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«Ich kann gar nicht Auto fahren»

Der Pakistaner Navid B. wurde fälschlicherweise des Anschlags in Berlin verdächtigt. Jetzt fürchte er um sein Leben, sagt der 24-jährige Flüchtling.

Später richtete sich der Verdacht dann gegen den Tunesier Anis Amri, von dem mittlerweile ein IS-Video aufgetaucht ist: Italienische Forensiker untersuchen den Ort in Mailand, wo Amri erschossen wurde.
Später richtete sich der Verdacht dann gegen den Tunesier Anis Amri, von dem mittlerweile ein IS-Video aufgetaucht ist: Italienische Forensiker untersuchen den Ort in Mailand, wo Amri erschossen wurde.
Daniele Bennati, Keystone
Amri war in der Nacht von einer Polizeistreife angehalten worden und hatte sich eine Schiesserei mit den Beamten geliefert.
Amri war in der Nacht von einer Polizeistreife angehalten worden und hatte sich eine Schiesserei mit den Beamten geliefert.
Daniele Bennati, Keystone
Polizisten vor dem Truck mit polnischem Kennzeichen.
Polizisten vor dem Truck mit polnischem Kennzeichen.
Sean Gallup/Getty Images
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Der nach dem Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlag irrtümlich festgenommene Pakistaner Navid B. hat sich in einem Interview mit dem britischen «Guardian» zu Wort gemeldet. Darin äussert sich der fälschlich Verdächtigte über seine Festnahme und seine aktuelle Lebenssituation.

Nach der Festnahme seien ihm die Augen verbunden worden und die Beamten hätten ihn zu einer anderen Polizeistation gebracht. Er sei ausgezogen worden – wie weit, wird im Artikel nicht erwähnt – und die Polizisten hätten Fotos gemacht. «Als ich mich wehrte, fingen sie an, mich zu schlagen», sagt B. zur Zeitung.

«Ich kann ein Fahrzeug nicht einmal starten»

Der 24-Jährige wurde noch am Abend des Anschlags festgenommen. Er sei gerade in einem Park, dem Tiergarten, gewesen «und wollte meine U-Bahn erwischen, um nach Hause zu fahren», hatte der Asylbewerber bereits früher in einem Interview mit der «Welt am Sonntag» gesagt.

Jetzt im «Guardian» erklärt der Asylbewerber, er und der Übersetzer der Polizei hätten nur umständlich in Urdu kommunizieren können. Er sei gefragt worden, ob er wisse, was passiert sei. Der Übersetzer habe ihm gesagt, jemand habe ein Fahrzeug in eine Menschenmenge gefahren und viele Menschen getötet. «Und du warst am Steuer, nicht wahr?», soll ihn der Übersetzer gefragt haben.

«Ich habe ihnen erklärt, dass ich gar nicht Auto fahren kann. Ich kann ein Fahrzeug nicht einmal starten.» Im Übrigen habe er genug von Tod und Krieg, deswegen sei er ja geflüchtet. Deutschland gebe ihm Nahrung, Medizin und Sicherheit. «Ihr seid wie meine Mutter.» Ob die Beamten seine Antworten verstanden hätten, könne er aber nicht sagen.

«Das bringt meine Familie in Gefahr»

B. war in Pakistan als Teil der säkularen Separatistenbewegung Belutschistans aktiv, die teils brutal verfolgt wird. Mit seinem Engagement machte er sich viele Feinde, erhielt Todesdrohungen und verliess deshalb schliesslich sein Heimatland. «Die meisten Leute, mit denen ich arbeitete, wurden entweder verhaftet oder getötet.» Diese Aussage ist schwer überprüfbar, deckt sich aber mit Berichten von «Amnesty International» und «Human Rights Watch» über die Unterdrückung der Belutschen. Auch die Terrormiliz «IS» hat sich zu Massakern in der Region bekannt.

Jetzt sorgt sich B. um die Sicherheit seiner Familie. «Alle wissen, dass ich nach Deutschland geflohen bin und hier Asyl beantragt habe. Das bringt meine Familie in Gefahr, und ich kann nichts tun, um sie zu schützen», erklärt er. Mitglieder seiner Familie in Pakistan seien von Sicherheitskräften kontaktiert worden und hätten Drohanrufe erhalten, nachdem sein Foto zirkuliert sei.

«Es ist wohl sicherer, wenn ich mich dazu äussere»

Der 24-Jährige habe in Pakistan als Hirte gearbeitet und sich seine Flucht mit dem Verkauf seiner Schafe und seines Lands finanziert. Er ist gläubiger Muslim und betet fünfmal am Tag.

«Meine Familie und ich waren uns einig, dass es wohl sicherer sei, wenn ich mich dazu äussere», sagt B. zur Zeitung. Auch er sei untergetaucht und fürchte um sein Leben. Mit dem Interview hofft er Aufmerksamkeit und damit auch Sicherheit für sich und seine Angehörigen zu schaffen. Sein Asylverfahren in Deutschland läuft weiterhin.

Update: Nach Angaben der Berliner Polizei sei B. vom Journalisten des «Guardian» falsch wiedergegeben worden. B. sei nie geschlagen worden und habe dies auch nicht so gesagt. Dies berichtet die «Frankfurter Allgemeine Zeitung».

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