Mattscheibe vor Indiens dunkler Seite

Die Regierung hat einen Film über die 2012 in Delhi missbrauchte und ermordete junge Frau verboten. Viele Inderinnen finden, dass die Dokumentation der Männergesellschaft des Landes den Spiegel vorhält.

Mehr als zwei Jahre nach der Tat wühlt die Massenvergewaltigung Indien erneut auf.<br />Foto: Sajjad Hussain (AFP)

Mehr als zwei Jahre nach der Tat wühlt die Massenvergewaltigung Indien erneut auf.
Foto: Sajjad Hussain (AFP)

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Es beginnt mit Sätzen wie diesem: «Ein anständiges Mädchen fährt um neun Uhr abends nicht herum.» Das sagt Mukesh Singh, 28, zum Tode verurteilt wegen Mordes und Vergewaltigung. Er war einer der Männer, die am Abend des 16. Dezember 2012 in einem Kleinbus über eine Medizinstudentin herfielen, sie missbrauchten und so zurichteten, dass sie zwei Wochen später starb. Der Fall löste Entsetzen in der ganzen Welt aus. In Indien kam es zu wütenden Protesten. Die grausame Tat hat Debatten im Land angestossen, die man bis dahin kaum kannte. Fünf Täter kamen hinter Gitter, einer wurde bald schon tot in seiner Zelle aufgefunden. Nun hat die britische Filmemacherin Leslee Udwin eine eindringliche, mitunter an die Grenze des Erträglichen gehende einstündige Dokumentation über den ganzen Fall gedreht. «India’s Daughter» – Indiens Tochter – erzählt nicht nur vom Martyrium der 23-Jährigen, die alle Nirbhaya nennen, die Furchtlose. Der Film streift auch die gesellschaftlichen Hintergründe und das soziale Umfeld der Täter wie auch des Opfers.

Die Sprengkraft der Gedanken

Es sprechen viele in diesem Film: die Eltern des Opfers, die Eltern der Täter, Psychiater, Anwälte, Politiker. Und ja, manchem Betrachter werden unweigerlich die Tränen kommen über das, was sie da sehen und hören müssen. Alles wirkt sehr unmittelbar, das Leiden wird durch die Interviews ganz nahe an den Betrachter herangerückt. Die Mutter erzählt von ihren letzten Momenten mit der Tochter, die auch die Spezialisten in Singapur nicht mehr retten können. Zu gross sind die inneren Verletzungen, die die Männer in dem Bus diesem Körper zugefügt haben.

Und dann ist da Mukesh Singh, der immer wieder an verschiedenen Stellen im Film auftaucht. Er sagt: «Ein Mädchen ist für eine Vergewaltigung viel mehr verantwortlich als ein Junge.» Und fügt hinzu: «Sie sollte sich nicht wehren. Sie sollte einfach nur still sein und die Vergewaltigung zulassen.» Dann würde sie vielleicht jetzt noch leben, so deutet er das an. Das sind die Gedanken eines verurteilten Mörders – doch weil er nicht der Einzige sein dürfte, der so denkt, hat dieses Interview in Indien eine enorme Sprengkraft entwickelt. So gross, dass die Regierung in Delhi eingeschritten ist. Am Sonntagabend sollten die Inder diesen einstündigen Film mitsamt dem Interview sehen können. Die BBC hatte ihn schon vergangene Woche in Grossbritannien ausgestrahlt, am Internationalen Frauentag sollte er dann auf dem indischen Sender NDTV laufen. Doch die Regierung liess dies durch einen Gerichtsbeschluss verbieten. Und auch auf Youtube, wo viele den brisanten Film bereits heruntergeladen hatten, liess die Regierung fleissig löschen.

Innenminister Rajnath Singh verteidigte die Entscheidung mit den Worten, dass die Sätze des Verurteilten einen «Angriff auf die Würde der Frauen» darstellten. Die BBC wies diesen Vorwurf umgehend zurück. Und Regisseurin Udwin verteidigte sich gegen Kritik, dass sie gegen die Vereinbarungen mit dem Gefängnis verstossen habe. Alle nötigen Genehmigungen seien erteilt worden, bekräftigte die Filmemacherin.

