Gegen Trump, Putin und «all die anderen Schlawiner»

Es gibt wohl keinen Ort, der weniger für einen G-20-Gipfel geeignet ist als Buenos Aires. Unterwegs mit einer 88-jährigen Rebellin.

«Es gibt nur eins: ab auf die Strasse!»: Nora Cortiñas (Mitte) beim wöchentlichen Protestumzug auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires. Foto: Eitan Abramovich (AFP)

«Es gibt nur eins: ab auf die Strasse!»: Nora Cortiñas (Mitte) beim wöchentlichen Protestumzug auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires. Foto: Eitan Abramovich (AFP)

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Gerade eben war Nora Cortiñas noch bestens gelaunt, sie hat aus ihrem Leben erzählt und sehr ansteckend gelächelt. Jetzt wirkt sie beleidigt, fast fassungslos. Dabei hat man ihr doch nur eine naheliegende Frage gestellt: Ob sie mit ihren 88 Jahren nicht allmählich genug hat vom ständigen Demonstrieren? Bevor sie antwortet, schwingt Cortiñas ihren Gehstock wie einen Baseballschläger durch die Luft. Dann sagt sie mit einer Empörung, die offenbar von Herzen kommt: «Was soll ich denn sonst tun? Zu Hause bleiben, stricken und beten? Dann werde ich ja alt.»

Auch vor dem heute beginnenden G-20-Gipfel ist sie in den Strassen von Buenos Aires unterwegs. Es gibt immer einen Grund, um sich aufzuregen in dieser Stadt. Da müssen nicht erst Donald Trump, Wladimir Putin «und all die anderen Schlawiner» kommen, um sich von 22'000 Polizisten in ihrem Konferenzzentrum einigeln zu lassen. Dagegen, sagt Cortiñas, gebe es nur eins: «Widerstand».

Bis im April 1977 führte Nora Cortiñas das Leben «einer ganz normalen Hausfrau». Fragt man sie heute, wann sie das letzte Mal einen ganzen Tag lang zu Hause war, antwortet sie: «Och, das muss damals im April gewesen sein, vor fast 42 Jahren.» Da verschwand ihr Sohn Gustavo.

Jede Woche – seit 1977

Er verliess am 15. April 1977 an einem kühlen Morgen das Haus der Familie und kam nie wieder zurück. Es war die Zeit der argentinischen Militärdiktatur, in der das gewaltsame Verschwindenlassen von tatsächlichen und vermeintlichen Regimegegnern, von Männern und Frauen, Jugendlichen, Kindern und Säuglingen zur Staatsräson gehörte. 30'000 Menschen insgesamt. Der 15-jährige Gustavo war in der peronistischen Jugendbewegung aktiv. Was genau mit ihm passiert ist, wurde nie geklärt.

Am 30. April 1977 verabredete sich Nora Cortiñas erstmals mit 13 anderen Müttern, die ihre Kinder suchten, auf der Plaza de Mayo im Zentrum von Buenos Aires. Sie hielten eine Mahnwache und wurden dabei beschimpft. Sie beschlossen, trotzdem wiederzukommen. Seither marschieren die «Madres de la Plaza de Mayo» jeden Donnerstag, um 15.30 Uhr, im Kreis um den Platz herum. Sie kommen bei Wind und Wetter, seit vier Jahrzehnten, egal, wer in Argentinien gerade regiert.

Ihre weissen Kopftücher sind inzwischen ein international bekanntes Symbol des Widerstands. Sie waren einst deutlich mehr als 14 Frauen, aber die Gruppe wird tendenziell immer kleiner – einige sind schon weit über 90 Jahre alt. Es handelt sich auf jeden Fall um eine der ausdauerndsten Protestbewegungen weltweit. Am Vortag des G-20-Gipfels findet ihr Marsch Nummer 2120 statt.

