Not okay, Millennial

Die «Generation Weichei» delektiert sich am Ausspruch «Okay, Boomer», mit dem sie Ältere in den Senkel stellt. Das ist schwach.

Wischte einen Zwischenruf mit einem «Okay, Boomer» beiseite: Die neuseeländische Abgeordnete Chlöe Swarbrick. Foto: PD

Wischte einen Zwischenruf mit einem «Okay, Boomer» beiseite: Die neuseeländische Abgeordnete Chlöe Swarbrick. Foto: PD

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Die Generation der Millennials, so war vergangene Woche an dieser Stelle zu lesen, hat ein wirkungsvolles, natürlich über soziale Medien weltweit verbreitetes und ebendort fiebrig diskutiertes Totschlagargument. Wenn die zwischen 1980 und 1995 Geborenen den sogenannten Babyboomern – also Leuten ab etwa 55 – Ich-Besoffenheit, Respektlosigkeit, Besser­wissertum und sonstige charakterliche Garstigkeiten vorwerfen wollen, verbunden mit der Botschaft, jedwede Diskussion sei Zeitverschwendung und werde deshalb beendet, noch bevor sie begonnen habe – dann schleudern sie Ergrauten den Ausspruch «Okay, Boomer» entgegen.

Zur Säulenheiligen dieser sokratischen Diskursstrategie haben die Millennials offensichtlich eine 25-jährige grüne Abgeordnete namens Chlöe Swarbrick aus Neuseeland erkoren, die während einer Debatte genau so den Zwischenruf eines älteren Ratskollegen parierte.

Ver­allgemeinerungen, Polemik und Klischees

Gegenseitige Vorwürfe zwischen Generationen gab es schon im antiken Griechenland. Sie beruhen auf Ver­allgemeinerungen, Polemik und Klischees. Sie zeigen aber auch, dass Klischees oft einen grösseren Wahrheitskern haben, als es politisch korrekt ist. Das gilt auch im Fall von «Okay, Boomer». Einem Gegner aufgrund eines rein biologischen Kriteriums die intellektuelle Satisfaktionsfähigkeit abzusprechen, bedeutet nichts anderes, als einem Bruder des Rassismus zuzuzwinkern, nämlich dem sogenannten «Ageism» – also der Diskriminierung aufgrund des Alters.

Vor allem aber dispensieren sich Millennials mit «Okay, Boomer» davon, auf Gegenargumente und Kritik überhaupt einzugehen. Und mangelnde Kritikfähigkeit – oder zelebrierte Wehleidigkeit gegenüber Widerspruch –, das ist eine geradezu klischeehafte Millennial-Attitüde.

«Generation Weichei»

In unzimperlicher Schärfe analysiert dies der amerikanische Autor Bret Easton Ellis in seinem jüngsten Buch «Weiss». Die «Generation Weichei», wie er die Millennials nennt, sei in einer vom Internet und sozialen Medien geschaffenen «Selbstdarstellungskultur» gross geworden. Ihr Traum sei das «like», ihr Trauma das «dislike», und verstärkt werde dies durch die ökonomische Unsicherheit, unter der Millennials im Unterschied zu ihren Eltern leiden. «Wenn die Welt einem kein finanzielles Polster anbot, musste man sich eben auf seine Präsenz in den sozialen Medien verlassen», schreibt Ellis.

Das «Weichei»-Etikett des Amerikaners mag auch damit zusammenhängen, dass Millennials an gewissen US-Universitäten zu wandelnden Detektoren für angebliche «Mikroaggressionen» mutiert sind und «Trigger-Warnungen» verlangen, wenn zum Beispiel in einem literarischen Werk eine Vergewaltigung vorkommt.

So weit sind wir in unseren Breitengraden noch nicht. Aber wenn auf eine berechtigte und sachlich formulierte Kritik das Gejammer ausbricht, deren «Tonfall» sei nicht in Ordnung, dann hat der Kritiker auch hierzulande ­mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Millennial ins Visier genommen.

Okay, die Millennials sind die erste Generation seit dem Holozän, die ökonomisch schlechter dasteht als ihre Eltern. Das ist ein bedauerlicher Umstand, über den man sich keinesfalls lustig machen soll. Aber müssen sich die Millennials deshalb genau so benehmen, wie es ihnen die Älteren vorwerfen?

Okay, Boomer? Not okay, Millennial.

Erstellt: 24.11.2019, 23:00 Uhr

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