Sie betrachtet ihre Dokumentation als ein «Werkzeug für den Wandel». Die indische Regierung hingegen sieht den Film eher als eine Gefahr für die öffentliche Ordnung: Er könnte Männer zur Nachahmung verleiten, heisst es. Gleichzeitig herrscht bei manchen schon Verwunderung darüber, wie es gerade einer ausländischen Journalistin gelingen konnte, einen so seltenen Einblick ins Innere eines indischen Gefängnisses zu erlangen. Die Behörden gestatten Aktivisten oder Reportern sonst fast nie Zugang zu Haftanstalten.

Die Abgründe der Gesellschaft

Während die Regierung ankündigte, das alles genauestens untersuchen zu wollen, wurde vor allem in den indischen Printmedien Kritik am Verbot des Films laut. Die Tageszeitung «The Hindu» schrieb, das Vorgehen des Staates sei alarmierend. Die «Hindustan Times» beklagte, dass man auf diese Weise quasi den Überbringer der Nachricht erschiesse, anstatt eine Veränderung im Land zu erreichen.

Doch es gab auch Stimmen, die den Kurs der konservativen Regierung verteidigten. Der Fernsehkanal Times Now, ein Konkurrenzsender zu NDTV, kritisierte die Dokumentation als voyeuristisch. Und manche Kommentatoren merkten an, dass man Schwerverbrechern keinesfalls eine so prominente Plattform geben sollte. Das grundlegende Problem brachte jedoch das grösste Blatt, die «Times of India», auf den Punkt: Der eigentliche Skandal liege doch nicht darin, dass ein solches Interview von den Behörden erlaubt worden sei. Schlimm sei vielmehr, dass viele Inder noch immer die Ansicht teilten, Frauen treffe selbst die Schuld, wenn sie vergewaltigt würden. Die Journalistin Rhadika Santhanam fragte in einem Blog: «Warum gibt es über den Film nur so viel Streit, wenn sein Inhalt der Gesellschaft doch nur einen Spiegel vorhält?»

So führt die Fehde um den Film zurück zu den Abgründen einer patriarchalischen Gesellschaft, die sich bereits nach der schrecklichen Tat für alle sichtbar aufgetan hatten. Einer Gesellschaft, in der Frauen kaum etwas wert sind – es sei denn, sie werden in Tempeln als Göttinnen verehrt. In dieser Welt lernt schon der kleinste Junge, wer wichtig ist im Haus, wer zuerst essen und trinken darf. Und wer warten muss, was die Herren übrig lassen. Im Film kommt heraus, dass die verurteilten Vergewaltiger in ihrem Umfeld mit der sexuellen Gewalt und der Unterdrückung der Frauen bestens vertraut waren.

Jyoti. Das Licht

Sie kannten nichts anderes. Und vermutlich dachten sie deshalb auch, dass sie ungestraft davonkommen würden, als sie das Opfer und ihren zusammengeschlagenen Freund einfach aus dem Bus warfen. Das erwies sich als Irrtum. Und nicht wenige glauben, dass dieser Fall, der so viel Wut und Trauer auslöste, doch einen wichtigen Anstoss gab in dieser Gesellschaft, die sich nur so mühsam wandelt. Leila Seth, einst eine oberste Richterin, sagt in dem Film, dass letztlich nur die Erziehung der Kinder etwas ändern könne. Aber dass das auch in Indien möglich ist, wenn die jungen Leute es nur vorantreiben.

Der Sender NDTV setzte am Sonntagabend ein stilles Zeichen des Protests: Anstatt nach dem Verbot einen anderen Film zu senden, blieb der Bildschirm eine Stunde lang einfach schwarz. Nur der Filmtitel «India’s Daughter» war eingeblendet, und dazu flackerte im Hintergrund eine Kerze. Manche sehen darin den Vornamen des Opfers aufleuchten: Jyoti. Das Licht.

Erstellt: 10.03.2015, 20:01 Uhr

Video

«India’s Daughter». Quelle: BBC, Youtube

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