Wundertüte Olympia

Globale Aufmerksamkeit hat den Olympischen Spielen eine Wichtigkeit verliehen, die ihnen schlecht bekommt. Das war auch in Rio zu spüren.

Ob sich die olympischen Investitionen in die Infrastruktur für Rio lohnen, ist unsicher. Ein Mann verfolgt die Spiele in einer Innenstadt-Bar via TV. Foto: Urs Jaudas

Ob sich die olympischen Investitionen in die Infrastruktur für Rio lohnen, ist unsicher. Ein Mann verfolgt die Spiele in einer Innenstadt-Bar via TV. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro sind für eine Mikrominderheit bestimmt. 0,00035 Prozent aller 15- bis 44-Jährigen haben sich dafür qualifiziert, was anders ausgedrückt bedeutet: Wenn das Olympiastadion während der Sturmläufe von Sprintstar Usain Bolt jeweils mit knapp 47'000 Plätzen ausverkauft war, hätten ganze 0,16 Zuschauer im Verhältnis diese Superelite verkörpert.

Trotzdem schien die Welt in den vergangenen zwei Wochen einfach nicht den Blick von ihr abwenden zu können. Ob in der Schweiz, den USA, China oder Neuseeland, 24 Stunden am Tag berichteten die Medien über diese ersten olympischen Wettkämpfe in Südamerika, als gäbe es nicht Bedeutenderes mitzuteilen.

Diese umfassende Aufmerksamkeit hat den Spielen in den letzten Jahren eine Wichtigkeit und Macht verliehen, die ihnen schlecht bekommen. Am offensichtlichsten ist der russische Sport daran gescheitert, wie wir seit diesem Juli wissen. Er betrieb ein systematisches Staatsdoping, um gerade auch auf dieser globalen Bühne alle vier Jahre glänzen zu können.

Machiavellistische Bedeutung

Russland hat das «Fest der Jugend» auf seine machiavellistische Bedeutung reduziert, indem das Siegen alles und das Fairplay nichts ist. In der olympischen Charta, 110 Seiten dick, ist an prominenter Stelle zwar das Gegenteil zu lesen, aber weil sie für fast alles steht, steht sie auch für fast nichts. Denn ob Athleten, Funktionäre oder Gastgeber: Alle interpretieren den Sinn von Olympia so, wie es ihnen gerade passt.

Eine kreative Auslegung haben die jeweiligen Gastgeber entdeckt. Für sie dienen Spiele primär dazu, den Reformstau in ihrer Stadtinfrastruktur zu beheben. Rio investierte mehrere Milliarden Franken in eine neue Metro, in Buslinien, Strassen und Tunnel.

Warum das Veranstalten von Olympischen Spielen notwendig ist, um dringende Infrastrukturprobleme einer Stadt zu beseitigen, ist schleierhaft.

Dazu krempelte es das heruntergekommene Hafengelände komplett um. Es wird den Einheimischen nach den Spielen als Flaniermeile dienen. Während des Anlasses nennen die Organisatoren dieses neue Juwel konsequenterweise «Boulevard Olimpico», stellen Essstände, PR-Häuser der teilnehmenden Nationen darauf und offerieren den eigenen und den zugereisten Gästen täglich Konzerte. Warum allerdings das Veranstalten von Olympischen Spielen notwendig ist, um dringende Infrastrukturprobleme einer Stadt zu beseitigen, ist schleierhaft.

Dieses Vorgehen hat jedoch Tradition: Schon Tokio baute seine verbombte Stadt für die Spiele von 1964 neu auf. War eine Stadt wie Barcelona schon hingestellt, konnte sie dank Olympia immerhin so aufgefrischt werden, dass sie nachher als zwingende Tourismusdestination galt. Barcelona bekam diesen Architekturerfolg 1992 hin und ist das Vorbild der Dirigenten der Rio-Spiele. Wer beurteilen will, ob Rio die Chance im Standortwettbewerb erfolgreich nutzt, muss sich über den Wettkampfabschluss von morgen Sonntag hinaus gedulden.

Rio plante cleverer

In der Langzeitperspektive gelingt kaum einem Olympiagastgeber der Barcelona-Coup. Er ist zwar das oft zitierte Beispiel, aber die Ausnahme in einer Reihe an konträren Beispielen: London versuchte 2012, den Osten der Stadt mit seinem olympischen Park zu revitalisieren, scheint vier Jahre später aber viel weniger erreicht zu haben als erhofft. Peking baute für seine Spiele 2008 ebenfalls einen komplett neuen Park, nur um nachher zu realisieren, dass die Mehrheit der Stadien vor sich hin dämmert. Noch schlimmer erwischte es Athen, wo 21 der 22 erstellten Sportstätten für 2004 auch wegen der permanenten Finanzprobleme vergammeln.

