«Im Morgengrauen betraten die Wächter meine Zelle»

Die Dübendorferin Steyci Escalona sitzt in Venezuela in Haft. Sie hofft auf einen baldigen Umsturz. Im Interview schildert sie ihren Gefängnisalltag.

Steyci Escalona mit Anwälten des Anwaltskollektivs Foro Penal Venezolano nach ihrer Verhaftung. Foto: Foro Penal Venezolano

Steyci Escalona mit Anwälten des Anwaltskollektivs Foro Penal Venezolano nach ihrer Verhaftung. Foto: Foro Penal Venezolano

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf der Website des venezolanischen Anwaltskollektivs «Foro Penal Venezolano» zeigte bis vor kurzem ein digitaler Zeitzähler, wie lange Steyci Escalona schon im Gefängnis sitzt. Heute müsste er 262 Tage anzeigen. Die in Dübendorf wohnhafte, mit einem Schweizer verheiratete 32-Jährige war im Dezember 2016 nach Venezuela gereist, um Weihnachten und Neujahr bei ihrer Familie zu verbringen. Am 11. Januar wurden sie und der oppositionelle Abgeordnete Gilber Caro an einer Strassensperre in der Nähe der Stadt Valencia verhaftet.

Die Polizei behauptet, sie habe im Auto der beiden ein Gewehr und Sprengstoff gefunden. Laut Escalona und Caro haben die Uniformierten das belastende Material ins Fahrzeug gelegt. Vor ihrer Festnahme waren sie gemeinsam mit Freunden zehn Stunden quer durchs Land gefahren und dabei an mehreren Strassensperren kontrolliert worden, ohne dass die Polizei etwas Verdächtiges gefunden hätte.

Die Organisation Amnesty International schreibt in ihrem jüngsten Bericht: «In Venezuela wird das Prinzip der Unschuldsvermutung missachtet. Es herrscht ein Mangel an Unbefangenheit seitens der Richter und Staatsanwälte, was zu unfairen Verfahren gegenüber verhafteten Personen führt.» Unmittelbar nach Escalonas Festnahme beklagte die Organisation, in Venezuela finde eine «Hexenjagd» gegen Oppositionelle statt.

Der Optimismus ist verflogen

Als der «Tages-Anzeiger» im Januar erstmals über den Fall berichtete, war Escalonas Anwältin Theresly Malave noch optimistisch. Laut Malave haben die Ermittler keine Aussagen darüber machen können, wo Escalona und Caro das Kriegsmaterial gestohlen haben und wer es hätte bewachen müssen. Augenzeugen für die angebliche Tat gebe es keine, genauso wenig wie Fingerabdrücke auf Maschinengewehr oder Sprengstoff.

Doch die Sitzung, an der eine Militärrichterin entscheiden muss, ob sie die Anklage gegen Escalona zulässt, ist mehrmals geplant und wieder verschoben worden, letztmals Ende August. Am 4. Oktober ist erneut eine Anhörung angesetzt. Malave sagt in einem Telefongespräch mit dem «Tages-Anzeiger», nicht die Justiz entscheide über Escalonas Schicksal, sondern die Regierung. Dasselbe gelte für die mehr als 400 anderen politisch Gefangenen, die laut internationalen Menschenrechtsorganisationen in Venezuelas Gefängnissen sitzen.

Einem der Anwälte gelingt es, eine Botschaft der Gefangenen aufzunehmen. Die in der Schweiz wohnhafte Venezolanerin sagt darin, dass ihr die Solidarität von venezolanischen und ausländischen Unterstützern Kraft gebe. Quelle: Foro Penal Venezolano

Kurz nach der Verhaftung habe es Kontakte zu höchsten politischen Kreisen gegeben, um Steyci Escalonas Freilassung zu erreichen, sagt Malave. «Es hat nicht geklappt, und jetzt sind diese Kontakte abgebrochen. Im Moment bewegt sich gar nichts.» Malaves Optimismus ist der Befürchtung gewichen, man werde ihre Mandantin anklagen. Dann könne es allein eineinhalb Jahre bis zum Prozessbeginn dauern. «Ich vermeide es, mit Steyci darüber zu sprechen. Wir diskutieren immer nur über den nächsten juristischen Schritt. Aber wir wissen beide, was ihr droht.»

Silvio Fernández, der Erste Sekretär der venezolanischen Botschaft in Bern, erklärt auf Anfrage: «Venezuela ist ein Rechtsstaat mit einwandfreien Gerichtsverfahren. Die sogenannten politischen Gefangenen haben teilweise schwere Verbrechen begangen. Es gibt keine politischen Gefangenen in Venezuela, sondern nur gefangene Politiker.»

Mehr als 120 Todesopfer

Seit Escalona in der Ortschaft Naguanagua in einem Gefängnis des Geheimdienstes Servicio Bolivariano de Inteligencia nacional (Sebin) sitzt, ist viel geschehen: Die Wirtschaftskrise im Land mit den grössten Erdölreserven der Welt hat sich verschlimmert, die hungernden Menschenschlangen vor den halbleeren Einkaufszentren sind noch länger geworden. Die Zahl der Todesopfer bei den Demonstrationen ist auf über 120 gestiegen. Präsident Nicolás Maduro hat das Parlament entmachtet und eine illegitime Verfassunggebende Versammlung an dessen Stelle gesetzt, womit Venezuela endgültig zur Diktatur geworden ist.

