Bitte nicht ins Netz stellen

Die Welt kann am Horror teilnehmen. Wer seinen Videoschnipsel auf Youtube teilt, macht sich unfreiwillig zum Gehilfen der Mörder.

Jemand filmt immer mit: Still eines Amateurvideos der Angreifer auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» im Januar 2015.

Jemand filmt immer mit: Still eines Amateurvideos der Angreifer auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» im Januar 2015. Bild: Reuters

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Man will wegschauen und muss doch hinsehen, man ist so abgestossen wie vom Sog erfasst. Ein Lastwagen rast in eine Menge. Körper fliegen durch die Luft, Menschen mit grotesk verrenkten Gliedern liegen reglos da. Die Leute laufen in Panik umher. Unser Gehirn funktioniert so; wer die Bilder sieht, dem signalisiert es: Gefahr, Alarm, es könnte auch dich treffen. Zu allen Zeiten war es das Ziel von Terroristen, dass sich die Augen der Tatzeugen vor Schreck weiten und sie diesen Schrecken weitertragen. Terror ist eine Botschaft: Sei dir selbst und deines Lebens nicht sicher.

Das ist alt am Terror des 21. Jahrhunderts. Neu ist das Medium, das die Botschaft transportiert, potenziert – und so auch selber formt. Inzwischen gibt es immer irgendwo ein Smartphone mit aufnahmebereiter Kamera und eine Datenverbindung ins Netz. Die Welt kann teilnehmen am Horror, quasi live, ob der in Nizza geschieht oder in Orlando, Florida. Das Medium bestimmt die Botschaft – der Kommunikationsforscher Marshall McLuhan, der das vor 50 Jahren sagte, wäre wahrscheinlich erschüttert, wenn er sähe, wie wahr sein Satz geworden ist. Das Medium bestimmt die Art der Tat. Auch die Kopfabschneiderei der Mörder vom IS wirkt ja erst durchs Internet. Und wer seinen Videoschnipsel auf Youtube teilt, macht sich unfreiwillig zum Gehilfen der Mörder, ob aus Zorn und Verzweiflung, ob im Versuch, das Unfassbare zu fassen – oder aus Geltungsdrang.

Aus Respekt vor den Toten

Bei Twitter oder Facebook sind die schockierenden Sequenzen schnell gelöscht. Im unkontrollierbaren Netz leben sie weiter als Propaganda und Gewaltporno; die terroristische wie die kapitalistische Verwertungslogik gehen eine groteske Symbiose ein. Die Täter müssen gar nicht mehr hochideologisiert sein; sie brauchen weder jahre­langes Training noch eine besondere Logistik. Es genügt die richtige Mischung aus Depression, Aggression und Todessehnsucht, der unbestimmte Hass auf «die» anderen, Andersgläubigen; ferner ein Umfeld, das den Hass bestätigt und nährt. Die Bilder, die zeigen, wie man Herr über das Leben und den Tod wird, um den Preis des eigenen Lebens, tun das Übrige.

Welche Macht die Bilder der Gewalt entwickeln können, haben die vergangenen Wochen in den USA gezeigt: Ein Polizist erschiesst einen afroamerikanischen Autofahrer, seine Freundin filmt den Sterbenden (auch das unvorstellbar im analogen Zeitalter), es gibt Proteste, dann fallen die Schüsse von Dallas. Und kaum hat die Welt sich von diesen Bildern losgerissen, kommt der nächste Sog: Nizza. Ein Lastwagen. Totgefahrene Menschen.

Bitte nicht ins Netz stellen, fleht die Polizei – schon allein aus Respekt vor den Toten, Verletzten, Angehörigen. Traurig genug, dass man überhaupt darum bitten muss. Der Verzicht auf die Bilder wäre aber noch mehr als Anstand: Gewaltverzicht nämlich, und folglich ein kleiner Betrag, damit das Zivile stärker bleibt als der Terror. Ein anderer: den Bildern des Todes Bilder des Lebens entgegensetzen; des Trauerns, des Tröstens, des freiheitlich- demokratischen Trotzes. Es ziehen im Netz ja nicht nur der Hass und die Gewalt die Nutzer an. Es findet ja der Schwarm auch jene kleinen Geschehnisse des Menschlichen, die ahnen lassen, dass die Welt nicht nur aus Abgrund besteht.

Erstellt: 15.07.2016, 21:41 Uhr

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