Die verstörende Gewaltbereitschaft in der US-Gesellschaft

Massenerschiessungen durch weisse, christliche Männer standen unter dem psychologischen Schutz des Eigenen. Bis jetzt.

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Gewalt ist politisch. Nicht die Gewalt als solche, diese ist in den meisten Fällen nur stumpf. Politisch sind die Reaktionen darauf. Wer kennt sie nicht, die Gefühle, die aufsteigen, wenn die nächste tödliche Gewalttat über die Newskanäle tickert: Wer war Täter? Was war das Motiv? Es sind die Antworten auf diese Fragen, die ganz wesentlich die Reaktion bestimmen. Selten liess sich dies so gut beobachten wie in den vergangenen Tagen.

Erst aktivierte der grausame Tod eines Kindes durch einen eritreischen Täter am Frankfurter Bahnhof die politische Rechte. Nur einen Nachrichtenzyklus später hat der blindwütige Anschlag eines weissen Amerikaners mit 20 Toten in El Paso die politische Gegenseite auf den Plan gebracht. Was zunächst wie ein politisches Spiegelbild wirkt, ist es höchstens zur Hälfte.

Während nämlich auf die rechte Empörung nach Frankfurt unvermittelt eine linke Gegenempörung folgte, lässt die Rechte die linke Empörung nach El Paso einfach ins Leere laufen. Zumindest bis heute hat dies fast immer verfangen, denn die menschliche Psyche nimmt Gewalt durch Fremde instinktiv anders wahr als Gewalt aus dem eigenen Kreis.

An einem Ende der Skala findet sich die häusliche Gewalt, die vor nicht allzu langer Zeit noch nicht einmal als Offizialdelikt galt. Am anderen Ende liegt die Gewalt durch Fremde, die latent stets für eine Bedrohung der eigenen Werte und Lebensweise steht. Hat ein Täter eine andere Religion oder gehört er einer anderen Ethnie an, erscheint das Anderssein als naheliegende Ursache für die Tat. Stammt der Täter aus dem eigenen Kulturkreis, entfällt dieser Erklärungsansatz, schon aus Selbstschutz.

Die menschliche Psyche ist nach einfachen Mustern gestrickt. Es sind Muster, die sich auch mit viel Pädagogik und Aufklärung nie auflösen lassen. 

Dies alles steckt tief in unserer Psyche und besitzt noch nicht einmal eine politische Farbe. Islamistischer Terror lässt niemanden kalt. Demgegenüber ist es kaum möglich, aus den irregeleiteten Männern, die in weit grösserer Zahl ihre Partnerinnen umbringen, eine generelle gesellschaftliche Bedrohung zu kreieren. Die menschliche Psyche ist nach einfachen Mustern gestrickt. Es sind Muster, die sich auch mit viel Pädagogik und Aufklärung nie auflösen lassen.

Und doch zeigen gerade die beiden jüngsten Fälle, dass der Mensch nicht einfach blind jedem Reiz mit derselben Reaktion begegnet. Die rechte Bewirtschaftung der brutalen Tat des Eritreers in Frankfurt wirkte von Anbeginn beinahe verzweifelt. Besonders in der Schweiz haben Flüchtlinge, Terrorismus und Ausländerkriminalität in der Problemwahrnehmung der Bevölkerung stark an Bedeutung verloren.

Nicht zuletzt, weil die schnell fortschreitende Integration der einst gefürchteten «Balkan-Jugendlichen» die gefühlte Alltagsbedrohung bei vielen hat schwinden lassen. Die als zurückhaltend wahrgenommenen Eritreer taugen zumindest hierfür als Lückenbüsser mehr schlecht als recht.

Auch diese Kultur ist wandelbar

Der positive Weg, den so viele Zugewanderte aus dem Balkan genommen haben, zeigt überdeutlich, dass Kultur zwar durchaus Einflussfaktor ist, doch längst nicht alles vorbestimmt. Umso bemerkenswerter ist deshalb, wie hartnäckig sich eine derart verstörende Gewaltbereitschaft in der US-amerikanischen Gesellschaft festgesetzt hat. Zumindest die Massenerschiessungen durch weisse, christliche Männer standen dabei immer unter dem psychologischen Schutz des Eigenen und Hausgemachten. Politische Massnahmen dagegen gab es kaum.

Und doch ist auch die amerikanische Gesellschaft in Bewegung. Was vor wenigen Jahren fast undenkbar war, ist heute Realität: Eine deutliche Mehrheit in der Bevölkerung will strengere Waffengesetze. Donald Trump widersetzt sich dieser Entwicklung mit aller Kraft und setzt wie kein Präsident zuvor auf die psychologischen Reflexe gegen das Fremde. Doch mittelfristig gilt auch hier: Auch eine Kultur der Gewalt ist wandelbar.

Erstellt: 06.08.2019, 08:32 Uhr

Michael Hermann ist Politograf.

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