Heuchelei am Golf

Die Eskalation zwischen dem Iran und Saudiarabien wird auch die Friedensverhandlungen für Syrien erschweren - wenn nicht gar verhindern.

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Saudiarabien steht am Pranger. Zu Recht, denn mit den 47 Hinrichtungen zum Jahresbeginn ist das ­islamische Königreich genauso brutal wie die Terrororganisation Islamischer Staat. Wobei die heftigste Kritik aus dem Iran kommt, der sich nun als Verfechter der Menschenrechte aufplustert. Mehr Heuchelei geht kaum, sind doch im schiitischen Gottesstaat ­allein in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres 700 Menschen hingerichtet worden. Oft werden die Opfer der Staatsgewalt noch zur Schau gestellt. Wie in Saudiarabien, wo 2015 gemäss Amnesty International 157 Menschen exekutiert wurden. Aber auch Riad ­versucht, sich schadlos zu halten: Der Vorsitzende ­einer Beratergruppe des UNO-Menschenrechtsrats in Genf ist seit September ein Saudi.

Saudiarabien wie der Iran sind islamische Diktaturen, die mehr gemeinsam haben als die Heuchelei: Beide beanspruchen die Vorherrschaft in der Region, und beide instrumentalisieren den ewigen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten, um ihren Machtanspruch durchzusetzen. In Syrien und im Jemen führen sie Stellvertreterkriege, im Libanon und in Bahrain schüren sie die konfessionellen Spannungen.

Es war nun allerdings das sunnitische Regime in Riad, das mit der Hinrichtung eines schiitischen ­Geistlichen den Kalten Krieg am Golf eskalieren liess. Dabei war es Ende Oktober endlich gelungen, den saudischen und den iranischen Aussenminister an einen Tisch zu bringen, um über den Krieg in Syrien zu ­reden. Nun aber kann man die für Ende Januar ­geplanten Friedensgespräche in Genf wohl absagen.

Als Folge davon werden noch mehr Syrerinnen und Syrer nach Europa aufbrechen. Wenn die Europäer die Flüchtlingskrise entschärfen wollen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihren traditionellen Handelspartner und Alliierten Saudiarabien mit Sanktionen zu belegen, um Riad zur Vernunft zu bringen. Daran müsste auch den USA gelegen sein. Der Preis dafür wären Milliardeneinbussen, vor allem für die Rüstungsindustrie, aber nicht nur. Ob der Westen ­mitsamt der Schweiz dazu bereit ist, bleibt fraglich. Auch das gehört zur Heuchelei am Golf.

Erstellt: 05.01.2016, 00:11 Uhr

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