Mehr als zweitausend Mal hat Nora Cortiñas an Donnerstagnachmittagen demonstriert. Aber das ist noch längst nicht alles. Überall, wo das Unrecht angeprangert werden muss in Argentinien, trifft man diese Frau. Sie kämpft gegen den Machismus, gegen die Entlassungen von Fabrikarbeitern, gegen die Rentenreform, gegen den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft, gegen die Verseuchung des Trinkwassers und jetzt natürlich auch gegen G-20.

«Heute gibt es in Argentinien mehr Hunger als am Ende der Diktatur.»Nora Cortiñas

Unter Präsident Mauricio Macri, einem Multimillionär, gelte es besonders viel zu verteidigen. Weil er, wie Cortinãs sagt, «in fast religiöser Art das Diktat des Internationalen Währungsfonds befolgt», weil er dafür «Millionen Argentinier in die Armut stürzt». «Heute gibt es in Argentinien mehr Hunger als am Ende der Diktatur», sagt Cortiñas.

Spätestens jetzt wird es Zeit, mit ihr über Hamburgo zu reden. Über jene deutsche Stadt, die den vorangegangenen G-20-Gipfel ausgerichtet hat und dabei eine beispiellose Krawallnacht erlebte, mit brennenden Autos, Wasserwerfern, Tränengas und vielen Verletzten. Als der schwarze Rauch verzogen war, blieb die Erkenntnis: dass solche Veranstaltungen mitten in einer Grossstadt eigentlich nichts verloren haben.

Wenn man sich damals vor die Weltkarte stellte und sich fragte, welcher Ort sich wohl am allerwenigsten für den nächsten G-20- Gipfel eignen würde, hätte man ziemlich schnell auf Buenos Aires kommen können. Aber genau hier findet er jetzt statt.


Video – Superclásico zwischen Boca Juniors und River Plate verschoben


Buenos Aires ist eine Stadt, in der die Widerspenstigkeit zum Lokalstolz gehört. Niemand demonstriert so gerne gegen «die da oben», gegen die Globalisierung, den Freihandel und alles, was damit zusammenhängt, wie die Argentinier. Da werden bei deutlich kleineren Anlässen als einem Trump-Besuch Hunderttausende mobilisiert. «Wenn man sich in diesem Land Gehör verschaffen will, gibt es nur eins: ab auf die Strasse!», sagt Cortiñas.

In Buenos Aires werden keine Massenkundgebungen angemeldet, sie finden einfach statt. Bemerkenswert ist auch die sprachliche Vielfalt der Protestkultur. Man sagt hier nicht einfach «Demo», sondern differenziert nach Widerstandstaktiken. Beim «Cacerolazo», dem grossen Pfannenschlagen, wird lärmend Empörung zum Ausdruck gebracht. Beim «Milongazo» tanzten die Menschen gegen die Schliessung von Tango-Tanzlokalen an. Beim «Tetazo» zeigen Frauen ihre Brüste, um sich gegen das Oben-ohne-Verbot an Stränden zu wehren. Ruhiger und gesitteter geht es bei den «Vigilias» zu, bei denen das Volk von der Strasse aus die Entscheidungen der Politiker im Kongress überwacht. Die grossen Generalstreiks, die das ganze Land lahmlegen, heissen «Paros», und die kleinen Strassenblockaden «Piquetes».

Im chaotischen Verkehr von Buenos Aires kann ein einziges blockiertes Strässchen schon eine immense Wirkung entfalten. Mal stecken die Staatsbediensteten, mal die Gewerkschaften, mal die Nachbarschaftsvereinigungen dahinter, sicher ist nur: Irgendwer blockiert immer irgendwo irgendwas. Die Agentur Diagnóstico Político hat im ganzen Land etwa 50'000 Piquetes in den vergangenen zehn Jahren gezählt. 2017 waren es alleine in der Hauptstadt 849. Mehr als zwei pro Tag.

Bleibt alle zu Hause!

