«Merkels Haltung ist eine Enttäuschung»

Was er von der deutschen Kanzlerin hält und wo er lieber leben möchte, verrät US-Whistleblower Edward Snowden im grossen Interview.

Edward Snowden an einer Videokonferenz im Dezember 2014. (Bild: Keystone)

Edward Snowden an einer Videokonferenz im Dezember 2014. (Bild: Keystone)

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Ein leises Klopfen an der Hotelzimmertür, dann steht er da und lächelt: Edward Snowden. Es ist ein Dienstag im Juni, durch die Strassen von Moskau ziehen grölende Fussballfans. Edward Snowden, 35, dunkles Hemd, schwarzes Sakko, schwarze Hose, ist in ein Hotel im Stadtzentrum gekommen, um Auskunft zu geben über sein schwieriges Verhältnis zu Russland, das ihm seit Sommer 2013 Asyl gewährt, seine Hoffnungen und darüber, was er mit seinen Enthüllungen über das Treiben der US-Geheimdienste erreicht hat, die vor genau fünf Jahren begannen.

Snowden hatte damals für die Spionage-Dienste Central Intelligence Agency (CIA) und National Security Agency (NSA) gearbeitet, zuletzt auf Hawaii. Dort erzählt er im Frühjahr 2013 seinem Chef, er müsse wegen seiner Epilepsie zu einem Spezialisten nach Hongkong. Seiner Freundin hinterlässt er eine Notiz, aber keine echte Erklärung. Er steigt in das Flugzeug nach Hongkong, im Wissen, die USA wahrscheinlich nie wieder betreten zu können. Oder, wenn doch, nur in Handschellen.

Auf Hawaii arbeitet Snowden als Analyst für einen NSA-Dienstleister. Er steht schon seit einigen Monaten in Kontakt mit der Filmemacherin Laura Poitras und dem Guardian-Kolumnisten Glenn Greenwald.

Beide haben oft und kritisch über die US-Regierung berichtet, beiden hat er deshalb bereits einzelne brisante Dokumente aus dem Innenleben des US-Geheimdienstapparates zukommen lassen, gewissermassen als Kostprobe. In Hongkong trifft er Poitras und Greenwald und übergibt ihnen einen Datenträger mit Geheimdokumenten. Die Dokumente belegen, wie die US-Geheimdienste und ihre Verbündeten weltweit Telefon- und E-Mail-Daten abgreifen, speichern und auswerten – und dass praktisch jedermann ins Visier geraten kann. Selbst Angela Merkel.

Für seine Millionen Bewunderer überall auf der Welt ist Snowden ein Held, der den Friedensnobelpreis verdient hätte. Anders Geheimdienstler und Politiker. Viele, vor allem jene in den USA, sehen in ihm einen Verräter, und diese gehörten hingerichtet, drohte der heutige US-Präsident Donald Trump im Wahlkampf. Trumps neuer Sicherheitsberater John Bolton äusserte öffentlich gar, er wolle Snowden «an einer grossen Eiche baumeln» sehen. Kalt lässt der berühmteste Whistleblower dieser Zeit kaum jemanden.

Sich mit Edward Snowden zu verabreden, ist schwer. Er benutzt – so erzählen es seine Vertrauten – kein Handy, alle seine Kommunikation ist in der Regel verschlüsselt und läuft über sein Anwaltsteam. Nach mehrmonatigem Hin und Her kommt schliesslich die Zusage. Am Ende wird Snowden vier Stunden reden. Pausen erlaubt sich der schmächtige Amerikaner nur, um auf die Toilette zu gehen. Er trinkt Wasser, fürs Essen aber findet er keine Zeit.

Herr Snowden, viele Leute bewegt die Frage, welche Freiheiten Sie hier in Russland haben. Können Sie sich hier bewegen, die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, etwa, um zu unserem Interview zu kommen?
Edward Snowden: Ja, kann ich. Ich fahre mit der U-Bahn. Die Leute haben diese Vorstellung, dass ich auf einer Militärbasis oder in einem Palast lebe, mit bewaffneten Wachen namens Hans und Brutus – oder in meinem Fall Sergej und Vlad – vor der Tür. Aber nein, ich wohne in einer gewöhnlichen Wohnung zusammen mit meiner Freundin Lindsay und ich zahle Miete wie jeder andere auch. Ich benutze keine Kreditkarten und ich versuche, mein Privatleben so weit wie möglich von der Öffentlichkeit fernzuhalten.

