Potsdam – zwischen Platte und Preussen

In Potsdams alter Mitte wird um jedes Gebäude erbittert gekämpft. Es geht um Preussen, die DDR und die Frage: Wem gehört die Stadt?

Das Hotel Mercure blickt über das wiederaufgebaute Stadtschloss, den Sitz des Landtages, auf die Kuppel der Nikolaikirche. Foto: Ullstein Bild, Getty Images

Das Hotel Mercure blickt über das wiederaufgebaute Stadtschloss, den Sitz des Landtages, auf die Kuppel der Nikolaikirche. Foto: Ullstein Bild, Getty Images

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Das Gebäude, das die einen für ein «Wahrzeichen» und die anderen für ein «Schandmal» halten, ist unübersehbar: ein Hotelklotz, 17 Stockwerke hässlicher Plattenbau, vom DDR-Regime einst als «sozialistische Stadtkrone» direkt an die Havel gebaut. Damals ein Interhotel, heute ein französisches Mercure. Gleich gegenüber liegt einer der einstmals schönsten Barockplätze Europas: der Alte Markt, von den preussischen Königen im 17. und 18. Jahrhundert nach dem Vorbild der barocken italienischen Piazze erbaut.

Grünblau strahlt die gewaltige Kuppel der Nikolaikirche, rot schimmert die Fassade des ehemaligen Stadtschlosses, elegant prangen der Turm des Alten Rathauses mit der goldenen Atlas-Skulptur und der im Endausbau befindliche Barberini-Palast. Auf der West- und Nordseite des Platzes gammeln derweil eine Fachhochschule und eine Wohnkaserne aus der DDR-Zeit vor sich hin. Platte und Preussen in Frontalkollision.

An den Rändern der Stadt ist Potsdam unermesslich reich an preussischen Schlössern und Gärten.

Kann das weg? Muss das wieder her? Das sind die Fragen, um die die Bürger Potsdams seit der Wiedervereinigung Deutschlands erbittert kämpfen. An den Rändern der Stadt ist Potsdam unermesslich reich an preussischen Schlössern und Gärten, von Sanssouci bis Babelsberg. Aber im einstigen historischen Zentrum klaffte ein Loch. Ein britischer Luftangriff drei Wochen vor Ende des Zweiten Weltkrieges hatte die preussische Mitte nahezu ausgelöscht, wahrscheinlich mit Absicht. Was übrig blieb, wurde vom DDR-Regime mehrheitlich gesprengt, weil es angeblich die Errichtung einer «sozialistischen Musterstadt» behinderte.

Nach der Wende folgte die Befreiung – oder die Revanche, je nach Standpunkt. Das demokratisch gewählte neue Parlament das Bundeslandes Brandenburg beschloss, sich dem «historisch gewachsenen Stadtbild» wieder anzunähern. Die einen verstanden darunter, die verlorene alte Mitte als preussische wiederaufzubauen. Die anderen argwöhnten, damit solle vor allem die DDR-Vergangenheit ausgelöscht werden.

Was übrig blieb, wurde vom DDR-Regime mehrheitlich gesprengt, weil es angeblich die Errichtung einer «sozialistischen Musterstadt» behinderte.

Ein Vierteljahrhundert später haben sich die «Preussen» weitgehend durchgesetzt. Das prächtige Stadtschloss ist wiederaufgebaut worden und beherbergt seit 2014 das Landesparlament, den Landtag. Der Barberini-Palast erhält seine ursprüngliche Form zurück, der Alte Markt ist wieder als der majestätische Platz erkennbar, der er einstmals war. «Ich bin begeistert. Das Ergebnis ist grossartig», schwärmt die Sängerin Barbara Kuster von der Bürgerinitiative «Mitteschön», die sich seit Jahren für den Wiederaufbau einsetzt. Die alte Mitte Potsdams sei eben kein Ort wie jeder andere. «Diese Einzigartigkeit müssen wir unbedingt bewahren – oder wiederaufbauen, wo sie verloren ging.»

Vor allem das Plattenhochhaus Mercure ist in den letzten Jahren zu einem Symbol des Widerstands geworden.

Gestritten wird freilich immer noch, vielleicht heftiger denn je. Vor allem das Plattenhochhaus Mercure ist in den letzten Jahren zu einem Symbol des Widerstands geworden, an dem sich nun fürs Erste auch die Preussenliebhaber die Zähne ausgebissen haben. Die Stadtregierung wollte das Hotel kaufen und abreissen lassen, um den historischen Lustgarten des Schlosses wiederherzustellen. Statt sich zu freuen, reagierten viele Bürger empört, sammelten Unterschriften, organisierten öffentliche Debatten, brachten verbündete Politiker in Stellung. Vor einigen Wochen endlich lenkte die Stadt ein und bot Hand für einen Kompromiss: Das Mercure bleibt, dafür dürfen die marode Fachhochschule und die Mietskaserne am Rande des Alten Markts abgerissen und die Grundstücke mit ähnlicher Nutzung neu bebaut werden.

