Genauso bedrohlich wie der Klimawandel

Einer der wichtigsten Verträge zur Kontrolle von Atomwaffen läuft aus, und niemand regt sich auf. Das darf nicht sein.

Ein B-52-Flugzeug der USA wirft einen Marschflugkörper ab. Kurz danach wird der Antrieb des Flugkörpers gestartet. Foto: Reuters

Ein B-52-Flugzeug der USA wirft einen Marschflugkörper ab. Kurz danach wird der Antrieb des Flugkörpers gestartet. Foto: Reuters

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Die Angst vor Atomtod, Nachrüstung und Aufrüstung, die in Europa noch in den Achtzigerjahren Hunderttausende auf die Strassen trieb, scheint weit-gehend verschwunden. Die Bilder der Massendemonstrationen finden sich in jedem Geschichtsbuch. Aber sie sind auch Geschichte.

Wie sonst liesse sich erklären, dass das formale Ende des INF-Vertrages – das war gestern Freitag – ohne jeden öffentlichen Protest blieb? Oder dass die offiziellen Trauerreden so auffallend kurz ausfielen? Bestenfalls Pflichtprogramm, wenn nach fast 32 Jahren ein Abkommen zu Ende geht, das zur Verschrottung von 2692 Kurz- und Mittelstreckenraketen führte. Und so sehr zum Ende des Kalten Krieges gehört wie der Fallder Berliner Mauer.

INF, das steht für «Intermediate Range Nuclear Forces», gemeint sind nukleare Mittelstreckensysteme, die vor allem in Europa stationiert waren. Der Vertrag wurde 1987 unterzeichnet, 1988 trat er in Kraft. Die matte Reaktion auf sein Ende fügt sich in ein beunruhigendes Bild, denn keine der inzwischen so vielen schlechten Nachrichten aus der Welt der nuklearen Unvernunft dringt noch wirklich durch: nicht die überall stattfindende Modernisierung der Arsenale, nicht die Entwicklung neuer Hyperschall-Waffen, nicht der wachsende Zorn jener Länder, die den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet haben. Und damals im Gegenzug ein Abrüstungsversprechen der Nuklearmächte erhielten.

Die Jüngeren werden von einer ganz anderen Sorge politisiert

Aber Russland und die USA tun gerade das Gegenteil. Und weil zur Supermachtambition bis heute untrennbar die Bombe gehört, rüstet jetzt auch China auf. Es sieht nicht gut aus, im nächsten Jahr feiert der Sperrvertrag seinen 50.Geburtstag. Nicht einmal die grössten Optimisten geben ihm weitere 50Jahre. In Hiroshima und Nagasaki, wo 1945 die ersten und bislang einzigen Atombomben fielen, wird bis heute einmal im Jahr an die Schrecken des Atomzeitalters erinnert. Die letzten Überlebenden dieser US-Angriffe würden sich wohl stattdessen in Berlin versammeln, hätte man Nazi-Deutschland nicht zuvor zur Kapitulation zwingen können.

Warnungen vor einem neuerlichen atomaren Wettrüsten kommen heute vor allen von den Älteren, jenen, die den Kalten Krieg erlebten und die Furcht verspürten. Die Vision einer atomwaffenfreien Welt müsse mehr sein als nur heisse Luft, sagt heute Wolfgang Ischinger, der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz. Kaum ein Elder Statesman von Rang, der nicht zu den Warnenden gehört. Die Gefahr sei real. Aber unter den Jüngeren scheint das Ende des INF-Vertrages nur wenige wirklich umzutreiben.

Die Erinnerung daran, was die Bombe ist, und welcher Anstrengungen es bedarf, in Zeiten ihrer Existenz das Überleben zu sichern, scheint nach einer langen Friedensperiode in Vergessenheit geraten zu sein. Es fehlt eine machtvolle junge Generation, die sich für Abrüstung einsetzt, angeführt von einer charismatischen Persönlichkeit wie der jungen Schwedin Greta Thunberg. Ja, es gibt die Macher der ICAN-Initiative, einer Kampagne zur weltweiten Abschaffung der Atomwaffen, Träger des Friedensnobelpreises 2017. Aber wer kennt sie?

Die Jüngeren politisiert und mobilisiert heute eine ganz andere Sorge als ihre Eltern: Es ist der Klimawandel. Er treibt sie aus den Schulen und auf die Strasse. Nicht nur freitags. Diese existenzielle Gefährdung unserer Welt bekommt in diesen Tagen die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Endlich.

So geht es Jahr für Jahr

Das Ende des INF-Vertrages aber bringt niemanden auf die Strasse. Warum das so ist? Der ehemalige US-Verteidigungsminister William Perry sagte, heute bekämen die Regierungen von ihren Bürgern nicht mehr genügend Druck, sich für atomare Abrüstung einzusetzen, weil Menschen nicht realisierten, wie gross die Gefahr tatsächlich sei.

Was spricht dagegen, auf der nächsten Freitagsdemonstration ein Schild hochzuhalten, das nukleare Abrüstung fordert? Ja, inzwischen gibt es dies hier und dort. Aber selten. Dabei könnten Greta Thunberg und viele andere damit auch so etwas wie eine Dankesschuld abtragen: Schon 2007 entschieden sich die Betreiber der Weltuntergangsuhr, nicht mehr nur auf das atomare Risiko hinzuweisen, sondern auch auf die Gefahren durch den Klimawandel. Es war der brillante Wissenschaftler Stephen Hawking, der damals erklärte, man habe eine Pflicht, die Menschen vor diesen «unnötigen Risiken, mit denen wir jeden Tag leben», zu warnen.

So geht es seither Jahr für Jahr, wenn die Uhr nach intensiven Debatten von Wissenschaftlern, darunter 15 Nobelpreisträger, neu gestellt wird. Inzwischen sind es nur noch zwei Minuten bis zwölf. Es ist die Erinnerung daran, dass der grösste Feind der Menschheit immer noch der Mensch selbst sein kann.

Erstellt: 02.08.2019, 21:03 Uhr

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