Werden Sie auf der Strasse erkannt?
Viel weniger als früher. Es war viel schwieriger so um 2013, weil ich auf jedem Nachrichtensender war. Seit mein Gesicht immer seltener in Zeitungen gezeigt wird, erkennen mich auch immer weniger Leute.

Aber es kommt vor?
In wenigen Ausnahmefällen, ja. Vor einigen Monaten erkannte mich ein deutsches Mädchen, als ich mit meinen Eltern die Tretjakow-Galerie besucht habe. Sie schaute mich eine Zeit lang komisch an, dann fragte sie: «Sind Sie Snowden?» Ich habe Ja gesagt, einem Selfie zugestimmt – und ich bin froh, dass es bis heute nicht in sozialen Netzwerken aufgetaucht ist.

Womit verdienen Sie in Moskau Geld?
Ich halte weltweit Vorträge, die über das Internet übertragen werden. Und ich habe das Glück, dass die Leute dafür bezahlen.

Nachdem Edward Snowden sich 2013 in einem Hotel in Hongkong mit Laura Poitras, Glenn Greenwald und dem Guardian-Reporter Ewen MacAskill getroffen und die Daten übergeben hatte, verschwindet er wieder. In einem Video, das er zuvor aufgenommen hat, verdammt er die US-Massenüberwachung: «Ich will nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich sage, alles was ich mache, der Name jedes Gesprächspartners, jeder Ausdruck von Kreativität, Liebe oder Freundschaft aufgezeichnet wird.» Das Video wird von TV-Stationen im Dauerloop gespielt. Snowden wird zum wohl meistgesuchten Mann des Planeten. Dennoch schafft er es, unterzutauchen. Eine Gruppe von Flüchtlingen aus Sri Lanka und den Philippinen versteckt ihn in einer Hütte in einem Armenviertel, weit weg von der Sieben-Millionen-Metropole Hongkong.

In der Zwischenzeit reist die Wikileaks-Mitarbeiterin Sarah Harrison in die Stadt, um Snowden bei seiner Flucht zu helfen. Gemeinsam besteigen sie Ende Juni 2013 eine Maschine der russischen Fluglinie Aeroflot. Ihr ursprünglicher Plan, so werden sie es später jedenfalls schildern, war es, über Moskau nach Havanna zu fliegen, und von dort über Caracas nach Ecuador – wo damals eine linkspopulistische Regierung herrschte. Für den Flug nach Havanna hat Snowden schon die Bordkarte, Platz 17 A. Doch das spricht sich herum, Dutzende Journalisten sitzen in der Maschine, nur Snowdens Platz bleibt leer. Denn während er noch im Flugzeug nach Moskau sitzt, erklären die US-Behörden seinen Pass für ungültig. Snowden steckt nun am Moskauer Flughafen Scheremetjewo fest, in einem fensterlosen Raum des Transitbereiches F: Die Dusche auf dem Gang, das Internet funktioniert nur sporadisch, warmes Essen gibt es nur bei Burger King.

Einiges spricht dafür, dass die russische Regierung zunächst hoffte, Snowden würde bald wieder verschwinden. Aber ohne gültigen Pass? Und wohin? Fast überall droht dem Whistleblower nun die Verhaftung – und dann die Auslieferung in die USA. Nach drei Wochen erteilen ihm die Moskauer Behörden eine vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung. Sie wurde zuletzt im Januar 2017 verlängert, bis Anfang 2020.

Prominente westliche Politiker haben angedeutet oder sogar offen behauptet, Sie seien ein russischer Spion.
Glauben Sie mir, die CIA hat Ihre Quellen innerhalb des russischen Geheimdienstes. Wenn ich ein russischer Spion wäre, würden die USA es wissen. Und es würde auf der Titelseite jeder Zeitung stehen.

Es hat bislang auch niemand Beweise dafür vorgelegt. Die Anschuldigung scheint allein darauf zu fussen, dass Sie hier sind: in Russland.
Richtig. Das ist ganz normal. Die Menschen sind zynisch.

