Jesidinnen in Deutschland: «Nicht ohne unsere Männer»

Da männlichen Verwandten der Nachzug verwehrt bleibt, können die Jesidinnen ihre Chancen in der neuen Heimat oft nicht voll nutzen.

Nadia Murad erzählte die Geschichte ihrer Versklavung und wurde zur UNO-Sonderbotschafterin. Foto: Etienne Laurent (EPA)

Nadia Murad erzählte die Geschichte ihrer Versklavung und wurde zur UNO-Sonderbotschafterin. Foto: Etienne Laurent (EPA)

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Im Wohnzimmer, gleich neben dem Foto des Vaters, hängt ein Bild von Pippi Langstrumpf. Ghason Taha, eine 19-jährige Jesidin, hat es von der Lehrerin an der Schule bekommen. Weil sie genauso rote Haare hat wie Pippi. Und vielleicht auch, weil sie mindestens so stark sein muss wie Pippi, um nach dem Überleben auch weiterzuleben.

Vor vier Jahren wurde Taha von den Terroristen des sogenannten Islamischen Staats (IS) versklavt. Sie sagt in brüchigem Deutsch: «In dieser Nacht waren wir vier Mädchen. Und hundert Männer vom IS.» Heute wohnt Taha in einem Haus am Stadtrand von Freiburg im Breisgau, zusammen mit ihrer Mutter und den kleinen Brüdern.

Shirin Kilo lebt drei Autostunden entfernt von Taha in einem Städtchen auf der Schwäbischen Alb, zusammen mit ihren vier Schwestern, die älteste verdient bereits Geld, sie arbeitet in einem Fitnessstudio. Die 25-jährige Shirin Kilo mit den breit geschminkten Augenbrauen hat als zweitälteste die Führung des Haushalts übernommen. Im Flur gibt es eine Fotocollage, weisse Holzbuchstaben formen das Wort «Family», rundherum sind die Menschen angeordnet, die fehlen. Der schnauzbärtige Vater, der nun in einem Massengrab verscharrt ist. Die Mutter, das Gesicht fast weiss gepudert, noch immer in den Händen des IS. Und Faris, der Bruder.

Sowohl Kilo als auch Taha stammen aus Kojo, einem Dorf mit ehemals 2000 Einwohnern am Fuss des Sinjar-Gebirges im Nordirak, genau wie die Aktivistin Nadia Murad, die Anfang Oktober als diesjährige Friedensnobelpreisträgerin ausgerufen wurde. Alle drei Frauen gehören zur Religionsgemeinschaft der Jesiden, die als konservativ und verschlossen gilt. Beziehungen sind nur innerhalb der Gruppe möglich, wer ausschert, wird verstossen. Der IS wollte die Minderheit vernichten, seine Kämpfer versklavten und vergewaltigten Tausende Jesidinnen, auch Shirin Kilo, Ghason Taha und Nadia Murad. Doch allen dreien gelang die Flucht.

Tradition bremst das neue Leben

Ihre Leben entwickelten sich unterschiedlich, als sie kurze Zeit später nach Deutschland kamen. Nadia Murad reist heute um die Welt, als Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel, sie trifft US-Vizepräsident Mike Pence in Washington oder Staatschef Emmanuel Macron in Paris.

Das neue Leben begann auch für sie in Baden-Württemberg. Wie Ghosan Taha und Shirin Kilo landete sie dort im Frühjahr 2015 mit einer Chartermaschine. Als Ministerpräsident Winfried Kretschmann Ende 2014 von den Gräueltaten des IS hörte, entschied er, dass sein Bundesland helfen müsse. Psychologen- und Ärzteteams wählten 1100 jesidische Frauen und Kinder im Nordirak aus, denen man im deutschen Südwesten eine Therapie ermöglichen und ein Bleiberecht geben wollte. 95 Millionen Euro zahlte Baden-Württemberg dafür.

Nadia Murad lebte zunächst in einem Heim in Heilbronn. Dort begann sie, öffentlich über das Erlebte zu sprechen. Schon bald trat sie nicht mehr nur in Baden-Württemberg auf, sondern berichtete vor der UNO in New York von ihrem Schicksal, ohne die grausigen Details wegzulassen. «Meine Geschichte ist meine stärkste Waffe», sagt sie.

