Trumps Iran-Fieber und die Parallelen zu 2003

Die US-Eskalation gegen den Iran lässt Erinnerungen an Bushs Intervention im Irak wach werden: Auch damals wurde ein Krieg an den Haaren herbeigezogen.

Ein Krieg, den George W. Bush und seine Hardliner unbedingt wollten: Rauch steigt auf nach einem amerikanischen Raketenangriff auf das Handelsministerium in Bagdad. (20. März 2003)

Ein Krieg, den George W. Bush und seine Hardliner unbedingt wollten: Rauch steigt auf nach einem amerikanischen Raketenangriff auf das Handelsministerium in Bagdad. (20. März 2003) Bild: Jerome Delay/AP Photo

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Das Iran-Fieber der Regierung Trump steigt kontinuierlich an; schon werden in Washington bedenkliche Parallelen zum Fiasko der US-Intervention in Saddam Husseins Irak vor 16 Jahren sichtbar. Waren es damals vermeintliche Massenvernichtungswaffen, so sind es nun Teherans Raketen, die Einmischung der Ayatollahs in Syrien, im Irak und im Jemen sowie Donald Trumps irrige Überzeugung, der Iran habe das 2015 abgeschlossene Atomabkommen gebrochen und befinde sich auf dem Weg zur Bombe.

Zum 40. Jahrestag der islamischen Machtübernahme in Teheran liess Trumps Sicherheitsberater John Bolton, ein ausgewiesener Superfalke, den obersten Religionswächter Ayatollah Khamenei per Twitter-Video wissen, «allzu viele Jahrestage» werde er nicht mehr erleben. Die Drohung illustriert die Obsession der Trump-Administration mit dem Iran ebenso wie die seltsame Anti-Teheran-Konferenz vergangene Woche in Warschau.

Netanyahus Lust auf Krieg

Aussenminister Mike Pompeo war dabei, desgleichen der israelische Premier Benjamin Netanyahu, der Washington liebend gern zu einem Waffengang gegen den Iran verführen möchte. Arabische Staaten und Israel seien in Warschau zusammengekommen, «um das gemeinsame Interesse eines Kriegs gegen den Iran zu fördern», twitterte Netanyahu, ehe er sich korrigierte und das Wort «Krieg» durch das Wort «Kampf» ersetzte.

Wie vor der Intervention im Irak, deren grösster Gewinner übrigens Teheran ist, blieben westeuropäische Nationen auch diesmal der amerikanischen Suche nach einer Koalition gegen einen vermeintlich hochgefährlichen Feind fern. 2002 hatte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld widerstrebend US-Verbündete wie Deutschland und Frankreich als das «alte Europa» abgetan, in Warschau nun schipperte das «neue Europa», vorneweg die nationalistischen Regierungen in Polen und Ungarn, einmal mehr brav im Schlepptau Washingtons.

Im Stil eines römischen Prokonsuls

Nur Tage später bei der Münchner Sicherheitskonferenz erteilte das «alte Europa», repräsentiert von Kanzlerin Angela Merkel, Trumps Vizepräsident Mike Pence eine Absage: Im Stil eines römischen Prokonsuls hatte Pence eine einheitliche Front gegen Teheran gefordert und verlangt, auch die Europäer müssten den Atomvertrag mit dem Iran aufkündigen.

Und wie schon 2002 sucht ein US-Präsident samt den Hardlinern in seiner Regierung erneut nach Beweisen, die es bislang nicht gibt: Als die Chefs der US-Geheimdienste bei einer Kongressanhörung Ende Januar aussagten, dass der Iran sich an die Auflagen des Atomabkommens halte und nicht nach nuklearen Waffen greife, widersprach Donald Trump: «Die Geheimdienstleute scheinen extrem passiv und naiv zu sein, wenn es um die Gefahr des Iran geht», monierte der Präsident.

In Washington sind Schreckensszenarien erwünscht

Insider in Washington berichten, der Druck auf die Dienste wachse stetig an, erwünscht seien Schreckensszenarien wie 2002. Damals log die Regierung von George W. Bush, vorneweg Vizepräsident Dick Cheney sowie der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz, über angebliche Beziehungen Saddam Husseins zu al-Qaida, auch wurde wider besseres Wissen gestreut, das Regime in Bagdad besitze Massenvernichtungswaffen.

Angehörige der US Marines beobachten die kontrollierte Explosion einer irakischen Rakete am Rande der Stadt Kut. Weil die Inspektoren der UNO den Irak wegen des Kriegs fluchtartig verlassen mussten, verloren sie einige der Raketen, die unter ihrer Aufsicht zerstört werden sollten, aus den Augen. (17. April 2003) Bild: Wally Santana/AP Photo

Nicht nur widersprachen diverse Geheimdienste in Europa dieser Behauptung. Der CIA lagen überdies detaillierte Aussagen des irakischen Aussenministers Naji Sabri sowie des irakischen Geheimdienstchefs Tahir Jalil Habbush al-Tikriti vor, die beide mit der CIA kollaborierten und die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak nachdrücklich bestritten.

Was nicht existierte, wurde erfunden

Das aber war für Cheney und die Falken unannehmbar, weshalb erfunden wurde, was nicht existierte. «Es gibt keinen Zweifel, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitzt», erklärte Cheney im August 2002. Nur sieben Monate später liess George W. Bush im Irak einmarschieren, Massenvernichtungswaffen wurden freilich keine gefunden.

Nun hat es allen Anschein, als suche auch die Trump-Administration nach einem Vorwand zu einer Eskalation gegenüber dem Iran. Der amerikanische Ausstieg aus dem Atomabkommen deutet ebenso daraufhin wie Bestrebungen, Befunde von US-Nachrichtendiensten zu beeinflussen.

Ein Konflikt als Ablenkung?

Vorstellbar wäre sogar ein Szenario, wie es 1997 der Film «Wag the Dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt» entwarf: Um von einem Sexskandal abzulenken, erfindet ein US-Präsident einen Krieg. Nur Monate nach dem Erscheinen des Films wurde Bill Clintons Sexaffäre mit Monica Lewinsky publik – und tatsächlich liess Clinton 1998 sowohl Raketen auf eine pharmazeutische Fabrik im Sudan als auch auf den Irak abfeuern. Falls Donald Trump in die Russland-Affäre verwickelt ist oder anderweitig in politischen Schwierigkeiten steckte, böte sich ein Konflikt mit dem Iran als ideale Ablenkung an. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 20.02.2019, 13:42 Uhr

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