Wollte der russische Geheimdienst Sie jemals anwerben?
Ja, bei meiner Ankunft, am Flughafen. Ich habe mich sehr entschieden geweigert zu kooperieren. Ich sagte: «Schaut her, wenn ihr mich rausschmeisst, schmeisst ihr mich raus. Aber ich habe keine Dokumente mehr dabei, ich werde euch nichts sagen, ich will keine wie auch immer geartete Beziehung zu euch und ich werde mich nicht einschüchtern lassen.» Und ich hatte damals jemanden bei mir, eine Journalistin.

Sarah Harrison von Wikileaks?
Ja. Ich habe sie nie von meiner Seite gelassen, um immer eine Zeugin zu haben.

Haben die Russen es noch einmal versucht?
Nein. Da war zwar immer diese Angst, dass jemand an mich herantritt, aber es geschah nicht. Was hätte es ihnen auch bringen sollen? Ich bin nicht mehr derjenige, der alle Dokumente hat. Das sind die Journalisten. Also was könnte ich den Russen wirklich geben, was könnte ich ihnen wirklich sagen?

Edward Snowden hat stets darauf beharrt, keine Geheimunterlagen mit nach Russland gebracht zu haben. Er habe in Hongkong alles den drei Journalisten um Laura Poitras überlassen und nichts in die Hände ausländischer Geheimdienste gegeben. Auch fünf Jahre später gibt es keinen Beleg dafür, dass Snowden hierbei gelogen haben könnte.

Bereits wenige Wochen nach den ersten Enthüllungen wurde Snowden in den USA in Abwesenheit angeklagt, wegen Spionage und Diebstahls von Regierungseigentum. Im Fall einer Verurteilung droht ihm die Todesstrafe. Die Anklage stützt sich auf den Espionage Act, ein Gesetz aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, das die Kooperation mit dem Feind unterbinden sollte. Ausgerechnet Barack Obama, der im Wahlkampf das Aufdecken von Missständen noch als «patriotischen Akt» gelobt hatte, nutzte dieses Gesetz, um gegen Whistleblower wie Snowden und die Wikileaks-Informantin Chelsea Manning vorzugehen.

Ist der grösste Gewinn für Russland möglicherweise, sich als Beschützer eines US-Whistleblowers präsentieren zu können?
Richtig, es könnte sein, dass sie es wichtiger finden, ihren PR-Sieg zu schützen, und sich eben nicht einzumischen – in einer Art, wie es niemand erwartet hätte.

Von Zeit zu Zeit kritisieren Sie auf Twitter die russische Regierung. Wurden Sie jemals gewarnt, das sein zu lassen?
Die Leute denken, dass es einen Kerl geben muss, der mir sagt, was ich twittern soll, der mich mit einem Brett schlägt, wenn ich etwas Kritisches über Russland twittere oder mir einen Rubel gibt, wenn ich etwas gegen die CIA sage. Aber so läuft das nicht. Ich habe keine Kontakte zur russischen Regierung, und das ist Absicht. Ich will keine Verbindungen zu denen. Ich will keine Verstrickung. Ich hatte nie vor, hier zu sein.

Ist es für Sie eigentlich eine Tragödie, dass Sie Ihr Leben ausgerechnet in diesem Land verbringen müssen?
Ich denke, das wäre zu negativ. Es unterstellt, dass sich dieses Land nie ändern wird. Ausserdem konzentriert es sich zu sehr auf mich. Es geht nicht um mich. Es ist auch keine Tragödie, jetzt hier in Russland zu sein. Ich hatte ja nie erwartet, ungeschoren davonzukommen. Ich dachte, das wahrscheinlichste Ergebnis wäre ein oranger Overall in einer Guantanamo-artigen Einrichtung, dass sie mich auf einem Navy-Schiff irgendwo festhalten würden und sagen: «Wir wissen nicht, wo er ist.»

Sie haben sich in den letzten fünf Jahren immer wieder für Meinungs- und Pressefreiheit eingesetzt – und sind jetzt auf das Wohlwollen eines Landes angewiesen, das weithin als Menschenrechtsverletzer gilt. Welchen Eindruck haben Sie von Russland?
Ich glaube, die Öffentlichkeit fühlt sich entmachtet. Die Russen sind nicht naiv, sie wissen, dass man dem Staatsfernsehen nicht trauen kann. Die russische Regierung ist in vielerlei Hinsicht korrupt, das weiss auch das russische Volk. Die Russen sind warmherzig, sie sind klug. Ihre Regierung ist das Problem, nicht das Volk.