Ohne Angehörige ist es für die Frauen im Westen auf gewisse Weise einfacher.

Am 10. Dezember wird Nadia Murad im Rathaus von Oslo stehen, um den Nobelpreis entgegenzunehmen. Ghason Taha und Shirin Kilo wollen sich die Übertragung ansehen, in ihre Freude werden sich aber auch ungute Gefühle mischen: Wut über einen Bescheid bei Shirin Kilo, der ihr die Abschiebung androht. Angst vor einem neuen Asylverfahren bei Ghason Taha.

«Ich habe Nadia sofort gratuliert», sagt Shirin Kilo. «Früher hat sie in Kojo oft bei uns übernachtet.» Die beiden sind Jahrgang 1993, hatten ähnliche Träume. Kilo wollte einen Coiffeursalon eröffnen, Murad ein Kosmetikstudio. Am 15. August 2014 aber begann der Albtraum. Nach einwöchiger Belagerung stürmte der IS Kojo, richtete die Männer hin, versklavte die Frauen.

«So traurig das ist: Nadia hat es heute auf gewisse Weise einfacher», sagt Kilo. «Sie muss auf niemanden mehr Rücksicht nehmen, ihre Angehörigen sind alle tot.» Kilo steht wie viele andere Jesidinnen vor einem Dilemma. Die Chancen, die ihr Deutschland bietet, traut sie sich nicht, voll zu nutzen. Noch immer halten sie die sozialen Normen der jesidischen Gemeinschaft davon ab, ein neues, freies Leben zu führen. Auch deshalb will sie anonym bleiben.

23 Tage im Versteck

Die Jihadisten des IS zeigten bei ihren Verbrechen in Kojo Standesdünkel. Weil die Familie Kilo als vornehm galt, war sie dem ranghöchsten IS-Mitglied vorbehalten: Abu Muslim al-Turkmani hiess der Mann, das weiss Shirin Kilo, weil er seinen Ausweis herumliegen liess. Nachdem er ihren Vater erschossen hatte, nahm er die fünf Töchter als Beute mit nach Mosul, die Millionenstadt im Nordirak. Hier residierte der ehemalige Offizier im Militärgeheimdienst von Saddam Hussein in einer beschlagnahmten Villa.

Um die jüngeren Schwestern zu schonen, nahmen es Shirin und die älteste auf sich, zu Turkmani zu kommen, wenn der nicht schlafen wollte. Manchmal fasste er sie nicht an, sondern zwang sie, IS-Videos anzuschauen, in denen Frauen geschändet oder Männer enthauptet werden. Er gab damit an, den Vater der Mädchen umgebracht zu haben, drohte, auch die Mutter zu töten.

Den Schwestern gelang nach acht Tagen die Flucht, als Turkmani zu einer Besprechung musste. Ein Taxifahrer brachte sie in ein Viertel, das der IS kaum kontrollierte. 23 Tage versteckten sie sich, dann holte sie ein Onkel ab.

Noch 3000 Frauen sind gefangen

Ghason Taha, das rothaarige Mädchen aus Freiburg, wurde mehrfach von IS-Kämpfern verkauft, zuletzt an einen Arzt aus Saudiarabien, der beim IS wohnte. Auch sie konnte mit anderen Jesidinnen fliehen, zu Fuss schlug sich ihre Gruppe in stundenlangen Märschen nach Norden in Richtung Türkei durch.

Nadia Murad, die UNO-Botschafterin, entwischte ihrem Peiniger, als der ihr einen Ganzkörperschleier kaufen wollte. Männer wie ihn will sie vor dem Internationalen Strafgerichtshof sehen. Murad kämpft dafür, dass die Verbrechen des IS gegen ihr Volk als Genozid anerkannt werden. Im August 2014 töteten die Terroristen des IS jeden jesidischen Mann, den sie fanden, mehr als 3000. Die Knaben wurden zwangsrekrutiert. Ob auch ihr Bruder Faris für den IS in den Tod gehen musste? Shirin Kilo und ihre Schwestern wissen es nicht, denken aber täglich darüber nach. Die vier Älteren haben sich Faris’ Namen in geschwungenen Buchstaben auf den Handrücken stechen lassen. Von den etwa 7000 verschleppten Jesidinnen befinden sich noch mehr als 3000 in der Gewalt der Jihadisten, irgendwo in den letzten Rückzugsgebieten.

