Verweigerte Hilfe

Ebola hat in Westafrika über 11'000 Menschen getötet. Jetzt ist die Seuche wohl besiegt. Bei der Bekämpfung lief fast alles schief.

Unsichtbare Gefahr: Ein Ebolabekämpfer desinfiziert seinen Schutzanzug. Foto: John Moore (Getty Images)

Unsichtbare Gefahr: Ein Ebolabekämpfer desinfiziert seinen Schutzanzug. Foto: John Moore (Getty Images)

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Es könnte das angemessene Ende einer der grössten Tragödien der Gegenwart werden. In der guineischen Hauptstadt Conakry wurde Anfang dieser Woche die 19 Tage alte Nubia Soumah aus der Isolierstation entlassen: die letzte bekannte Erdenbürgerin, die vom Ebolavirus angesteckt worden ist. Das Baby kam in der Quarantänestation zur Welt, 5 Tage bevor seine Mutter starb. Nubia ist der einzige bereits bei der Geburt angesteckte Säugling, der das Ebolavirus überlebt hat – ein Symbol sowohl für die Trauer wie die Hoffnung, die mit der verheerendsten Ebolaepidemie der Geschichte einhergehen.

Der Erreger lebt weiter

Erstmals nach dem Ausbruch der Seuche vor fast zwei Jahren gibt es in Guinea wieder etwas zu feiern. Sollte in den nächsten sechs Wochen keine Neuinfektion auftreten, wird die WHO das westafrikanische Land als letzten der drei Ebolastaaten für seuchenfrei erklären: Dann wäre der Spuk, der mehr als 11'300 Menschen das Leben kostete, offiziell vorbei. Doch selbst dann ist weiter Vorsicht geboten, das Virus kann im menschlichen Körper «überwintern» – monatelang. Ohnehin lebt der Erreger in der Tierwelt – vor allem unter Flughunden – weiter.

Sich nie in Sicherheit zu wähnen, ist die erste Lehre, die aus dem jüngsten von über 20 Ebolaausbrüchen zu ziehen ist: Das heisst vor allem, das Gesundheitssystem eines Landes nicht auf das Niveau von Guinea, Liberia und Sierra Leone verkommen zu lassen. In den besser organisierten Staaten Nigeria und Senegal hatte das Virus genauso wenig Chancen wie in Industrieländern.

Grosses Misstrauen gegen den Staat

Die gründlich verpatzte Reaktion auf die Seuche lässt weitere Schlüsse zu. Dass die WHO versagt hat, ist bekannt. Kurz nach Ausbruch warfen die UNO-Bürokraten den Ärzten ohne Grenzen Panikmache zum Zweck der Akquise von Spendengeldern vor. Dabei hatte die Alarm schlagende Nichtregierungsorganisation vollkommen recht. Die WHO räumt ihren Fehler ein, gelobt Besserung. Gewiss wird sich viel zu schnell ein Anlass bieten, bei dem sich die WHO bewähren kann.

Auch die Regierungen der betroffenen Staaten versagten. Als sich abzeichnete, dass die Epidemie auf die Hauptstädte übergreifen würde, reagierten sie statt angemessen martialisch: Soldaten riegelten Wohngebiete und ganze Regionen ab, während man die Bevölkerung ohne ausreichende Erklärungen dazu zwang, von alten Gewohnheiten wie Begräbnisriten sofort Abstand zu nehmen. Die verunsicherte Bevölkerung reagierte trotzig: Statt sie zu melden, versteckte sie ihre Kranken und fachte die Seuche so noch weiter an. Dabei kam auch zum Vorschein, wie wenig Vertrauen Afrikaner ihren Regierungen entgegenbringen.

Wirtschaftliche Folgen

Als sich das Ausmass der Epidemie schliesslich auch im Ausland herumsprach, fielen die Reaktionen dort nicht weniger verheerend aus. Airlines stellten ihre Flüge ein (statt ihre Fluggäste auf Fieber hin zu testen), Frachter mieden die westafrikanischen Häfen. Auf diese Weise wurden die auf Hilfe angewiesenen Staaten auch noch isoliert: Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Epidemie werden in Guinea, Liberia und Sierra Leone noch über Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte zu spüren sein.

Als sich die internationale Gemeinschaft endlich statt aufs Blockieren aufs Helfen besann, kam die Hilfe auf fast lächerlicdhe Weise zu spät. Beinahe alle Isolierstationen, die US-Soldaten, Kubaner, Chinesen, Franzosen, Briten un die Bundeswehr aus dem Boden stampften, blieben leer, denn die Seuche hatte ihren Zenit zu dieser Zeit längst überschritten. Den Sanitätern blieb nichts anderes übrig, als ihre Zelte unverrichteter Dinge wieder abzubrechen: Stell dir vor, es ist Krieg, und alle kommen zu spät.

Nun haben die Industrienationen die Chance zur Wiedergutmachung. Was die ehemaligen Ebolastaaten am nötigsten brauchen, sind Hilfe beim Aufbau der zerstörten Gesundheitssysteme und Unterstützung bei der wirtschaftlichen Genesung. Bleibt zu hoffen, dass die Helfer dieses Mal nicht wieder zu spät eintreffen – nach einem neuerlichen Ebolaausbruch oder dem Kollaps der zerbrechlichen Staaten.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.11.2015, 00:03 Uhr

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