Der frühere deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder bezeichnete Russlands Präsidenten Wladimir Putin einmal als «lupenreinen Demokraten». Sehen Sie das auch so?
Für mich klingt das zweifellos nicht richtig, aber andererseits habe ich den russischen Präsidenten nie getroffen. Ich kenne Putin nur durch seine Politik, und mit der bin ich definitiv nicht einverstanden.

Glauben Sie, dass es für Sie gefährlich ist, Russland zu kritisieren?
Ja. Keine Frage, es ist ein Risiko. Vielleicht ist es der Regierung aber auch schlicht egal, was ich sage. Ich spreche ja kein Russisch. Und ich bin im wahrsten Sinne des Wortes ein ehemaliger CIA-Agent, also ist es sehr einfach für sie, meine politischen Meinungen zu diskreditieren als die eines amerikanischen CIA-Agenten in Russland.

Aber ängstigt es Sie nicht, dass Kreml-Kritiker regelmässig unter mysteriösen Umständen ums Leben kommen, in Russland und anderswo ...
Mag sein. Aber wenn ich ein sicheres Leben gewollt hätte, wäre ich auf Hawaii geblieben und würde weiterhin für die NSA arbeiten.

Wohin man dieser Tage auch schaut: Ganz Moskau ist im Fussballfieber. Haben Sie Karten für die Weltmeisterschaft?
Ich bin Amerikaner, wir nennen es «Soccer», damit fängt es schon an. Ich kenne nicht mal die Regeln des Fussballs.

Dennoch: Die ganze Welt blickt gerade nach Russland. Glauben Sie nicht, dass Putins Regierung gerade besonders empfindlich sein könnte, was Kritik angeht?
Ich denke, das ist definitiv der Fall. Gleichzeitig ist das der Grund, warum ich es tue. Gerade in Zeiten, wo es wegen drohender Konsequenzen am wenigsten ratsam ist, kann Kritik das meiste bewirken. Das ist genau die Zeit, in der die Leute zuhören.

Sie haben derzeit lediglich eine befristete Aufenthaltserlaubnis. Sollten Sie deshalb nicht besonders vorsichtig sein?
Meine Anwälte würden Ihnen wahrscheinlich zustimmen.

Snowdens aktuelle Aufenthaltsgenehmigung läuft Anfang 2020 aus. Ob er danach weiter in Russland bleiben darf, entscheidet letztlich der Kreml. Dort regiert ein Mann, der sich, im Gegensatz zu früheren Jahren, verhältnismässig gut mit dem amtierenden US-Präsidenten versteht. Gerade wurde ein Gipfeltreffen von Putin und Trump angekündigt – möglicherweise ist Snowdens Zukunft dann ein Thema.

Snowdens Anwälte appellierten vor wenigen Wochen an «die politischen Führer der EU-Staaten», den Whistleblower bei sich aufzunehmen. Snowden habe einen «immensen Beitrag zum Schutz unserer Freiheiten» geleistet und verdiene «eine echte Zuflucht, ein Land der Freiheit, in dem er und seine Familie sicher und in Frieden leben können». Es gab keine nennenswerten Reaktionen.

Vor fünf Jahren sind Sie an die Öffentlichkeit gegangen. Was haben Sie bewirkt?
Ich habe das Bewusstsein dafür geschärft, wie die Welt funktioniert. Früher glaubte niemand, dass die NSA die Telefonaufzeichnungen jeder einzelnen Person in den USA speichern würde. Aber es geschah. Niemand glaubte, dass die NSA sämtliche Anrufe der Bevölkerung der Bahamas speichern würde, aber es geschah. Niemand glaubte, dass Apple und Google und Facebook und alle diese Unternehmen geheime Mechanismen geschaffen hatten, um exakte Kopien der Daten der Nutzer von ihrem Server bereitzustellen und sie an die Geheimdienste weiterzugeben, aber sie taten es. Heute wissen wir, dass all diese Dinge nicht nur theoretisch möglich sind, sondern auch in der Praxis umgesetzt werden. Und weil wir das wissen, könnte wir uns auch endlich dagegen wehren.

