Obamas letzter Kuba-Coup

Die USA lassen ab sofort keine kubanischen Flüchtlinge mehr ins Land. Das Inselvolk ist geschockt, dessen Regierung zufrieden.

Seit 1995 galt: Wer es bis ans Ufer der USA schaffte, hatte es geschafft. Diese Gruppe wurde 2003 bereits unterwegs abgefangen. Foto: Keystone

Seit 1995 galt: Wer es bis ans Ufer der USA schaffte, hatte es geschafft. Diese Gruppe wurde 2003 bereits unterwegs abgefangen. Foto: Keystone

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Die Nachricht kam aus dem Nichts und hat in Kuba wie eine Bombe eingeschlagen. Das Staatsfernsehen unterbrach sein Programm, ein Sprecher las vor, was die amerikanische und kubanische Regierungen im Stillen ausgehandelt und beschlossen haben: Die USA nehmen seit gestern Freitag keine Kubaner mehr auf, die übers Meer flüchten oder illegal via Mexiko ins Land ihrer Träume einreisen wollen. Raúl Castros Regierung hat sich im Gegenzug dazu verpflichtet, Landsleute aufzunehmen, welche die USA seit Jahren ausschaffen ­wollen, darunter viele Gesetzesbrecher. ­Kubas Regierung zeigt sich zufrieden mit dem Abkommen, sie forderte seit ­jeher, dass die USA ihre Migrations­politik ändern.

Für alle Menschen in Kuba, die nichts wie wegwollen, ist Präsident Obamas Entscheid kurz vor dessen Abgang aber ein harter Schlag. Die seit 1995 praktizierte US-Politik der «trockenen Füsse und nassen Füsse» garantierte all jenen kubanischen Flüchtlingen ein Bleiberecht, die es schafften, einen Fuss auf amerikanischen Boden zu setzen (auf dem offenen Meer aufgegriffene Bootsflüchtlinge wurden nach Kuba zurück­geschickt).

Dieses Privileg, das die USA sonst keinen anderen Einwanderern ­gewährten, animierte Hunderttausende Kubaner zur Flucht, egal wie und zu ­welchem Preis – per Floss und mit selbst gezimmerten Booten übers Meer, mit gekauften Visa und teuer bezahlten Schleppern durch halb Lateinamerika nach Mexiko in die USA. Unzählige Verzweifelte, die sich ins Meer stürzten, kenterten und starben.

Seit dem Friedensschluss mit den USA Ende 2014 ist die Zahl der Flüchtenden explodiert und hat Ausmasse erreicht wie zu Zeiten der grössten Fluchtwellen in den 60er-Jahren, 1980 und Mitte der 90er-Jahre. Der Grund, dass so viele Reissaus nahmen: Bei denen, die wegwollten, ging die Angst um, dass im Zuge der Annäherung der beiden ehemaligen Erzfeinde irgendwann Schluss sein könnte mit der US-Politik der offenen Arme. Die Stimmung auf der Insel war: Jetzt oder nie! Über hunderttausend Menschen verliessen in den letzten zwei Jahren ihre Heimat. Jetzt hat Obama die Türen geschlossen. In Ecuador, Kolumbien und Zentralamerika stecken noch Tausende Kubaner fest und wissen nun nicht, wie weiter. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.01.2017, 00:08 Uhr

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