Von wegen: Null Hunger

Die Zahl der Unterernährten auf der Welt steigt wieder weiter an. Es liegt an uns, dies zu ändern.

Mehr als 820 Millionen Menschen auf der Welt haben Hunger. Malawische Frauen geben Kindern zu essen. Archivbild: Henner Frankenfeld (PictureNET Africa)

Mehr als 820 Millionen Menschen auf der Welt haben Hunger. Malawische Frauen geben Kindern zu essen. Archivbild: Henner Frankenfeld (PictureNET Africa)

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Was Hunger wirklich bedeutet, wissen hierzulande nicht mehr viele. Nicht zu wissen, ob und wann es wieder etwas zu essen gibt, die eigenen Kinder hungern, vielleicht verhungern zu sehen, und dabei nicht den leisesten Hauch einer Hoffnung zu haben: Das ist für mehr als 820 Millionen Menschen Alltag. Für mehr Menschen, als in ganz Europa leben.

Die Zahl ist ernüchternd, die Vereinten Nationen haben sie gerade vorgelegt. Jahrelang sank die Zahl der Hungernden in dem Masse, in dem vor allem in Asien Länder von Entwicklungs- zu Schwellenländern wurden; allen voran China. Bis der Hunger überwunden sein würde, schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Nun aber wächst er wieder, 2018 im dritten Jahr in Folge. Eines der wichtigsten Ziele der Weltgemeinschaft, «zero hunger» bis 2030, rückt in allerweiteste Ferne. Null Hunger, von wegen.

Unter den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen ist der Kampf gegen den Hunger das komplexeste und schwierigste. In keinem anderen dieser hehren Verpflichtungen spiegeln sich so viele globale und regio­nale Probleme. Die Bevölkerung in vielen Entwicklungsländern Afrikas, Südamerikas und Asiens wächst weiter – und verlangt eine stetig wachsende Erzeugung von Nahrungsmitteln. Die aber wird zunehmend schwieriger, weil der Klimawandel viele Entwicklungsländer am härtesten trifft.

Der Kampf gegen den Hunger kennt keine einfachen Antworten.

Industriestaaten greifen für ihren Konsum häufig auch auf Flächen in armen Ländern zurück, etwa für die Produktion von Viehfutter. Das macht Böden und Nahrung noch knapper. Und schliesslich verschärfen gewaltsame Konflikte das Problem, nicht selten geführt unter Hungrigen. Der Kampf gegen den Hunger kenntkeine einfachen Antworten.

Jener Teil der Welt, der sich mehr mit dem Abnehmen als mit Hunger beschäftigt, muss aber nicht hilflos zusehen; er darf es auch nicht. Entwicklungspolitik etwa muss sich mehr mit kleinbäuerlichen Strukturen befassen, sie möglichst im hergebrachten Rahmen unterstützen und behutsam modernisieren. Denn Kleinbauern sind in aller Regel weitaus anpassungsfähiger an sich verändernde soziale und klimatische Bedingungen als eine Agrarindustrie nach Vorbild des Nordens.

Sie können sich besser auf Veränderungen des Klimas einstellen. Sie wirtschaften naturnäher und damit nachhaltiger. Die deutsche Entwicklungspolitik vollzieht diesen Schwenk gerade, wenn auch langsam.

Hunger für die einen, Verantwortung für die anderen

Standards für importiertes Palmöl oder Sojafutter müssten sicherstellen, dass ihr Anbau nicht in den Herkunftsländern die Knappheit von Böden und Nahrung verschärft. Gezielter als bisher müsste sich die Entwicklungszusammenarbeit der reichen Länder mit den fragilen Staaten und ihrer Politik beschäftigen, ehe ein Land wie die Zentralafrikanische Republik durch Krieg endgültig in die Hungerkrise abrutscht.

Handelsverträge müssten es Entwicklungsländern leichter machen, eigene Produkte mit Zöllen zu schützen – um so überhaupt erst wettbewerbsfähig zu werden. Denn Nahrungsmittelimporte von global agierenden Multis wie Nestlé und Co. lösen ihre Probleme nicht, sie verschärfen sie eher. Auch eine engagierte Klimapolitik ist letztlich unverzichtbar für eine Welt ohne Hunger.

Nichts davon ist einfach, nichts garantiert, dass sich «zero hunger» bis 2030 erreichen lässt; schon gar nicht in Zeiten, in denen extremes Wetter häufiger und zerstörerischer wird. 820 Millionen Hungernde – letztlich ist das eine Botschaft aus der vernetzten Welt, in der Wohlstand und Unterernährung dicht an dicht hausen und nicht selten in direktem Zusammenhang stehen.

Für die Hungernden bedeutet dies pure Not. Für alle anderen grosse Verantwortung.

Erstellt: 16.07.2019, 21:53 Uhr

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