Anstatt sich zu wehren, laden viele Menschen Unternehmen wie Google, Apple oder Amazon regelrecht ein, sie zu belauschen, indem sie sich smarte Lautsprecher in die Wohnung stellen.
Guter Punkt. Sie gehen aber davon aus, dass die Leute auch wissen, dass sie Amazon oder sonst wen bei all ihren Unterhaltungen zuhören lassen. Die Hersteller streiten das vehement ab, wie ja auch die Regierungen.

Ihre Enthüllungen haben Lügen etlicher Regierungen aufgedeckt. Hat sich seither etwas geändert?
Die Geheimdienste machen mehr oder weniger dasselbe, was sie vor den Enthüllungen getan haben. Aber sehr viel mehr Menschen verschlüsseln heute ihre E-Mails. Auch Unternehmen sind nicht mehr ganz so eilfertig, Regierungen zu helfen. Da hat sich also ganz klar etwas getan.

James Clapper, der damalige Nationale Geheimdienstdirektor der USA, behauptete im März 2013 vor dem Geheimdienstausschuss des Kongresses, die NSA würde keine Daten von Amerikanern sammeln. Ihre Enthüllungen haben gezeigt: Auch das war eine Lüge. Dennoch gab es keine Konsequenzen.
Clapper hat unter Eid gelogen und damit das Gesetz gebrochen, und er ist damit davongekommen. Er kam nicht ins Gefängnis, und so wird es auch bleiben. Aber immerhin weiss die Öffentlichkeit jetzt davon. Und wenn das nächste Mal jemand hinter verschlossenen Türen so eine Entscheidung trifft, muss er damit rechnen, dass er auffliegt. Ich glaube und hoffe, dass das einen Einfluss hat, darauf, wie diese Leute denken, wie sie reden und wie sie handeln. Nachdem bekannt geworden war, dass US-Dienste offenbar das Handy der Kanzlerin abgehört hatten, sagte Angela Merkel: «Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht.» Diese Aussage wurde als naiv gedeutet. Für mich war sie eher richtungsweisend.

Inwiefern? Wir haben doch später erfahren, dass auch Deutschland befreundete Nationen ausspioniert hat.
Geheimdienste arbeiten unter politischer Direktive. Merkel könnte klare Regeln für künftige Regierungen und Geheimdienste erlassen, sollte so etwas noch einmal passieren.

Angela Merkels Umgang mit der NSA-Affäre gehört zu den blamabelsten Momenten ihrer Amtszeit. Ihr eigener Nachrichtendienst hatte während und auch schon lange vor ihrer Amtszeit jede Menge befreundete Nationen abgehört, darunter Parlamente, in denen sie sich feiern liess, Politiker, die sie schätzte, Regierungen, mit denen sie vertrauensvoll zusammenarbeitete. Der damalige US-Aussenminister John Kerry kam nur davon, weil der Bundesnachrichtendienst eine falsche Vorwahl in die Computer eingab. Zunächst wurden nicht einmal die Geheimdienstkontrolleure des Bundestages über diese umstrittenen Spionage-Aktivitäten des BND informiert.

Im Oktober 2013 äussersten Sie die Hoffnung, dass Deutschland Ihnen Asyl gewähren würde. Sind Sie enttäuscht, dass die Bundesregierung abgelehnt hat?
Enttäuschung würde implizieren, dass ich zuvor daran geglaubt habe, dass die Regierung das Richtige tut. Umfragen haben gezeigt, dass die deutsche Öffentlichkeit Whistleblower wie mich sehr gerne in Deutschland willkommen heissen würde. Aber es gibt keinen Weg, die Regierung dazu zu zwingen.

Denken Sie manchmal daran, wie Ihr Leben in Deutschland hätte aussehen können?
Ich habe mich damit abgefunden, dass ich mein ganzes Leben die Konsequenzen dafür tragen werde, der Öffentlichkeit gesagt zu haben, was ich weiss. Aber wenn es Deutschland schon nicht für mich tut, sollte es zumindest für künftige Whistleblower die nötigen Gesetze verabschieden. Wenn Europa, ja die ganze Welt, nicht bald Regeln schafft, um jene zu schützen, die uns über Dinge von öffentlicher Bedeutung aufklären, dann werden diese Quellen bald versiegen.