Was dieses Volk so wütend macht, deutlich wütender zum Beispiel als die benachbarten Brasilianer, die ja auch einiges zu meckern hätten? Vielleicht liegt es an der Diskrepanz zwischen dem, was Argentinien sein könnte, und dem, was es ist. Der Sozialaktivist und Schriftsteller Juan Grabois beschreibt seine Heimat so: «Dritte-Welt-Land mit französischem Duft».

Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte Buenos Aires zu den reichsten Flecken der Erde. Aus heutiger Sicht wirkt das so lächerlich wie der berühmte Spruch des dreimaligen Präsidenten Juan Domingo Perón: «Was eine argentinische Familie in den Müll wirft, davon können fünf Familien in Europa überleben.» In einer bizarren Abfolge von Krisen hat sich Argentinien in die Bedeutungslosigkeit manövriert. Die Sehnsucht nach vergangener Grösse aber ist zum Leitmotiv dieser Gesellschaft geworden.

Das ganze Regierungsprogramm von Präsident Macri ist darauf ausgelegt, Argentinien zurück in den Kreis der Weltmächte zu führen. Dieser Gipfel, einer der aufwendigsten und teuersten in der Geschichte dieses Landes, ist Macris Chance, es allen zu beweisen. Dafür dürfen sich aber auf keinen Fall die Hamburger Szenen wiederholen. Oder noch schlimmer: die Bilder vom vergangenen Samstag in Buenos Aires.

Sie würde nie einen Polizisten angreifen. Aber ihn «hijo de puta» zu nennen, hält sie für legitim.

Es war der Tag, an dem der argentinische Fussball kurz davor stand, endlich mal wieder in seinem ganzen Stolz wahrgenommen zu werden: River Plate gegen Boca Juniors, die beiden Grossclubs der Hauptstadt, im Endspiel um die Copa Libertadores, die südamerikanische Champions League. Daraus wurde dann aber nur das grösste Finale, das nie stattfand, weil Hooligans von River den Mannschaftsbus von Boca mit Steinen angegriffen hatten. Macri muss sich seitdem verspotten lassen, wie sein Land eigentlich einen G-20-Gipfel über die Bühne bringen will, wenn es nicht einmal fähig ist, ein Fussballspiel auszurichten.

Nora Cortiñas ahnt, was das für dieses Wochenende bedeuten dürfte: noch strengere Sicherheitsvorkehrungen, noch mehr abgesperrte Strassen, noch aggres­sivere Polizisten. Seit Donners­tagabend gilt in Buenos Aires der Ausnahmezustand. Busse, U-Bahnen und Nahverkehrszüge stehen still, der Stadtflughafen wird gesperrt, die Fährverbindung nach Uruguay sind ausgesetzt. Im Zentrum der Stadt herrscht ein Versammlungsverbot. Der Freitag wurde zum Feiertag erklärt. Klare Botschaft: Bleibt alle zu Hause.

Das Finale des Jahres

So weit kommts noch! Nora Cortiñas will heute in der ersten Reihe der grossen G-20-Gegendemo marschieren, mit Kopftuch und Stock. Sie sagt zu ihren Begleitern: «Vergesst nicht, feuchte Tücher, Milch und Zitronen mitzubringen, für den Fall, dass es einen Tränengasangriff gibt.» Man kann sich also doch noch auf eine Art Endspiel in Buenos Aires gefasst machen. Es wird das Finale des Jahres um die Macht der Bilder. Setzen sich die 20 Staatschefs durch, die von einer hochgerüsteten Armee bewacht werden, oder das Protestbündnis, das von einer alten Frau angeführt wird?

Beide Seiten versichern, dass sie gewaltlos vorgehen wollen. Und die 88-jährige Nora Cortiñas hört man jetzt tatsächlich sagen, dass sie niemals einen Polizisten angreifen würde. Aber «hijo de puta» rufen, Hurensohn, und zwar aus voller Kehle, das hält sie für eine durchaus legitime Protestform. Sie sagt: «Ich bin eine Mutter, aber sicher nicht Mutter Teresa.»

Erstellt: 30.11.2018, 08:36 Uhr

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