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Grillos Salto ins Ungewisse

Italiens eurokritische Cinque Stelle wollten sich in Strassburg mit den liberalen Europaenthusiasten alliieren. Dann lief etwas schief.

Politakrobat: Beppe Grillo, Gründer und Guru der italienischen Protestbewegung Cinque Stelle.Foto: LightRock, Getty Images
Politakrobat: Beppe Grillo, Gründer und Guru der italienischen Protestbewegung Cinque Stelle.Foto: LightRock, Getty Images

Das Lehrbuch der politischen Akrobatik kennt eine neue, spektakuläre Figur. Wollte man sie nach ihrem Erfinder benennen, läge «Grillensprung» nahe: Es ist ein Salto mit Mehrfachdrehung. Nur mit der Landung ist das so eine Sache. Beppe Grillo, der Gründer und Guru der italienischen Protestbewegung Cinque Stelle, wollte seine 17 Europaparlamentarier in eine unnatürliche, nahezu widernatürliche Allianz schicken und scheiterte krachend.

Bisher haben die Fünf Sterne in Strassburg der europakritischen Fraktion «Europa der Freiheit und der direkten Demokratie» um den Briten Nigel Farage angehört, den Förderer des Brexit. Das passte insofern recht gut, als es die Cinque Stelle ihrerseits gerne sähen, wenn Italien aus der Währungsunion austräte. Nun aber sollten sie neu mit der «Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa» koalieren, die auf den Belgier Guy Verhofstadt hört – einen Europa- und Euroenthusiasten sondergleichen, der eng vernetzt ist mit dem Establishment. Man hatte sich still und heimlich geeinigt, obschon Beppe Grillo Verhofstadt vor nicht allzu langer Zeit mal «eine Art Al Capone» genannt hatte. Eine Zweckehe sollte es werden, bis sich Verhofstadt am Montagabend doch noch zurückzog.

Der frühere Komiker aus Genua führt ständig ideologische Volten auf, und keine schadete seiner Partei bisher.

Grillo meinte hernach, das ganze System habe gezittert, er sei vom Establishment gestoppt worden. Tatsächlich? Oder gehen gewisse Kehrtwenden einfach zu weit? Bei Grillo ist fast nichts fix. Der frühere Komiker aus Genua führt ständig ideologische Volten auf, und keine schadete seiner Partei bisher. Eher im Gegenteil: Das facettenreiche bis offen widersprüchliche Profil der Bewegung war immer ein Trumpf. Grillo spricht linke und rechte Wähler an, die von ihren etablierten Parteien enttäuscht sind. Er surft zwischen den Positionen, je nach Wind und Laune.

Seit den Weihnachtsferien an den Stränden von Malindi, in Kenia, liess er sich in schneller Folge bereits zu meh­reren Dossiers vernehmen, mahnte unter anderem einen härteren Umgang mit illegalen Einwanderern an und schalt die konventionellen Medien der Verbreitung von «Fake-News». Grillo auf allen Kanälen, während die Konkurrenz noch Ferien machte. Es ist, als versuchte er gerade, die Partei neu zu justieren, als wähnte er sie an einem Scheideweg. Fänden morgen Neuwahlen statt in Italien, würden laut jüngsten Umfragen rund 30 Prozent der Italiener Cinque Stelle wählen.

Der Verbund mit Guy Verhofstadt sollte ihre internationale Glaubwürdigkeit fördern. Im Ausland hat die Partei keinen guten Ruf. Man macht sie dort gemein mit populistischen Formationen, mit denen die Cinque Stelle nichts zu tun haben wollen. Nun wäre man bereit, sich unter die Elite zu mischen, um das Image zu korrigieren.

Wachsende Selbstherrlichkeit

Für manche «Grillini» ist ein Seitenwechsel aber ein Verrat an der Uridee der Bewegung. Man kann ihre empörten Kommentare in Grillos Blog lesen. So viele gab es noch nie. Es wird moniert, dass hier mal schnell ohne interne Debatte ein wichtiger Kurswechsel vorgenommen werden sollte. Es gab zwar am Sonntag und Montag eine eilig anberaumte Onlineumfrage auf der partei­internen Plattform «Rousseau», an der 40'000 Parteimitglieder teilnahmen. Und 78,5 Prozent von ihnen billigten den Fraktionswechsel.

Dennoch gilt der Salto als Präzedenzfall, als Illustration für die wachsende Selbstherrlichkeit des Chefs – und letztlich auch für dessen politischen Dilettantismus. Man hört, Beppe Grillo habe den Flug nach Brüssel zur Eheschliessung mit Verhofstadt bereits gebucht gehabt, bevor die Umfrage zu Ende war. Er beteuerte, er wolle mitgestalten können. Mit Farage sei das nicht mehr möglich gewesen, der habe nach dem Brexit alle Dynamik verloren. Und die Grünen hätten nicht mit den Cinque Stelle verhandeln mögen.

Doch was ist nun mit dem Euro? Wie hält man es insgesamt mit Brüssel und mit den viel beschworenen dunklen Mächten im Hintergrund, den «poteri forti»? Passt das alles noch? Einen unmittelbaren Nebeneffekt produziert die Konfusion, und der ist gar nicht so sekundär: Die Medien reden plötzlich etwas weniger über Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi. Sie sollte beweisen, dass die Cinque Stelle regieren können. Bislang bewies Raggi vor allem, dass sie es nicht können. Und zwingt Beppe Grillo damit zu allerlei halsbrecherischer Akrobatik.

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