilt.

Erst 2013 wurde Manning, damals 26 Jahre alt, der Prozess gemacht; sie wurde zu 35 Jahren Haft verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt sass sie bereits im Gefängnis, 11 Monate davon in Isolationshaft. Die Erfahrung beschreibt sie in beklemmenden Worten. Um zu überleben, habe sie in ihrer Zelle getanzt, schreibt Manning, denn ihre Wärter vom Marinecorps hätten das nicht als Training klassifiziert, was verboten war. Sie zählte die gestanzten Löcher im Gitternetzmuster an der Tür ihrer Gefängniszelle. Sie folgte den Fugen zwischen den Ziegelsteinen in der Mauer. Sie beobachtete die Muster und Flecken auf dem Betonboden, von denen sie eines an einen Alienkopf erinnerte. Sie lauschte dem Summen der Neonlichter in der Halle. All das, um nicht verrückt zu werden. Familie und Freunde sah sie bei Besuchen nur durch eine Panzerglasscheibe, alle Gespräche wurden abgehört, sogar die mit ihrem Anwalt. Manning bekam alle Torturen zu spüren, die das amerikanische Justizsystem Whistleblowern vorbehält.

 Manning bekam alle Torturen zu spüren, die das amerikanische Justizsystem Whistleblowern vorbehält.

Zuerst sass sie im Militärgefängnis in Kuwait, dann wurde sie nach Quantico, Virginia, verlegt, als Gefangene der höchsten Sicherheitsstufe wiederum in Einzelhaft, später kam sie nach Fort Leavenworth. Dort eröffnete man ein Disziplinarverfahren gegen sie, weil sie eine Ausgabe der «Vanity Fair» in ihrer Zelle aufbewahrte sowie eine abgelaufene Tube Zahnpasta.

Mannings Behandlung wurde vielfach kritisiert. Amnesty International intervenierte, ebenso der spanische UNO-Beauftragte für Folter, der die exzessive und verlängerte Isolationshaft als «grausam, unmenschlich und entwürdigend» bezeichnete. «Es ist eine Folter ohne Berührung», schreibt Manning selbst. «Wir sollten sie nicht weiterführen.»

Erstellt: 05.05.2016, 23:27 Uhr

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