Frankreichs Chance

Die Grande Nation hat jetzt nur zwei Optionen: Entweder sie besteht auf ihren Werte – oder sie gibt sie auf.

Gezielter Angriff auf feiernde Familien, auf Kinder und Babys: Trauernde Menschen nach dem Anschlag in Nizza. Foto: Keystone

Gezielter Angriff auf feiernde Familien, auf Kinder und Babys: Trauernde Menschen nach dem Anschlag in Nizza. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frankreich war auf dem Weg der Besserung. Dann kam Nizza, der 14. Juli. Der Anschlag am Feiertag ist eine Wende, weil er die Demokratie auf eine neue Probe stellt. Der Terror schlug in seiner eigentlichen Gestalt zu: als Steigerung des Schreckens; als Umsetzung dessen, woran sich das Vorstellungsvermögen noch nicht heran­gewagt hatte; als gezielter Angriff auf feiernde Familien, auf Kinder und Babys; als Attentat mit einem Objekt des Alltags.

Acht bis elf Monate, sagen die Experten, braucht ein Land, um sich von einem Terror­anschlag zu erholen. Frankreich wird zur kollektiven Verarbeitung keine Zeit mehr gelassen. Wenn die Franzosen aufzuatmen beginnen, wenn sich ein Ansatz von Normalität einstellt, ist der Terror wieder da. Zwischen «Charlie Hebdo» und dem Bataclan lagen neun Monate. Zwischen dem Bataclan und Nizza acht. Einem Menschen ist dieser Rhythmus an Erschütterungen nicht zuzumuten. Eine Gesellschaft trägt daran genauso schwer.

Sündenböcke gesucht

Am Morgen danach waren die politischen Folgen schon auszumachen. Vertreter der konservativen Republikaner gaben der Regierung die Schuld. Präsidentschaftskandidat Alain Juppé glaubte, sagen zu müssen, dass das Attentat mit geeigneten Massnahmen im Vorfeld hätte verhindert werden können. Marine Le Pen, Chefin des rechtspopulistischen Front National, forderte Innenminister Cazeneuve zum Rücktritt auf.

Es besteht Hoffnung, zu glauben, dass die Franzosen zu klug sind, um auf das billige Schema des Sündenbocks hereinzufallen. Denn noch mehr als die Anschläge zuvor ist Nizza eine Form des Terrors, die nicht verhindert werden kann, weil alles und jeder zur Bombe werden kann, jederzeit und überall. Er kann nicht durch den Ausnahmezustand verhindert werden, nicht durch Notstandsgesetze, nicht durch den Entzug der Staatsangehörigkeit, nicht durch den Einsatz von Reservisten, nicht durch Polizeipräsenz, nicht durch Militär und auch nicht durch Überwachungskameras, von denen Nizza mehr hat als jede andere Stadt in Frankreich. Er ist erst recht nicht zu verhindern durch die Präsenz von Soldaten mit Panzerfäusten, wie es ein Abgeordneter der Republikaner allen Ernstes gefordert hat: Wir erleben eine Form des Terrors, gegen die selbst ein Polizeistaat hilflos wäre.

So wird er zu einer doppelten Herausforderung für die Demokratie: Unsere Gesellschaft muss jetzt zeigen, was ihr ihre Werte wert sind. Sie darf jetzt Freiheit nicht für Sicherheit aufgeben. Und die Ideale von Gleichheit und Brüderlichkeit müssen stehen, trotz aller populistischen Einladungen zu Islam- und Fremdenhass. Es ist das erklärte Ziel des IS, unsere Gesellschaften zu spalten, nicht nur die französische. Sie reden vom Bürgerkrieg. Sie wollen, dass die Rechtspopulisten und Fremdenfeinde auf die Muslime losgehen. Wegen des grossen Anteils arabischstämmiger Bürger, wegen der schmerzvollen kolonialen Vergangenheit, wegen des dramatischen Versagens bei der sozialen und wirtschaftlichen Integration ist die Gefahr in Frankreich dafür besonders gross. Und die Anfälligkeit in Zeiten ökonomischer Krisen noch grösser.

Terror ad absurdum geführt

Langfristig aber werden Attentate wie das von Nizza den IS schwächen. Für «Charlie Hebdo» konnte er noch auf Sympathisanten hoffen, in den Schulhöfen der Vororte, wo man das «selber schuld» allzu oft hörte. Bei der Attacke auf die Bistros und das Bataclan verstummten diese Stimmen. Nach Nizza, wo das erste Opfer eine gläubige Muslimin war, wird die Strategie des blinden Mordens komplett ad absurdum geführt.

Frankreich hat jetzt nur zwei Optionen: auf seine Werte zu bestehen oder sie aufzugeben. Es steht viel auf dem Spiel. Deswegen ist es höchste Zeit, dass François Hollande die einzige, die grösste Chance seiner Amtszeit ergreift und die Franzosen mit ihrer kolonialen Vergangenheit versöhnt. Wie damals Jacques Chirac, der sich für die Kollaboration mit den Nazis entschuldigt hat, müsste Hollande für die kolonialen Verbrechen um Vergebung bitten. Es wäre eine gute Voraussetzung für die Einheit Frankreichs, die jetzt nötig ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2016, 18:53 Uhr

Artikel zum Thema

Blumen für die Opfer, Müllhaufen für den Täter

In Nizza wird der Ort, an dem der Attentäter starb, mit Abfall beworfen und bespuckt. Mehr...

Warum Nizza?

Die noble Riviera-Metropole ist zur Jihadisten-Metropole geworden. Experten sagen, man habe es kommen sehen. Mehr...

Wie reagiert die Street-Parade auf «Nizza»?

Grosse Menschenansammlungen stehen seit der Lastwagen-Amokfahrt in Frankreich noch mehr im Fokus als sonst. Mit Folgen für den Techno-Umzug. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...