Dabei geht es hier nur vordergründig um Architektur, Städtebau oder Ästhetik, in Wahrheit aber um Identität. Hier werden nicht nur Fragen des Geschmacks verhandelt, sondern solche der Ideologie. Entsprechend verlaufen die Fronten nicht nur zwischen DDR- und Preussen-Nostalgikern, sondern auch zwischen Alteingesessenen und Neuzuzügern, zwischen Armen und Reichen, zwischen Pöbel und Elite. Und zuweilen auch kreuz und quer.

Hier werden nicht nur Fragen des Geschmacks verhandelt, sondern solche der Ideologie.

«Alles, was mit der DDR zu tun hatte, sollte rasiert werden. Und zwar kategorisch, egal was es kostet oder wie sinnvoll es ist», sagt Hans-Jürgen Scharfenberg. «Das hat viele Bürger empört.» Der ehemalige Funktionär der DDR-Einheitspartei SED und Mitarbeiter der berüchtigten Staatssicherheit, ein freundlicher, schlauer Mann, führt die Opposition in Potsdam an. Seine Partei Die Linke ist die stärkste politische Kraft in der Stadt. Der Streit um die alte Mitte ist auch eine Privatfehde zwischen ihm und dem langjährigen sozialdemokratischen Oberbürgermeister Jann Jakobs. Die beiden seien wie Don Camillo und Peppone, spottet man in Potsdam.

Er könne mit dem Wiederaufbau des Stadtschlosses, wie er jetzt realisiert sei, gut leben, sagt Scharfenberg. Als Landtagsabgeordneter residiert er in dessen zweitem Stock jedenfalls ganz ungeniert und komfortabel. Aber beim Streit um das Mercure sei die Stimmung in der Bevölkerung gekippt. Der kleine Mann in Potsdam verstehe jedenfalls nicht, warum für Dutzende Millionen Euro ein florierendes Hotel gekauft und abgerissen werden solle, mit dem zu allem Überfluss viele ehemalige DDR-Bürger gute Erinnerungen verbinden.

«Viele Einwohner beschleicht das Gefühl, die Stadtmitte gehöre nicht mehr ihnen, sondern den Reichen, den Schönen – und den Touristen.»André Tomczak
Initiative «Potsdamer Mitte neu denken»

Für André Tomczak von der Initiative «Potsdamer Mitte neu denken» ist der Widerstand auch eine Frage der Nachhaltigkeit. Er hält es für «verbohrt», den angeblich «alten, faulen Zahn» unbedingt ziehen zu wollen. Es sei nicht alleine das Hotel, das die Wiederauferstehung des historischen Lustgartens verunmögliche, sondern ebenso sehr die sechsspurige Bundesstrasse, die die Verbindung zum Alten Markt zerschneidet. Wie Scharfenberg wehrt auch Tomczak sich dagegen, dass unter dem Vorwand des Wiederaufbaus öffentliche Ressourcen verschleudert und die Bauten der Stadtmitte an private Eigentümer verscherbelt werden. «Viele Einwohner beschleicht das Gefühl, die Stadtmitte gehöre nicht mehr ihnen, sondern den Reichen, den Schönen – und den Touristen.»

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Eine entscheidende, höchst kontroverse Rolle in der Debatte der letzten Jahre spielten prominente Neuankömmlinge: reiche Wessis, die nach der Wende aus dem lärmigen Berlin in die prächtigen Villen an den Potsdamer Seen zogen. «Ohne ihr Geld und ohne ihr Engagement wäre der Wiederaufbau von Potsdams Mitte unmöglich gewesen», anerkennt Barbara Kuster.

Der TV-Moderator Günther Jauch etwa half bei der Rekonstruktion des Fortunaportals, der Software-Milliardär und SAP-Mitgründer Hasso Plattner ermöglichte mit einer Spende von 20 Millionen Euro die Rekonstruktion der Fassade des Stadtschlosses. Er hatte der Stadt angeboten, das Mercure aufzukaufen, abzureissen und am selben Ort aus eigenen Mitteln eine Kunsthalle für seine Sammlung von DDR-Kunst zu errichten. Doch statt Dankbarkeit hagelte es Kritik. Nun entsteht sein privates Museum im Barberini-Palast.