Die Venezolanerin Steyci Escalona ist in Dübendorf wohnhaft. ­

Eine Hoffnung für Steyci Escalona ist der Sturz dieser Diktatur. Allerdings haben die Massendemonstrationen, die das Regime des Präsidenten Nicolás Maduro vor einigen Monaten ins Wanken brachten, nahezu aufgehört. Eine andere Hoffnung für die in Dübendorf wohnhafte Venezolanerin besteht darin, dass sich Opposition und Regierung auf Verhandlungen einigen und die Opposition fordert, zuvor müsse die Regierung die politischen Gefangenen freilassen. Oder zumindest einen Teil davon. Gegenwärtig versuchen der Präsident der Dominikanischen Republik, Danilo Medina, sowie UNO-Generalsekretär António Guterres, die beiden Konfliktparteien zu Gesprächen zu bewegen. Bisher mit geringem Erfolg.

Über eine Vertrauensperson hat Tagesanzeiger.ch/Newsnet Escalona einige Fragen ins Gefängnis übermittelt, die sie schriftlich beantwortet hat.

Wie ist Ihr Alltag im Gefängnis?
Die Tage vergehen langsam. Ich stehe gegen neun Uhr auf und mache einige Gymnastikübungen. Ich frühstücke, lese etwas, male Mandalas. Ich würde gerne Gitarre spielen lernen, um hier drin etwas Musik zu hören. Ich bin mit einer Frau in der Zelle, die schon seit zwei Jahren in Haft sitzt. Wir lesen dasselbe und diskutieren darüber. Aber in einem derart kleinen Raum harmonisch zusammenzuleben, ist schwierig. Wir dürfen die Zelle einmal pro Woche für eine Stunde verlassen, sonst sind wir immer den ganzen Tag eingesperrt.

Wie werden Sie von den Wächtern behandelt?
Die ersten zwei Monate waren sehr hart, die Wächter übten grossen psychischen Druck aus. Manchmal betraten sie im Morgengrauen die Zelle, durchwühlten meine Sachen, nahmen Briefe mit, die mir meine Familie geschickt hatte. Und mehrmals stahlen sie mein Tagebuch. Jetzt ist die Behandlung etwas besser, aber sie ist noch immer streng. Ich darf nicht mit anderen Häftlingen sprechen, und wenn ich Besuch bekomme, ist immer ein Wächter dabei. Zu Beginn der Haft hatte ich auch gesundheitliche Probleme.

Welche?
Beschwerden im Unterleib. Flecken im Gesicht und auf dem Rücken, wegen eines Pilzes, der in der feuchten Zelle wächst. Eine Richterin ordnete an, mich in eine Klinik zu verlegen, aber das hat der Geheimdienst verweigert. Meine Familie musste einen Arzt schicken, der mich in der Zelle behandelte. Das war schwierig, weil viele Ärzte Angst davor haben, politische Gefangene zu betreuen. Aber jetzt geht es mir gesundheitlich wieder gut.

Bereuen Sie es, mit dem oppositionellen Abgeordneten Gilber Caro durch Venezuela gereist zu sein?
Überhaupt nicht, ich würde es wieder tun. Auf dieser Reise waren auch andere Freunde, mein Bruder und seine Frau dabei. In Venezuela fehlt es an Lebensmitteln und Medikamenten, deshalb sind wir über die Grenze nach Kolumbien gefahren, um einzukaufen. Auf dem Weg haben wir viel Armut gesehen, ein einziges Desaster. Ich wollte vor meiner Rückkehr in die Schweiz Lebensmittel und Medikamente kaufen, das ist kein Verbrechen.

Vermissen Sie die Schweiz?
Ja, sehr. Ich liebe dieses Land, das mich mit offenen Armen aufgenommen hat und von dem ich einiges für Venezuela kopieren möchte. Ich danke allen Freunden, die mich aus der Schweiz unterstützen, die mir Schokolade und Briefe schicken.

Glauben Sie, dass es in Venezuela in nächster Zeit zu einem Machtwechsel kommt?
Absolut. Wir werden bald sagen können, dass sich der Aufwand gelohnt hat, gegen diese Regierung zu rebellieren.

Falls die Regierung doch an der Macht bleibt, droht Ihnen eine lange Gefängnisstrafe.
Ich muss stark bleiben, es bleibt mir nichts anderes übrig. Ich habe mehrere Freunde, die dasselbe schon durchgemacht haben. Sie sind meine Vorbilder. Man muss dieser Diktatur direkt in die Augen schauen. Wir befinden uns auf der Zielgeraden. Das ist der Moment, in dem es am meisten Entschlossenheit braucht. Wir schreiben gerade Geschichte, aber wir müssen noch ein wenig mehr riskieren.

Erstellt: 29.09.2017, 19:18 Uhr

Artikel zum Thema

Es passierte an einer Strassensperre

Steyci Escalona besucht über Weihnachten ihre Familie in Venezuela. Ihr Ehemann bleibt daheim in Dübendorf. Nun sitzt die junge Frau in einem Gefängnis, ihr drohen 28 Jahre Haft. Mehr...

«Nicolás Maduro hat in Venezuela keine Diktatur errichtet»

Interview Der Genfer Soziologe Jean Ziegler ist überzeugt davon, dass die USA schuld sind an der Krise im südamerikanischen Land. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Freie Wahl: Tausende Pro-Choice-Aktivistinnen demonstrieren vor dem Kongress in Buenos Aires und fordern eine Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. (19. Februar 2020)
(Bild: Natacha Pisarenko) Mehr...