Rio de Janeiro plante cleverer. Mehrere Stadien wurden bloss temporär hochgezogen und können rasch abgerissen werden. Ob jedoch aus dem Rest ein Sportzentrum für die Besten des Landes entsteht, darf man bezweifeln.

Schulden für die Spiele

Die Zentralregierung musste dem klammen Bundesstaat Rio de Janeiro ein Darlehen über 820 Millionen Franken gewähren, weil er über kein Geld mehr verfügt. Olympischer Negativrekord ist das dennoch keiner. Montreal, wo 1976 die Sommerspiele stattfanden, musste bis 2006 seine Schulden abtragen, weil sich die Organisatoren dermassen verkalkuliert hatten.

«Olympia kann in vielerlei Hinsicht sinnstiftend sein.»

Dafür haben die Brasilianer in einer anderen Hinsicht einen olympischen Bestwert erreicht: Viele der Grossaufträge vergaben sie an Private. Unbestrittener Gewinner ist ein lokaler Baulöwe. Er konnte der Stadt nicht nur das Land für den Olympiapark verkaufen, das der Grösse von 165 Fussballfeldern entspricht, sondern durfte auch gleich das gesamte Athletendorf für 18'000 Sportler und Betreuer bauen. Er wird es als Wohnungen für die obere Mittelklasse veräussern und dank der Spiele einen hohen dreistelligen Millionengewinn verbuchen.

Korruption im IOK

An dieser Wundertüte Olympia, bei der man nie so recht weiss, was letztlich herauskommt, naschen gerne auch die Hüter der Ringe, also die Funktionäre des Internationalen Olympischen Komitees. Am dreistesten trieb es in Rio de Janeiro ein führendes IOK-Mitglied aus Irland, das mit seinem Sohn und Zugewandten eine Million Franken durch illegale Ticketdeals gemacht haben soll, wie die brasilianische Polizei sagt. Zumindest wurde er aus seinem Hotelzimmer heraus verhaftet.

Dagegen nimmt sich das Gebaren der restlichen Olympiafamilie, die aus knapp 100 Funktionären besteht, bescheiden aus: Sie verlangt während Olympischer Spiele bloss eine eigene Fahrspur samt Limousinenservice, Fünfsternzimmer oder einen Cocktail-Empfang beim höchsten politischen Funktionsträger. Eine unbegrenzte Defizitgarantie des involvierten Staats gehört auch zu den Forderungen des IOK. Ohne sie lässt der Verein mit Sitz in Lausanne keinen Bewerber zum Kandidatenrennen zu. Trotzdem gehen dem IOK die Bewerber für die nächsten Sommerspiele nicht aus.

Denn Olympische Spiele können in vielerlei Hinsicht sinnstiftend sein.

Erstellt: 19.08.2016, 20:09 Uhr

Artikel zum Thema

Der Sport hat ein Frauenproblem

Beim 800-m-Lauf starten gleich drei Athletinnen, die ein Frauenbild jenseits der Norm verkörpern. Das steht auch für Nöte. Mehr...

Die Leichtigkeit des Star-Seins

Usain Bolt braucht die grosse Bühne, um magische Momente auf die Bahn zu zaubern. In Rio bietet sich ihm heute im 100-m-Final die nächste Möglichkeit. Mehr...

Vom Adoptivkind zum Olympiastar

Porträt Vater abgehauen, Mutter drogensüchtig: Simone Biles hatte eine harte Kindheit. Jetzt gilt die 19-Jährige als beste Turnerin aller Zeiten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Robo-Adviser gehen offline

Das Wohnzimmer staubsaugen zu lassen, ist etwas andere, als das Vermögen anzuvertrauen: Robo-Adviser in der Schweiz sind auf dem Rückzug. Die Gründe.

Kommentare

Blogs

Geldblog Sie trauen der Börsen-Hausse nicht? So gewinnen Sie beim Crash

Von Kopf bis Fuss Hausmittel gegen Husten und Halsweh

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Warten auf den Papst: Ein Mann schaut aus seinem Papst-Kostüm hervor. Der echte Papst verweilt momentan in Bangkok und die Bevölkerung feiert seine Ankunft. (20. November 2019)
(Bild: Ann Wang) Mehr...