«Das Engagement der reichen Neu-Potsdamer hat nicht nur Freude, sondern auch Allergien ausgelöst».Hans-Jürgen Scharfenberg, «Die Linke»

«Das Engagement der reichen Neu-Potsdamer hat nicht nur Freude, sondern auch Allergien ausgelöst», erklärt Scharfenberg. Viele hätten den Einsatz als gönnerisch und überheblich wahrgenommen, typisch Besserwessi halt. «Wenn Günther Jauch in Potsdam von ‹Notdurftarchitektur› spricht», schrieb der Ostberliner Autor Jochen-Martin Gutsch kürzlich im «Spiegel», «dann spüre ich sozusagen im gleichen Moment, wie das Mercure immer schöner wird. Wie ich es immer vehementer verteidigen möchte.»

Bert Nicke, der die Sanierung der alten Mitte für die Stadt plant und umsetzt, widerspricht: «Stellen Sie sich vor, ein neues Regime hätte in Venedig den Dogenpalast gesprengt und gleich daneben ein modernes Hotel gebaut. Dann stürzt das Regime, die neue Regierung will den Palast wieder aufbauen. Denken Sie nicht auch, dass das Hotel dann stören würde – egal, aus welcher Epoche es stammt, wie schön oder hässlich es ist?»

Wer auf dem neuen Alten Markt flaniert, die Gebäude, Räume und Sichtachsen studiert, ist verblüfft, wie ambivalent die Rekonstruktion wirkt: eindrücklich und schön, aber auch fassadenhaft und künstlich. «Preussisches Disneyland», lästern die Verächter. Die Einwände liegen auf der Hand. Tatsächlich sind nur die Fassaden der Gebäude preussisch. In der Hülle des ehemaligen Stadtschlosses steckt ein vollkommen modernes Parlamentsgebäude und hinter der barocken Barberini-Fassade ein Museum nach allerneustem Standard.

André Tomczak sieht den Widerspruch dialektisch: «Potsdam hat sich schon immer auf Fassaden verstanden.» Friedrich der Grosse habe den Bürgerhäusern Schmuckfassaden verpasst, um seine Hauptstadt ansehnlicher erscheinen zu lassen. Historisch gesehen, seien die Rekonstruktionen von heute sowieso Nachbauten von Nachbauten, hätten doch schon die preussischen Baumeister italienische (und andere) Vorbilder kopiert. Und bereits in der Weimarer Zeit sei der Alte Markt eine Art «preussisches Freiluftmuseum» gewesen.

Einig sind sich die Kontrahenten, dass die Debatte der Bürger um die alte Mitte die städtische Gesellschaft nicht geschwächt, sondern gestärkt hat.

Bei näherem Hinsehen reflektiert das ehemalige Schloss diesen Umstand bewusst. Der Dresdner Architekt Peter Kulka hat Wert darauf gelegt, die wenigen noch erhaltenen, zerschossenen Säulen in den Neubau der alten Fassade zu integrieren. «Ceci n’est pas un château», warnt die Potsdamer Künstlerin Anette Paul in Anlehnung an den Künstler René Magritte in grossen goldenen Lettern auf der neobarocken Fassade. Zwei aus Sanssouci entlehnte illusionäre Barocktürmchen im Innenhof vollenden die ironisierenden Zitate. In ihrer intellektuellen Souveränität und der hochwertigen Umsetzung ist die Modernisierung des preussischen Erbes auf dem Alten Markt durchaus geglückt. Das räumen selbst anfängliche Gegner ein.

Einig sind sich die Kontrahenten, dass die Debatte der Bürger um die alte Mitte die städtische Gesellschaft nicht geschwächt, sondern gestärkt hat. «Dieser Streit ist gut für die Stadt», bilanziert Scharfenberg. Alle hätten in den letzten Jahren dazugelernt, auch er. Der einflussreiche Herausgeber der «Bild»-Zeitung, Kai Diekmann, auch er ein Neu-Potsdamer, hat kürzlich demonstrativ eine Nacht im 15. Stock des Mercure verbracht, um die ostdeutsche Sicht besser zu verstehen. Danach skizzierte er den Kompromiss, auf den sich wenig später die Stadtpolitiker verständigten.

«Auf dem Alten Markt haben wir ein wichtiges Stück Erinnerungsarchitektur realisiert», resümiert Barbara Kuster, die im Potsdam der DDR-Zeit aufgewachsen ist. «Das reflektiert, dass es hier um 300 Jahre Identität geht, nicht nur um die 40 Jahre DDR.» Ihr Widerpart André Tomczak sagt: «Potsdam bleibt auf jeden Fall die Stadt Preussens. Aber es ist unerlässlich, dass auch die jüngere Geschichte der Stadt noch lesbar bleibt.»

Erstellt: 31.10.2016, 23:50 Uhr

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