Lassen Sie uns kurz bei Ihrem Fall bleiben: Warum, glauben Sie, weigert sich die deutsche Regierung, Ihnen Asyl zu gewähren? Aus Angst vor den Amerikanern?
Kann gut sein. Aber mal ehrlich: Selbst wenn Deutschland mir und zehn anderen Whistleblowern Asyl gewähren würde, und selbst wenn alle von der CIA kämen, hätte das keine wirklichen Konsequenzen. Deutschland ist für die Vereinigten Staaten ein zu wichtiger Partner. Auf deutschem Boden befindet sich der für Europa zentrale Horchposten. Der deutsche Geheimdienst hat wichtige Anti-Terror-Einsätze durchgeführt, ausserdem arbeitet er Hand in Hand mit den amerikanischen Diensten, auch in Kriegsgebieten. Deutschland erlaubt uns ja sogar, in Ramstein eine Drohnenzentrale zu unterhalten.

Drohen die USA möglicherweise damit, künftig keine Informationen mehr mit Deutschland zu teilen, falls Angela Merkel Sie aufnehmen sollte?
Das wäre eine Morddrohung. Stellen Sie sich vor, die amerikanischen Dienste hätten zum Beispiel Informationen über einen bevorstehenden Terroranschlag und teilen diese nicht, und das nur, weil Deutschland die Menschenrechte von jemandem schützt, der etwas Gutes für die Gesellschaft getan hat. Wer wäre dann der Bösewicht?

Hat sich Ihre Lage mit der Wahl von Donald Trump verschlechtert?
Nicht unbedingt. Merkel und Barack Obama standen sich ziemlich nahe, und es wäre schwer für sie gewesen, sich gegen Obama zu behaupten. Selbst moderate Kritik an Obamas Politik wäre als unhöflich aufgefasst worden. Aber Höflichkeit gehört heute ja nicht mehr zu internationalen diplomatischen Gepflogenheiten. Moralisches Handeln indes wird immer noch verstanden.

Sie denken also, es wäre eine gute Idee für Angela Merkel, ihre Meinung zu ändern?
Sie ist, ob es Ihnen gefällt oder nicht, die Führerin Europas und kann neue Verhaltensnormen durchsetzen. Das ist eine Chance zur Veränderung. Vielleicht sehen wir nie wieder eine solche Gelegenheit in unserem Leben. Es ist doch so: Wenn morgen ein russischer Whistleblower, sagen wir jemand aus der Putin-Regierung, bei Frau Merkel anklopfen würde, sie würde ihn adoptieren. Aber wenn ein US-Whistleblower vor Merkels Haustür auftaucht, ist diese Frage nicht beantwortet. Merkels Haltung der vergangenen fünf Jahre jedenfalls ist eine Enttäuschung, nicht nur für Whistleblower, hoffentlich nicht nur für Journalisten, nicht nur für Deutsche – sondern für die ganze Welt. Wir haben heute viel über Russland gesprochen, über die Enttäuschungen und Herausforderungen. Aber was sagt es über unsere Welt, wenn der einzige Ort, an dem ein amerikanischer Whistleblower sicher sein kann, ausgerechnet Russland ist?

Würden Sie die Entscheidung, sich als Whistleblower öffentlich zu präsentieren, heute wieder treffen?
Absolut. Natürlich. Der Whistleblower hinter den Panama Papers ist immer noch anonym. Das ist fabelhaft. Auch ich hätte anonym bleiben können, aber in meinem Fall hätte es das der Regierung leichter gemacht, die Echtheit der Dokumente zu bestreiten. So konnten sie schlecht einerseits sagen «er denkt sich das alles nur aus», und mich andererseits anklagen, das Material geleakt zu haben.

Unter welchen Bedingungen wären Sie bereit, in die USA zurückzukehren?
Darin hat sich nichts geändert. Ich hatte eine einzige Forderung an Obamas Justizministerium, und die war, dass ich die Möglichkeit haben will, meine Beweggründe zu erläutern. Ich will der Jury sagen können, warum ich getan habe, was ich getan habe.

Genau das ist laut US-Gesetz nicht vorgesehen.
Obamas Justizminister Eric Holder antwortete auf meine Forderung auch nur mit einem Brief, in dem mir garantiert wurde, dass ich nicht gefoltert werde.

