Kommt noch was, Herr Schulz?

Der SPD-Kanzlerkandidat steckt nach drei verlorenen Regionalwahlen in einer misslichen Lage.

Kanzlerkandidat Martin Schulz hatte bei den deutschen Sozialdemokraten Hoffnungen geweckt. Bei der richtungsweisenden Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen stürzte seine Partei gemäss den ersten Hochrechnungen aber ab.

Kanzlerkandidat Martin Schulz hatte bei den deutschen Sozialdemokraten Hoffnungen geweckt. Bei der richtungsweisenden Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen stürzte seine Partei gemäss den ersten Hochrechnungen aber ab. Bild: Fabrizio Bensch/Reuters

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Seit gut 100 Tagen ist Martin Schulz Kanzlerkandidat der deutschen Sozialdemokraten – und schon scheint seine beste Zeit vorbei. In den ersten zwei Monaten hatte er eine Begeisterung für seine Partei geweckt, wie sie die Demoskopen noch nie gemessen hatten. Drei verlorene Regionalwahlen später ist der von seinen Fans herbeifantasierte «Gottkanzler» bereits wieder auf sozialdemokratisches Normalmass geschrumpft. Die Euphorie hat sich als Selbsthypnose entpuppt. Sie brachte zwar Stimmung, aber keine Stimmen. Der erste Zauber seines Auftritts ist unwiederbringlich verflogen.

Dabei sagt Schulz heute nichts anderes als damals. Das ist Teil des Problems. Zu Beginn war der Ton für viele neu, nun ermüden seine immer gleichen Geschichten längst. Der alte Schlager der «sozialen Gerechtigkeit» verführte über die eigene Klientel hinaus nie wirklich – was gerecht ist, darüber kann man trefflich streiten. Programmatisch trat die alte sozialdemokratische Ratlosigkeit nur umso schärfer zu Tage. Schwenkte Schulz, wie am Anfang, rhetorisch nach links, mobilisierte er vor allem seine bürgerliche Konkurrenz. Sprach er zur Mitte, wie zuletzt, klang er wie die Grosse Koalition, die er angeblich unbedingt vermeiden möchte.

Bilder – CDU gewinnt Wahl in Nordrhein-Westfalen

Der Kandidat hat seit seinem kometenhaften Erscheinen zudem sichtlich Mühe, im Wahlkampf überhaupt vorzukommen. Während er in Wanne-Eickel und Eckernförde die Parteiseele streichelt, regiert Kanzlerin Angela Merkel mit Macron, Putin oder Trump die Welt, TV-Bilder inklusive. Statt des Schulz-Hypes messen die Demoskopen längst wieder einen Merkel-Effekt. Fast ein Drittel der CDU-Anhänger wählt die Partei nur, weil die Weltstaatsfrau an ihrer Spitze steht.

Kommt bei Schulz noch was? Bedeutungsschwer und inhaltsarm zu reden wie bisher, wird nicht mehr genügen. Sobald sein Programm konkreter wird, wird es freilich auch angreifbarer sein. Derweil regiert die Kanzlerin einfach weiter – auch sie ohne greifbare Vision, aber ansonsten höchst konkret. 130 Tage vor der Bundestagswahl braucht Schulz nun einen sehr grossen zweiten Atem oder sehr viel Glück, soll die Wahl noch einmal spannend werden.

Video - Schulz ist nach der Wahlniederlage frustriert:

Der SPD-Kanzlerkandidat sprach in Berlin zu seinen Anhängern. (Quelle: Reuters) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2017, 18:41 Uhr

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