Trauer um den «kosovarischen Mandela»

Adem Demaçi ist tot. Er war ein unerschrockener Kritiker der serbischen Repression gegen die Kosovo-Albaner.

Verbrachte knapp 30 Jahre im Gefängnis: Adem Demaçi, hier bei einer Pressekonferenz 1999, ist mit 82 Jahren gestorben.

Verbrachte knapp 30 Jahre im Gefängnis: Adem Demaçi, hier bei einer Pressekonferenz 1999, ist mit 82 Jahren gestorben.

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Zuletzt war es still um ihn geworden. Der kleinwüchsige Mann hatte die Stimme verloren, er litt an Alterschwäche, und er konnte nicht mehr lesen und schreiben. Als am Donnerstagabend bekannt wurde, dass Adem Demaçi im Alter von 82 Jahren seinen Leiden erlegen sei, erhoben sich die kosovarischen Parlamentarier zu einer Schweigeminute von ihren Sitzen. Anschliessend riefen die Behörden eine dreitägige Staatstrauer aus.

Mit Adem Demaçi verliert Kosovo eine Symbolfigur des Kampfes für die Freiheit und Unabhängigkeit. Der Schriftsteller und Publizist verbrachte insgesamt 28 Jahre in jugoslawischen Gefängnissen. In den internationalen Medien wurde er deshalb «Nelson Mandela der Kosovo-Albaner» genannt. Er kam kurz vor dem Zerfall Jugoslawiens Ende der 80er-Jahre frei. Erstmals verhaftet wurde Demaçi 1958, nachdem er die Aussiedlung und die Vertreibung der Albaner aus Jugoslawien in die Türkei kritisiert hatte. In seinem Roman «Blutschlangen» geisselte der linke Autor zudem die tödliche Tradition der Blutrache unter den Albanern.

Zum zweiten Mal landete er Mitte der 60er-Jahre im Gefängnis, als er mit einem bewaffneten Aufstand gegen die serbische Repressionspolitik drohte. Damals forderte er sogar die Vereinigung der albanisch besiedelten Gebiete in Jugoslawien mit dem «Mutterland Albanien». Als er 1976 zum dritten Mal eingekerkert wurde, war er ein fast blinder Anhänger des albanischen Diktators Enver Hoxha. Bei einem Besuch in Albanien 1991 entdeckte er nicht das kommunistische Paradies, sondern nur Trümmerlandschaften. Er sagte: «Warum bin ich nicht im Gefängnis gestorben mit meinen Illusionen?»

Norwegische Politiker schlugen Adem Demaçi für den Friedensnobelpreis vor.

Im Gefängnis habe er sich nicht nur mit Insekten befreundet, sondern auch mit jugoslawischen Dissidenten, so Demaçi. Er irritierte viele Landsleute, als er in den 90er-Jahren die Serben als «Brüder» bezeichnete und den Vorschlag einer Balkan-Föderation aus Serbien, Montenegro und Kosovo entwickelte. Auch das serbische Volk sei Opfer der skrupellosen Politik des Gewaltherrschers Slobodan Milosevic, erklärte Demaçi oft.

Seine Auftritte und Streitgespräche mit Belgrader Politikern in den 90er-Jahren waren legendär. Damals dokumentierte er mit seinem Menschenrechtsrat die serbische Repression in Kosovo. Für sein Engagement erhielt er den Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments und wurde von norwegischen Politikern für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Ein lebhafter Mann mit dicken Brillengläsern

Als der gewaltfreie Widerstand gegen die serbische Unterdrückungspolitik ausser lobenden Worten aus dem Westen nichts brachte, schlug Demaçi zunehmend radikale Töne an. Er kanzelte den gewählten Präsidenten der Kosovo-Albaner, Ibrahim Rugova, als «Präsidentendarsteller» ab – und wurde 1998 überraschend Sprecher der kosovarischen Befreiungsarmee UÇK. Die Freiheit könne man nicht mit Papieren, sondern nur mit Blut erringen, sagte der lebhafte Mann mit den dicken Brillengläsern, der in Interviews wild mit den Händen gestikulierte.

Anfang 1999 blieb er den Friedensverhandlungen zwischen Pristina und Belgrad im französischen Rambouillet fern. Demaçi lehnte eine Autonomie Kosovos innerhalb Serbiens ab, wie sie von der internationalen Gemeinschaft gefordert wurde. Mehrere UÇK-Kommandanten, darunter auch der heutige Staatschef Hashim Thaci, unterzeichneten das umstrittene Dokument – nachdem ihnen versprochen wurde, dass die Nato-Truppen in Kosovo stationiert würden. Serbien lehnte das Abkommen ab und setzte die Unterdrückung der Albaner fort. Ende März 1999 griff die Nato in den Konflikt ein und vertrieb die serbische Armee und Polizei aus Kosovo.

Nach dem Krieg war Demaçi einer der wenigen Politiker der Kosovo-Albaner, der sich für die Rechte der serbischen Minderheit einsetzte und Racheaktionen ablehnte. Doch nun hatten die jungen Rebellen die Macht übernommen, Demaçis Stimme blieb meist unerhört. Er wandte sich enttäuscht von der Politik ab und zeigte vor allem für die beruhigende und ausgleichende Wirkung des Yoga ein grosses Interesse. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2018, 09:59 Uhr

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