Derselbe Eric Holder hat später öffentlich verkündet, Sie hätten der Öffentlichkeit einen Dienst erwiesen.
Das hat er erst gesagt, als er nicht mehr im Amt war.

Sind Ihre Anwälte auch mit der Regierung von Präsident Trump in Kontakt?
Nein, wir haben keinen Kontakt zum Justizministerium der neuen Regierung.

Apropos Trump: Der benutzt ja angeblich weiterhin ein Handy, das nicht gegen Hackerangriffe und ähnliches geschützt ist.
Wahrscheinlich ist es dasselbe Modell wie bei Merkel (lacht).

Klingt nicht gerade vernünftig.
Niemand kann ihm vorschreiben, was er tun und lassen soll. Sein Handy wird aber sicher attackiert, wahrscheinlich wurde es längst kompromittiert und wird es auch in Zukunft werden.

Ihre Kritiker in den USA werfen Ihnen vor, Sie hätten mit Ihren Enthüllungen Geheimdienst-Informanten in Gefahr gebracht. Was sagen Sie zu dem Vorwurf?
Ach, in der hitzigen Zeit, im Juni 2013, brach die geballte Macht der US-Geheimdienste und ihrer Verbündeten über mich und jeden auch nur am Rande mit der Sache beschäftigen Journalisten herein. Die Rede war von Verbrechen gegen die Demokratie. Es hiess, Menschen würden sterben, die Ozeane verdampfen, der Himmel würde Feuer fangen. Fünf Jahre später wissen wir: nichts davon stimmte.

Während Geheimdienstler bis heute kritisieren, dass zu viel veröffentlicht worden sei, würden Transparenzverfechter gerne mehr veröffentlicht sehen.
Wenn ich alle Dokumente hätte veröffentlichen wollen, dann hätte ich sie einfach selbst im Internet veröffentlicht. Oder ich hätte sie an Wikileaks geschickt. Die Tatsache, dass nicht alle Dokumente veröffentlicht wurden, ist Absicht und kein Versehen.

Was halten Sie von Wikileaks? Würden Sie Whistleblowern empfehlen, sich an die Plattform von Julian Assange zu wenden?
Das kommt auf den Einzelfall an. Das Wikileaks-Modell entspricht nicht meinen Vorstellungen. Aber es ist ein Modell, und es ist ein Modell, das sich nicht als unvernünftig oder schädlich herausgestellt hat.

Es gibt ja etliche Parallelen zwischen Ihrem Fall und dem Wikileaks-Gründer Julian Assange: Ihnen beiden droht ein Verfahren in den USA, beide kämpfen Sie für Transparenz, beide stecken Sie fest, Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London, Sie in Russland. Was unterscheidet Sie von Assange?
Ich bin ein Reformer und er ist ein Revolutionär. Ich will nicht das ganze System zerstören, solange ich glaube, dass es gerettet werden kann.

Edward Snowden entschied sich bei seinen Enthüllungen dezidiert gegen die Wikileaks-Methode. Es sollten «nur solche Dokumente“ publiziert werden, die „die Öffentlichkeit sehen sollte und deren Veröffentlichung unschuldigen Menschen keinen Schaden zufügt», erklärte der Whistleblower. Grosse Teile der NSA-Dokumente sind deshalb geheim geblieben.

Bis heute ist unklar, wie viele Dokumente Snowden an Journalisten übergeben hat. Der US-Senat spricht in einem Report von 1,5 Millionen Dokumenten, aus dem Snowden-Umfeld heisst es, es seien weniger. Auch Snowden selbst wollte sich nicht zu Details äussern, weder zur Zahl der Dokumente noch wie er sie aus streng gesicherten Geheimdienstcomputern und -gebäuden herausschmuggeln konnte.

Darüber, ob Dokumente teilweise geschwärzt oder vollständig im Original veröffentlicht werden sollten, kam es zwischen Wikileaks und Snowden zu einer öffentlichen Auseinandersetzung auf Twitter. Nachdem Snowden Wikileaks für das massenhafte Veröffentlichen unbearbeiteter Dokumente kritisiert hatte, warf Wikileaks Snowden Opportunismus vor. Auch dies werde ihn einer Begnadigung durch die US-Regierung nicht näher bringen.

