Rechtsextreme in der Holocaust-Stätte

Gestern war Jair Bolsonaro da. Auch Salvini, Strache, Orban und andere Rechtsaussenpolitiker haben Yad Vashem in Jerusalem besucht. Zum Weisswaschen?

In der «Halle der Namen» in Yad Vashem hängen Tausende Fotos und Beschreibungen von 2,5 Millionen Ermordeten. Foto: Getty

In der «Halle der Namen» in Yad Vashem hängen Tausende Fotos und Beschreibungen von 2,5 Millionen Ermordeten. Foto: Getty

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Yehuda Bauer ist schnell: Egal, ob es eine E-Mail ist, eine Frage, noch gar nicht ausgesprochen, er antwortet sofort. Er ist 92 Jahre alt, in ein paar Tagen wird er 93, na und, sein Smartphone hat er immer bei sich. Seit mehr als 60 Jahren beschäftigt er sich mit dem Holocaust. Es gibt noch so viel, was zu sagen ist, was er aufschreiben muss: Er hält Vorträge, geht in Schulen, schreibt Kolumnen. Er arbeitet sich ab.

Bauers linker Arm ist gerade einbandagiert bis zu den Fingern, egal, er ist Rechtshänder. Über Gesundheitsprobleme will er nicht reden, lieber über das Buch, das er gerade herausgegeben hat: «Der islamische Antisemitismus» – für ihn «die grösste Gefahr weltweit».

Er trägt blaue Turnschuhe, geht damit zügig durch seine Wohnung in einer Seniorenresidenz in Jerusalem. Läge nicht das Krankenhaus Shaare Zedek dazwischen, könnte man von hier aus Yad Vashem sehen, Gedenk- und Forschungsstätte, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert und sie wissenschaftlich dokumentiert. Bauer wurde 1926 geboren. Als die Nationalsozialisten 1938 die damalige Tschechoslowakei besetzten, wanderten seine Eltern mit ihm nach Palästina aus.

Salvini, Strache, Orban, Bolsonaro

Wenn man ihn fragt, wie er es eigentlich findet, dass Leute wie Matteo Salvini oder Heinz-Christian Strache nach Yad Vashem kamen, dass sie dort empfangen wurden wie alle anderen, dass sie Blumen ablegten und eine Kippa trugen, als hätten sie nicht gesagt, was sie gesagt haben. Salvini, der die Sinti und Roma in Italien zählen will, oder Strache, der 2012 auf einem Burschenschafter-Ball in Wien gesagt hat: «Wir sind die neuen Juden», nachdem viele gegen den Ball protestiert hatten.

Yehuda Bauer, der in Yad Vashem gearbeitet hat, der das International Centre for Holocaust Studies dort von 1996 bis 2000 geleitet hat und immer noch berät, hat dazu einen klaren Standpunkt: «Wenn Antisemiten, autoritäre Personen und Diktatoren kommen, so sollen sie. Unser Aussenministerium ist durchaus willkommen, zu sagen, wir wollen diesen oder jenen Diktator nach Yad Vashem schicken.» Sagt er, und seine blauen Turnschuhe tanzen.

Er ist der Einzige, der sich öffentlich zu dem Thema äussert, das viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Yad Vashem umtreibt. Israels rechtsnationaler Premierminister Benjamin Netanyahu lädt rechte Politiker nach Israel ein, die natürlich auch nach Yad Vashem kommen. Dann muss die Einrichtung, die an die Ermordung der Juden erinnert, Politiker empfangen, die offen Hitler und Militärdiktaturen bewundern, die gegen Minderheiten hetzen, antisemitische Kampagnen propagieren. Besteht nicht die Gefahr, dass sich diese Politiker weisswaschen wollen? Soll man ihnen den Zutritt verwehren?

«Wenn Antisemiten oder Diktatoren kommen wollen, so sollen sie doch.» Yehuda Bauer, Historiker und Berater der Gedenkstätte Yad Vashem

Intern wird darüber in Yad Vashem heftig diskutiert. Einer sagt, er sehe einen Missbrauch der Gedenkstätte für politische Zwecke. Jemand anderes hofft auf einen positiven Erziehungseffekt.

Im Juli 2018 kam der ungarische Premierminister Viktor Orban, der den Hitler-Verbündeten Miklos Horthy als «Ausnahmestaatsmann» gelobt hatte. Es war das erste Mal, dass Demonstranten bei Yad Vashem den Weg blockierten. Sie hielten Orban Schilder mit «Schande!» entgegen und verwiesen auf seinen Umgang mit dem US-Milliardär George Soros, dem aus Ungarn geflohenen Juden; Orban hat Plakat-Aktionen gestartet gegen Soros, die Human Rights Watch an «Nazi-Poster aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs» erinnerten.

Gestern kam Brasiliens rechtsextremer Präsident Jair Bolsonaro, der offen seine Bewunderung für die Militärdiktatur seines Landes zum Ausdruck bringt. Während seiner Wahlkampagne hatte er angekündigt: «Es wird eine in Brasilien niemals gesehene Säuberung geben.» Nach der Visite bei seinem erklärten Vorbild Donald Trump in den USA und Chile ist Israel das dritte Land, das er nach Amtsübernahme besucht.

Den Zugang verweigern?

