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«Grande Ivica» und seine musikalische Diplomatie

Serbiens Aussenminister Ivica Dacic versucht sich als Sänger auf dem diplomatischen Parkett – und wird mit Hohn und Spott überschüttet.

Spricht keine Fremdsprachen: Ivica Dacic während eines Besuchs in den Palästinensergebieten. Foto: Mussa Qawasma (Reuters)
Spricht keine Fremdsprachen: Ivica Dacic während eines Besuchs in den Palästinensergebieten. Foto: Mussa Qawasma (Reuters)

Das Belgrader «Haus der Garde», eine Art Offizierskasino, ist ein architektonisches Juwel mit Geschichte. Hier liessen die jugoslawischen Kommunisten prominente Gegner nach dem Zweiten Weltkrieg verurteilen, gaben rauschende Empfänge und versöhnten sich 1955 mit dem sowjetischen KP-Generalsekretär Nikita Chruschtschow, sieben Jahre nachdem Stalin den abtrünnigen jugoslawischen Genossen Josip Broz Tito mit einem Bannfluch belegt hatte. Heute dient das «Haus der Garde» für Staatsbankette. Und als Bühne für Serbiens Aussenminister Ivica Dacic.

Der Mann spricht keine einzige Fremdsprache, was sich im diplomatischen Alltag als mühsam erweist, doch diesen Nachteil versucht er mit seinem musikalischen Talent zu kompensieren. Dacic singt mittlerweile vor fast jedem Staatsgast. Kürzlich griff er während eines Dinners wieder zum Mikrofon und trug zu Ehren von Recep Tayyip Erdogan das altosmanische Lied «Osman Aga» vor. Der türkische Präsident und seine Ehefrau waren angetan, der Belgrader Mufti eilte mit einem 100-Dollar-Schein herbei.

Ein Ständchen für Erdogan. Quelle: Youtube

Die liberale Presse in Serbien bezeichnet die Gesangseinlagen des nonchalanten Aussenministers als peinlich, eine Schande für das Land und überhaupt nicht lustig. Dacic sei ein Hampelmann und Hofnarr, schrieb die Zeitschrift «Vreme». Seine Auftritte würden Serbien nichts bringen – ausser ein paar Lacher. Der Chefdiplomat vernachlässige sein Kerngeschäft und vergeude die Zeit, indem er versuche, Lieder wie «O sole mio», «Wenn die Flieder duften» oder «Die Puppe von der Titelseite» zu üben.

Dacic, ein gewiefter Politiker mit Hang zum Populismus, sieht das natürlich ganz anders. Diplomatische Erfolge erziele man auch mit Liedern, Charme und feinem Humor, sagt der 51-Jährige. Also singt der etwas rundliche, klein gewachsene Aussenminister auch bei Auslandsbesuchen. Nach einem Auftritt im Élysée-Palast soll der damalige Präsident François Hollande so begeistert gewesen sein, dass er Dacic – laut Dacic – mit folgenden Worten lobte: «Sie sind der beste Minister der Welt.»

«O sole mio» in der Dacic’schen Interpretation. Quelle: Youtube

Auch Angela Merkel und Gerhard Schröder kamen in den Genuss eines Solokonzerts von Dacic. Sein italienischer Amtskollege begrüsse ihn immer mit «Grande Ivica». In Brüssel hat er selbstverständlich auch gesungen, schliesslich will Serbien bald Mitglied der EU werden, obwohl der Aussenminister und ehemalige Sprecher des Gewaltherrschers Slobodan Milosevic vermutlich nichts dagegen hätte, nur die Allianz mit Russland zu vertiefen. Der geniale Belgrader Karikaturist Corax zeichnet Dacic als Matroschka in Wladimir Putins Händen.

Dacics Gesinge mag den einen oder anderen Diplomaten erheitern, doch Serbien bringt das kaum voran. Amerikanische Diplomaten haben in den letzten Tagen die Führung in Belgrad deutlich gewarnt, ihr Land könne nicht auf zwei Stühlen sitzen. Das heisst: Wer in die EU will, der darf nicht zwischen Brüssel und Moskau jonglieren. Nato-Staaten sind beunruhigt, Russland könnte Serbien als Spionage-Brückenkopf missbrauchen. Im südserbischen Nis, nahe der Grenze zu Kosovo, wo immer noch etwa 4000 Nato-Soldaten stationiert sind, unterhält Moskau seit Jahren ein sogenanntes humanitäres Zentrum. Putins Emissäre verlangen, dass Belgrad den Mitarbeitern diplomatische Immunität gewährt. Die EU und die USA sind dagegen.

Kriegsverbrecher sollen Offiziere ausbilden

Für zusätzliche Verstimmung sorgt ein Lehrauftrag des serbischen Verteidigungsministeriums für mehrere verurteilte Kriegsverbrecher: Sie haben ihre Haftstrafen abgesessen und sollen die künftigen Offiziere ausbilden. Dacic, der singende Oberdiplomat, hat damit kein Problem. Gereizt reagiert er auf Presseberichte, die seinem Ministerium vorwerfen, auffallend oft junge und hübsche Frauen ohne nennenswerte berufliche Qualifikation anzustellen. In den Belgrader Zeitungen kursiert das böse Wort von «Staatsstarlets».

Für noch mehr Empörung sorgt in genderbewussten Kreisen in Serbien das Hohelied vom Staatschef Aleksandar Vucic auf die serbische Frau: Bei einem Besuch in Peking im Mai erklärte er, dass Serbien neben vielen Naturschönheiten auch charmante, kluge, sehr starke, immer gut gekleidete Frauen habe. Ihr Wunsch sei es, immer auch den Staat zu präsentieren. «Ich rufe die Chinesen dazu auf, zu uns zu kommen und sich selbst zu überzeugen», so Vucic. Fast in diesem Sinne äusserte sich auch Aussenminister Dacic. «Wir haben keine Atombombe, aber viel Charme. Der zieht die Menschen aus aller Welt an», sagte er bei einem Cevapcici-Festival in Südserbien.

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