Eine grundsätzliche Sympathie scheint aber noch zu bestehen, möglicherweise auch, weil Snowden Wikileaks eine Menge zu verdanken hat. Nicht nur hatte die britische Wikileaks-Mitarbeiterin Sarah Harrison Snowdens Flucht aus Hongkong organisiert, sie war zu seiner Unterstützung auch noch etliche Wochen in Moskau geblieben. Über sie sagt Snowden: «Sarah ist wahrscheinlich die mit Abstand mutigste Frau, die ich kenne.»

Sie sind mittlerweile ein Star, eine Ikone. Es gibt einen Hollywood-Film über Sie, Menschen tragen Ihr Gesicht auf T-Shirts. Wie fühlt sich das an?
Es ist seltsam und auch ein bisschen einschüchternd, wenn die Welt entscheidet, wie man den Rest seines Lebens betrachtet werden wird, und das, bevor man 30 Jahre alt ist. Eigentlich wollte ich den Leuten ja nur erklären, wie die Dinge stehen und dann zurück in ein normales Leben.

Das hat nicht wirklich funktioniert.
Richtig. Andererseits inspiriert es auch, wenn man sieht, dass andere Menschen durch die eigenen Taten ermutigt werden. Ich bin von Natur aus eher ein fauler Typ. Ich will nicht zu viel arbeiten. Aber in den vergangenen fünf Jahren habe ich echt hart gearbeitet und ich bin ich noch nicht bereit, aufzuhören.

Snowden hält nicht nur Vorträge, er ist auch Präsident der Nichtregierungsorganisation Freedom of the Press Foundation, die sich für die Belange von Journalisten und Whistleblowern einsetzt. Unter anderem unterstützt die Organisation die Weiterentwicklung des Chat-Service «Signal», über den Journalisten oft verschlüsselt mit ihren Quellen kommunizieren.

Derzeit arbeitet Edward Snowden auch an zwei weiteren Computerprogrammen, die sicheres und geheimes Arbeiten ermöglichen sollen: Mit «Haven» soll man aus der Ferne sein Hotelzimmer oder sein Büro überwachen können und vor Eindringlingen gewarnt werden. «Sunder» soll Journalisten und Whistleblowern helfen, Geheimnisse besser verschlüsseln und teilen zu können.

Nehmen wir an, Sie hätten einen Wunsch frei. In welchem Bereich hoffen Sie am meisten auf einen Whistleblower?
Was besonders wichtig wäre, ist der ungeschwärzte Bericht des US-Senats über das amerikanische Folterprogramm. Die aktuelle CIA-Direktorin ist eine Kriegsverbrecherin. Sie war eine Schlüsselfigur eines Programms, in dem einer schwangeren Frau auf den Bauch geschlagen wurde und in dem ein gefesselter Mann in seiner Zelle erfror. Und von vielen anderen Fällen werden wir niemals hören, weil Aufzeichnungen zerstört wurden.

Unter anderem auf Befehl von jener Frau, die Sie gerade erwähnt haben: Gina Haspel, die Präsident Trump zur CIA-Direktorin gemacht hat.
Richtig. In den nächsten Jahren wird Haspel sicher versuchen, nach Europa zu reisen. Ich bin mir sicher, dass eine Nichtregierungsorganisation wie das European Center for Constitutional and Human Rights in Deutschland Anzeige gegen sie erstatten wird. Die Frage ist dann: Wird die deutsche Regierung mit einer Folterverantwortlichen kollaborieren und sie unbehelligt reisen lassen?

Glauben Sie ernsthaft, dass die Bundesregierung zulassen würde, eine CIA-Direktorin zu verhören oder festzunehmen?
Die Welt ist im Wandel, das ist eine Chance für Veränderung. Es ist ein Mandat, das Anführern wie Merkel erteilt wird, die glaubwürdig sind. Sie haben die historische Möglichkeit, die Dinge zu ändern. Für ein offeneres, freieres und unabhängigeres Europa. Und es ist einfacher für ein neues Europa, sich Donald Trump entgegenzustellen als einem von allen respektierten Barack Obama.

Der Text wurde zuerst am 29. Juni 2018 auf der Homepage der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.06.2018, 14:57 Uhr

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