Die Diskussionen, ob man diesen Politikern den Zugang zu Yad Vashem verweigern soll, kann Yehuda Bauer nicht nachvollziehen. «Warum nicht Orban, warum nicht Bolsonaro?», sagt Bauer. Ob er nicht auch die Gefahr sehe, dass diese Politiker die Bilder, die bei ihrem Besuch in Yad Vashem gemacht werden, missbrauchen, um sich ... «Ja, natürlich», sagt er, ohne das Ende der Frage abzuwarten. «Aber das ist eine Gefahr, die man akzeptieren muss. Die Alternative, dass wir uns in irgendeiner Form verschliessen, ist viel schlimmer.»

Denn das habe man in Yad Vashem immer so gehalten: Wer auch immer kommt und sich so benimmt, wie man sich in einem Museum und einer Gedenkstätte benehmen soll, kann kommen. «Jeder», sagt Bauer, «ohne irgendwelche Einschränkungen.»

Das ist eine Position, die nicht von allen in Yad Vashem geteilt wird. Andere sind verunsichert, was sie bei Führungen überhaupt sagen dürfen: Nur die Fakten? Eine Million Menschen besuchen Yad Vashem jedes Jahr. Yad Vashem ist aber auch Bildungsinstitution; Schüler, Soldaten, Lehrer kommen, um etwas zu lernen, zu verstehen.

Das Museum in Yad Vashem durchbohrt wie ein Pfeil den Har Hasikaron, den Berg des Gedenkens. Anfang und Ende des 2005 eröffneten Gebäudes ragen schwebend aus dem Hügel heraus. «Die Ausstellung ist so gut geworden, weil meine Vorschläge abgelehnt wurden», sagt Bauer. Er wollte auch noch die Einstellung der Alliierten zu den Juden während des Zweiten Weltkriegs mit in die Ausstellung integrieren. Das ist abgelehnt worden.

Gezeigt wird jüdisches Leben aus der Vorkriegswelt bis zur Auslöschung von 6 Millionen Juden. Jeder Besucher ist gezwungen, dem Zickzackkurs durch das Gebäude zu folgen, dem Weg der Vernichtung bis zur «Halle der Namen». In einem Rundbau befinden sich Tausende Fotos und Kurzbeschreibungen von 2,5 Millionen Ermordeten.

Nur einmal hat sich Yad Vashem offen gegen die israelische Regierung gestellt.

Yad Vashem wurde am 19. August 1953 – fünf Jahre nach der Staatsgründung – durch einen Beschluss der Knesset als staatliche Behörde gegründet. 40 Prozent der finanziellen Mittel kommen vom Staat. Die Institution hat historische Forschung und Bewahrung, Aufklärung und Gedenken mit Realpolitik zu vereinbaren.

Nur einmal hat sich Yad Vashem offen gegen die israelische Regierung gestellt. Das war 2018. Yehuda Bauer klingt stolz, wenn er davon erzählt: «Sicher hat es davor Diskussionen gegeben. Aber wir mussten klar sagen, das ist falsch.» Sagt er und haut mit der Faust auf die Armlehne seines Lederstuhls.

Es ging um das polnische Geschichtsgesetz, das ursprünglich sogar unter Strafe stellen sollte, Polen eine Mitverantwortung an den nationalsozialistischen Verbrechen zu unterstellen. Als die polnische Regierung die Strafdrohung zurückzog, unterzeichneten Netanyahu und Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki eine Erklärung, in der sie «Versuche» zurückwiesen, «Polen oder die polnische Nation insgesamt für die Grausamkeiten verantwortlich zu machen, die die Nazis und Kollaborateure begangen» hatten.

Holocaust-Überlebende in Israel befürchteten, dass Polen damit aus der Mitverantwortung entlassen werde. Acht Tage dauerten die internen Diskussionen in Yad Vashem, bevor eine Erklärung veröffentlicht wurde. Man diskutierte vor allem darüber, welche Schwerpunkte man setzen solle, sagt Bauer.

Wie weiter?

Heraus kam eine Stellungnahme, in der es hiess, die Erklärung der beiden Politiker enthalte schwerwiegende Irrtümer und Täuschungen. Polnische Hilfe für Juden während des Holocaust sei relativ selten gewesen, aber Gewalt gegen Juden sei ein weit verbreitetes Phänomen gewesen. Ausdrücklich sprach sich Yad Vashem gegen Versuche aus, «das Phänomen des Antisemitismus mit dem sogenannten Antipolonismus in Verbindung zu bringen». Das war klar gegen Netanyahu, der diesen Kampfbegriff der polnischen Rechten benützt hatte.

Yad Vashem gilt als Vorbild für die 250 Holocaust-Gedenkstätten weltweit. Aber in Israel, das von der nach eigener Definition rechtesten Regierung in der 70-jährigen Geschichte des Landes geführt wird, fürchten Mitarbeiter um die Unabhängigkeit der Institution. Der Vorsitzende des Direktoriums, Avner Shalev, wurde 1993 von einer Regierung bestellt, die von der Arbeitspartei geführt wurde. Er ist 80 Jahre alt und gilt als Garant für die liberalen Prinzipien in Yad Vashem. Tritt er ab, könnte ein Nachfolger der Regierung mehr Einfluss ermöglichen.

Yehuda Bauer schaut jetzt dorthin, wo man eigentlich Yad Vashem sehen könnte. Ja, man sei sich in Yad Vashem bewusst darüber, eine Oase zu sein. Und ja, er sei sich auch bewusst darüber, dass es mehr und mehr rechts wird und illiberal in diesem Land. Was er von der Wahl am 9. April erwartet? Pause: «Eine Veränderung zum Schlechten.»

Erstellt: 02.04.2019, 18:37 Uhr

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