Was nun, Saubermann?

Michel Temer hätte nie Präsident Brasiliens werden sollen.

Im Zentrum eines Politkrimis: Brasiliens Präsident Michel Temer. Foto: AP

Im Zentrum eines Politkrimis: Brasiliens Präsident Michel Temer. Foto: AP

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Die Brasilianer gehen auf die Strasse. Seit bekannt geworden ist, dass das oberste Gericht Ermittlungen gegen Präsident Michel Temer genehmigt hat, ist es im ganzen Land zu Massendemonstrationen gekommen. Aus Rio de Janeiro wurden schwere Ausschreitungen gemeldet. Die Börse in São Paulo brach ein, erstmals seit Jahren musste der Handel ausgesetzt werden. Und mehrere Minister kündigten dem Präsidenten die Gefolgschaft. Das politische Beben trifft die neuntgrösste Volkswirtschaft der Welt in einer Phase, in der man langsam wieder aus einer tiefen Rezession herauszukommen schien. Nun droht Brasilien eine wochen- oder monatelange Lähmung des Politbetriebs.

Das Wort Impeachment geistert wieder durch die Hauptstadt, ziemlich genau ein Jahr nachdem die gewählte Präsidentin Dilma Rousseff auf diese Weise ihr Amt verloren hat. Diesmal betrifft es den Mann, der sie damals ablöste oder, wie Rousseff sagen würde, der den Putsch koordinierte: Temer, schon zuvor ein extrem unbeliebter Staatspräsident, steht im Zentrum eines Politkrimis, in dem es um abgehörte Gespräche und heimliche Geldkofferübergaben geht. Und in dem Plot ist Temer der Bösewicht. Telefonmitschnitte legen nahe, dass er versuchte, den Mitwisser eines Korruptionsnetzwerkes mit umgerechnet 150'000 Franken zum Schweigen zu bringen. Zunächst berichtete die brasilianische Zeitung «O Globo» darüber. Weil jetzt offiziell ermittelt wird, könnte es eng werden für ihn.

Temer ist die prägende Figur einer Partei, die keinen der grossen brasilianischen Skandale ausgelassen hat.

Seit Temer sein Amt mit rechtlich fragwürdigen Mitteln, aber umso grösserem moralischem Eifer übernahm, inszeniert er sich als Saubermann. Dabei konnte niemand daran glauben, dass ausgerechnet Temer Brasilien aus dem Korruptionssumpf ziehen würde, der das Land seit drei Jahren erschüttert. Er ist die prägende Figur einer Partei, die keinen der grossen brasilianischen Skandale ausgelassen hat. Wegen illegaler Wahlkampfspenden wurde ihm 2016 verboten, für öffentliche Ämter zu kandi­dieren. Staatschef wurde er trotzdem, dafür musste er ja nicht kandidieren.

Auch aus Temers bröckeliger Koalition mehren sich nun Rufe nach einem Amtsenthebungsverfahren. Besser für Brasilien wäre gewesen, wenn er dieses Amt niemals angetreten hätte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 20:15 Uhr

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