Familiennachzug? Nicht für sie!

Vielleicht lag es an der Gründlichkeit, mit welcher der IS tötete, vielleicht musste es einfach schnell gehen, als Baden-Württemberg den rechtlichen Rahmen für das Sonderkontingent ausarbeitete: An eine unkomplizierte Regelung für den Familiennachzug scheint damals niemand gedacht zu haben.

Ihr Vater, sagt Ghason Taha heute, sei an jenem 15. August 2014 mit fast 100 anderen Männern an einer Grube aufgereiht worden. Er fiel hintenüber, als ihn die Schüsse trafen, lange lag er zwischen den steif werdenden Leichen und wartete auf den Tod. Doch als es dunkel wurde, lebte er noch immer. Mit mehreren Kugeln in seinem Körper sei er aus der Grube geklettert. Das erzählte der Vater Ghason Taha später. Am Telefon – zu ihr nach Deutschland darf er nicht kommen. Dabei wolle jeder Mensch seinen Papa neben sich haben, sagt Taha.

Auf die Freude mancher Jesidinnen, dass ein totgeglaubter Verwandter überlebt hatte, folgte oft der Frust, den Sohn oder den Ehemann nicht in die Arme schliessen zu können. Doch plötzlich kursierte in der jesidischen Gemeinde ein Gerücht: Wer seinen Status als Flüchtling des Sonderkontingents aufgibt und einen normalen Asylantrag stellt, bekommt den bewilligt – und kann Verwandte nachholen. Ghasons Tahas Vater hörte das im Nordirak und beauftragte telefonisch einen Anwalt in Freiburg, um das Nötige in die Wege zu leiten. Shirin Kilos grosse Schwester, deren Ehemann ebenfalls überlebt hat, versuchte es ebenso. Mit fatalen Folgen.

«Ohne Papa zu leben, ist nicht normal»

Die Ablehnungsbescheide erreichten die Schwestern keine drei Monate nach ihrer Anhörung. Ein Leben im Nordirak, aus dem Baden-Württemberg die Frauen retten wollte, sei zumutbar, findet jetzt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Ghason Taha und die fünf Schwestern sagen, sie hätten panische Angst vor einer Abschiebung. Sie könnten nicht bei Menschen leben, die den IS unterstützt haben. Ohne männliche Verwandte hier aber auch nicht.

«Wir würden alleine zurechtkommen», sagt Shirin Kilo. «Aber unser Volk ist sehr konservativ.» Fünf Frauen allein in einer Wohnung – das gelte unter Jesiden als suspekt. Wenn aber der Ehemann der Schwester mit im Wohnzimmer sitzen würde, wäre zumindest nach aussen hin alles in Ordnung.

«Ohne Papa zu leben, ist nicht normal», sagt Ghason Taha. Um ihn nach Deutschland zu holen, hat auch sie ihr sicheres Bleiberecht aufgegeben – mit dem Resultat, dass sie vielleicht bald selbst zurück in den Irak muss.

Nadia Murad kam bisher ohne Mann gut durch ihr neues Dasein. Lange schloss sie aus, je wieder mit einem zusammenzuleben. Am 10. Dezember in Oslo wird jedoch auch ein junger jesidischer Aktivist anwesend sein, der auf den Fotos von Nadia Murad immer häufiger neben ihr zu sehen war. «Der Kampf unseres Volkes hat uns verbunden & wir werden diesen Pfad zusammen weitergehen», schrieb Nadia Murad Ende August. Seither ist die künftige Friedensnobelpreisträgerin verlobt.

Erstellt: 20.11.2018, 09:06 Uhr

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