«Cassis wälzt die Schuld auf eine humanitäre Organisation ab»

Pierre Krähenbühl erklärt seinen Rücktritt als Generalsekretär des UNO-Palästinenserhilfswerks UNRWA. Und kritisiert Aussenminister Cassis und die USA.

Pierre Krähenbühl und Bundesrat Ignazio Cassis während eines Besuchs des UN Wadi Seer Vocational Training Center in Amman, Jordanien, im Frühling 2018. Foto: Gabriele Putzu (Keystone)

Pierre Krähenbühl und Bundesrat Ignazio Cassis während eines Besuchs des UN Wadi Seer Vocational Training Center in Amman, Jordanien, im Frühling 2018. Foto: Gabriele Putzu (Keystone)

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Nach schweren Vorwürfen ist der Genfer Pierre Krähenbühl von der Spitze des UNO-Palästinahilfswerks (UNRWA) zurückgetreten. Der Genfer steht seit Monaten unter starkem Druck. Ende Juli wurden gravierende Vorwürfe gegen ihn und die UNRWA publik. Es geht um Machtmissbrauch, Missmanagement und Vetternwirtschaft. Die Schweiz sistierte daraufhin eine Zahlung von 22,3 Millionen Franken. Krähenbühl weist im Interview die Vorwürfe gegen ihn zurück. Für seinen Rücktritt sei der politische Druck, vor allem aus den USA, verantwortlich.

Herr Krähenbühl, gemäss einem Bericht herrschen in der UNRWA Korruption und Günstlingswirtschaft. Sie selber werden beschuldigt, eine Affäre mit Ihrer Beraterin eingegangen zu sein. Ist Ihr Rücktritt ein Eingeständnis, dass die Vorwürfe zutreffen?
Nein, alle diese Anschuldigungen weise ich klar zurück. In der UNRWA gibt es keine Korruption, keinen Betrug und keine Veruntreuung von Geldern. Ich hatte auch nie ein Verhältnis mit meiner Beraterin. Das hat jetzt auch die UNO selber festgestellt. Generalsekretär Antonio Guterres hat mich Anfang Woche über den aktuellen Stand der internen Untersuchungen informiert.

Die Vorwürfe stammen von Mitarbeitern der UNRWA selber.
Der Leiter der internen Ethikkommission hat in seinem Bericht einfach die Vorwürfe und Gerüchte aufgezählt, die kursiert sind. Zwischen Gerüchten und der Realität gibt es manchmal eine grosse Lücke, so auch in meinem Fall.

Sie hätten beispielsweise private Reisen mit der Business Class über das UNRWA-Budget abgerechnet.
Ich bin nie privat auf Kosten der Hilfsorganisation gereist. Und mich für eine zu grosse Reisetätigkeit zu kritisieren, ist etwa dasselbe, wie wenn sie einen Radrennfahrer dafür kritisieren, er würde zu viel Velo fahren. Die Reisen sind für meine Tätigkeit essenziell. Ich musste Millionengelder gewinnen und habe Präsidenten, Minister und den Papst getroffen. Es ist egal, ob diese Vorwürfe in dem Bericht stehen. Sie sind falsch. Punkt.

Wieso sind Sie denn zurückgetreten?
Es gab politische Angriffe auf die UNRWA, wie ich sie noch nie erlebt habe. Die USA haben Anfang 2018 vom einen Tag auf den anderen Gelder von 300 Millionen US-Dollar gestrichen. In diesem Jahr waren es nochmals 60 Millionen.

Gab es Gönnerstaaten, die direkt Ihren Rücktritt gefordert haben?
Die USA haben die Untersuchung gegen mich genutzt, um gegen die Arbeit der UNRWA Stimmung zu machen. Vor dem UNO-Sicherheitsrat wurde ich auf eine Art angegriffen, wie ich es noch nie in meiner 28-jährigen Karriere im humanitären Sektor erlebt habe. Es war nicht mehr im Interesse der Organisation, weiterzumachen. Der Druck wurde zu gross.

Auch die Schweiz hat im Sommer Zahlungen in Millionenhöhe sistiert.
Ja, zusammen mit den Niederlanden und Belgien. Für mich als Schweizer war das natürlich besonders enttäuschend. Aber schlussendlich war das eine Reaktion auf die negative mediale Berichterstattung, nachdem die falschen Vorwürfe gegen mich publik wurden.

Aber schon vorher hat Aussenminister Ignazio Cassis die UNRWA hart kritisiert. Er sagte, das Hilfswerk sei «Teil des Problems» im Nahen Osten.
Er hat als Frage formuliert, ob die UNRWA nicht Teil des Problems sei. Weil er selber keine Lösungen für den Nahostkonflikt hat, wälzt er die Schuld auf eine humanitäre Organisation ab. Das ist ein Muster, das ich auch von vielen anderen Politikern kenne.

Lehrer der UNRWA wurden überführt, wie Sie sich in sozialen Medien antisemitisch geäussert haben. Das trägt wohl nicht zum Frieden bei.
Wir stellen 22’000 Lehrer an. Sie arbeiten in Konfliktgebieten wie Aleppo, Damaskus oder dem Gazastreifen. Der grosse Teil von ihnen ist engagiert und würde sich nie rassistisch äussern. Bei einigen wenigen gab es ein Fehlverhalten. Ich habe dies schon von Anfang an bekämpft.

Ist denn die UNRWA Teil des Problems?
Nein, auf keinen Fall. Wir haben im ganzen Nahen Osten zweieinhalb Millionen Schülerinnen und Schüler ausgebildet. Herr Cassis formuliert seine Kritik oft in Fragen. Ich würde ihm auch gerne eine Frage stellen: «Welche Schulen würden Kinder und Jugendliche im Gazastreifen besuchen, wenn die UNRWA ihre Schulen schliessen muss?» Es wären die Schulen der Hamas, und ich kann mir nicht vorstellen, dass dies im Interesse der Schweiz wäre. In den UNRWA-Schulen dagegen werden auch Menschenrechte, Toleranz und Konfliktresolution unterrichtet.

Erstellt: 07.11.2019, 17:51 Uhr

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